Wir brauchen alle mal eine Auszeit von unserem Handy.
Kein anderes Gerät schreit so sehr nach Aufmerksamkeit wie unsere Alleskönner für den Alltag. Deswegen greife ich bei langen Bahnfahrten inzwischen am liebsten zu meinem E-Reader und lese.
Geräte wie die Tolinos oder Kindles haben mir dabei geholfen, unzählige Bücher zu entdecken und sie immer dabei zu haben. Obwohl sie gegenüber einem physischen Buch viel Platz sparen, gehen andere Geräte noch einen Schritt weiter: E-Reader im Handyformat.
Ich habe so einen ausprobiert, den Viwoods AiPaper Reader – und jetzt will ich gar nicht mehr anders lesen.
Ein E-Reader im Handyformat – oder ein Handy mit E-Reader-Display?
Mini-E-Reader, wie der von mir getestete Viwoods AiPaper Reader, sehen aus wie Smartphones, verwenden aber ein E-Ink-Display, wie wir es von Kindle und Co. kennen.
Abgesehen davon sieht das Gerät aus wie ein sehr schlankes Smartphone. Der Metallrahmen ist nur 6,7 Millimeter dünn und besteht aus Aluminium. An der Oberseite befinden sich drei Antennenstreifen, wie wir sie auch von Handys kennen.
Der AiPaper Reader hat sogar einen SIM-Kartenslot und eine vorinstallierte Telefonie-App. Dank Android 16 kann er theoretisch als richtiges Handy verwendet werden.
Ich habe das drei Tage selbst ausprobiert, weil mich die Vorteile gegenüber einem klassischen Smartphone ziemlich gereizt haben:
- Augenschonendes Display, das optimal zum Lesen ist
- Sehr lange Akkulaufzeit
- Android 16 ohne Google-Anbindung (die sind optional aktivierbar)
Vor allem den letzten Punkt fand ich sehr verlockend. Die Google-Dienste sind bei diesem Gerät aus der Box heraus deaktiviert. Stattdessen lädt man Apps über Drittanbieter-Stores herunter oder weicht auf Sideloading und APK-Dateien aus.
Der AiPaper Reader könnte für mich das perfekte Anti-Smartphone-Smartphone sein – doch leider habe ich das Experiment aufgrund einiger Einschränkungen doch wieder abgebrochen:
- Keine Kamera: Das ergibt bei einem Gerät mit E-Ink-Bildschirm ohnehin wenig Sinn.
- Keine Lautsprecher: Man kann zwar mit dem AiPaper-Reader Musik hören und telefonieren, aber dafür sind stets Bluetooth-Kopfhörer notwendig.
- Keine Benachrichtigungen: Push-Benachrichtigungen sind systemweit deaktiviert, was bei einem E-Reader sehr viel Sinn ergibt, aber bei einem Handy weniger. Ich habe die Benachrichtigungen sowieso auf ein Minimum reduziert, aber gar keine erhalten zu können, ist mir leider noch zu extrem.
- Nicht wasserdicht: Die meisten Handys und auch viele E-Reader sind inzwischen gegen Wasser geschützt. Der Viwoods AiPaper Reader nicht.
Der AiPaper Reader von Viwoods kann also theoretisch als Handy-Ersatz verwendet werden, aber dafür ist er gar nicht konzipiert, und das merkt man.
Seine größte Stärke liegt im Lesen von E-Books.
Keine Kamera: Die Rückseite des kleinen E-Readers flach. Eine dünne Kunststoff-Hülle liegt im Lieferumfang bei. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Jedes Buch in der Hosentasche
Der praktischste Vorteil eines E-Readers im Smartphone-Format ist die Tatsache, dass ich jedes Buch direkt in meiner Hosentasche dabei haben kann. Ich brauche nicht einmal eine Tasche.
Aus der Fotografie habe ich gelernt, dass die beste Kamera die ist, die man dabei hat. Das lässt sich auch auf andere Dinge übertragen, und diesen E-Reader habe ich wirklich immer und überall mit mir.
Obwohl ich gerne lese, gibt es immer noch Momente, an denen es mir schwerfällt einfach anzufangen – dann startet man doch aus Gewohnheit ein Spiel oder checkt die Benachrichtigungen auf dem Handy.
Ein kleiner E-Reader macht diese Hürde noch kleiner – wortwörtlich.
Beim Lesen fühlt es sich nahezu genauso an, als würde ich ein Handy halten. Gerade bei Kindle & Co. kann es wegen der Größe und dem breiten Formfaktor manchmal etwas schwierig sein, das Gerät komfortabel zu heben, vor allem wenn man im Liegen liest.
Dazu kommt das leichte Gewicht von 138 Gramm und der bequeme abgerundete Rahmen – perfekt für einen E-Reader zum Immer-dabei-haben.
Ein exzellenter E-Ink-Bildschirm – aber nicht für alles
Der Bildschirm des Viwoods AiPaper Reader ist hervorragend – aber nicht für alles geeignet: Mit einer Pixeldichte von 300 ppi sieht der Text gestochen scharf und wie aufgedruckt aus. Die meiste Zeit über kann ich die Hintergrundbeleuchtung ausgeschaltet lassen und nur mit dem Umgebungslicht lesen. Durch die matte Beschichtung gibt es außerdem keine störenden Reflexionen.
Wer wie ich hauptsächlich Textbücher liest, erhält mit diesem Gerät einen der besten Bildschirme in diesem Formfaktor.
Ich liebe es auf diesem Bildschirm unter freiem Himmel zu lesen. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Das heißt allerdings nicht, dass er sich für alles eignet; es sind ein paar Nachteile an Bord, die ihr unbedingt vorher kennen solltet:
- Kein Warmlicht: Die Hintergrundbeleuchtung ist kaltweiß und kann nicht verändert werden. Ein wärmeres Licht wäre besonders für das Lesen in den späten Abend- oder Nachtstunden nützlich gewesen.
- Schlecht geeignet für Comics und Mangas: Der schmale 6,13 Zoll große Bildschirm ist für Comics und Mangas schlichtweg zu klein. Zudem handelt es sich hierbei um monochromes Display, das keine Farben darstellen kann.
- Viele Zeilensprünge: Weil der Bildschirm so schmal wie der eines Smartphones ist, springt ihr deutlich häufiger von einer Zeile zur nächsten. Ob das stört, ist natürlich jedem selbst überlassen, aber ihr solltet euch das vorher bewusst sein.
Die Beleuchtung ist leider nur in einem kalten Weiß verfügbar. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Android 16 eröffnet so viele Möglichkeiten
Android als Betriebssystem ist bei kompakten E-Readern schon länger kein Alleinstellungsmerkmal mehr, aber dass hier die aktuellste Version installiert ist, ist nicht selbstverständlich. Viele Produkte der Konkurrenten werden noch mit sehr alten Versionen ausgeliefert.
Android 16 hat einen großen Vorteil: Ich kann auf diesem E-Reader nahezu sämtliche Android-Apps verwenden (bei deaktivierten Google-Diensten sind natürlich die ausgenommen, die die Aktivierung voraussetzen).
So nutze ich das Android-Betriebssystem in der Praxis:
- NAS-Zugriff: Über die UGREEN-App greife ich auf alle meine Bücher zu, die ich auf meinem NAS gespeichert habe und lade sie auf den internen Speicher herunter (128 GB).
- Kindle-App: Einige meiner E-Books sind auf meinem Kindle-Konto gespeichert und mit der App greife ich ganz einfach auf sie zu und lese sie auf dem AiPaper Reader.
- Tolino-App: So greife ich auf alle Bücher zu, die ich über Osiander, Thalia und Co. gekauft habe
- Lokale Reader-Apps: Auf dem Gerät ist eine Reader-App mit dem Namen »Learning« installiert. Damit lese ich alle lokal gespeicherten Bücher (EPUB, PDF, MOBI, AZW). Die App unterstützt sogar das Umblättern mit den Lautstärketasten.
- Onleihe-App: Über die Online-App leihe ich digitale Bücher aus meiner örtlichen Stadtbibliothek aus. So muss ich nicht zwingend einen Tolino oder ein Pocketbook verwenden, die beide nativ von der Onleihe unterstützt werden.
- Localsend: Mit dieser App sende ich schnell und einfach Bücher von meinem PC oder Handy über das lokale Netzwerk direkt auf den E-Reader.
- Good News: Die meiste Zeit lese ich im Flugzeugmodus, aber wenn mich gerade die guten Nachrichten der Welt interessieren, deaktiviere ich ihn und öffne diese App.
- Vivaldi Browser: Manchmal lese ich auch Online-Artikel auf dem Gerät und dafür habe ich meinen Standardbrowser installiert, der sich mit meinen gespeicherten Browser-Daten synchronisiert.
Die Möglichkeiten sind dank des Betriebssystems vielfältig; endlich ein E-Reader, der alle anderen ersetzen kann und dann auch noch in meine Hosentaschen passt.
Es ist sogar eine dedizierte KI-Taste verbaut (die ich immer wieder mal versehentlich gedrückt habe), mit der ihr sofort mit einigen bekannten KI-Chatbots chatten könnt. Genau wie beim AiPaper-Tablet, das ich zuvor getestet habe, ist das vollkommen kostenlos. Viwoods scheint die Kosten dafür selbst zu übernehmen.
Die Funktion ist ganz nützlich, um gelegentlich eine Frage zu einem Buch schnell beantwortet zu bekommen, allerdings würde ich keine privaten Details darin teilen, da die Chatlogs sehr wahrscheinlich über den Hersteller geleitet werden.
Alles in allem liebe ich es, dass auf diesem E-Reader Android 16 installiert ist, aber zwei Nachteile gibt es dennoch.
Android: Es gibt zwei Haken
Keine Updates von Google: Da das Gerät sehr stark angepasst wurde und sogar die Google-Dienste erst über die Einstellungen aktiviert werden müssen, wird es wohl keine großen OS-Updates erhalten. Stattdessen liefert der Hersteller eigene Updates – in meinem Testraum von etwa zwei Wochen habe ich eines erhalten. Noch sind alle Apps kompatibel, doch in einigen Jahren könnte der Vorteil des Betriebssystems kleiner und kleiner werden.
Tolle Akkulaufzeit für ein Android-Gerät, mittelprächtig für einen E-Reader: Mit einer vollen Ladung und täglichem Lesen nach Feierabend hält der Akku bei mir etwa sieben bis zehn Tage durch. Das ist sehr beachtlich im direkten Vergleich mit klassischen Smartphones und Tablets, aber keine Meisterleistung in der Welt der E-Reader. Geräte wie der Kindle Paperwhite oder der Tolino Shine Color halten gut und gerne mal vier bis sechs Wochen durch.
Fazit: Lesen statt Scrolling – ein Mini-E-Reader könnte die perfekte Lösung sein
Linh: Inzwischen bin ich voll überzeugt über den Formfaktor von diesem Gerät. Mit einem Preis von 290 Euro ist es etwas teurer als die meisten E-Reader, aber für den Preis und vor allem die wertvoll genutzte Zeit, wert.
Ich habe das Gerät ständig dabei und lese immer wieder mal ein Kapitel, anstatt auf dem Handy zu scrollen. Ich bin deswegen schon gespannt, weitere Geräte in dieser Kategorie auszuprobieren, wie etwa der Boox Palma 2 oder der Xteink X4.
Kleine E-Reader wie der Viwoods AiPaper Reader fügen sich perfekt in die heutige von Smartphones geprägte Zeit ein und sind tolle Alternativen zu Kindle und Co..
Nur wer gerne Comics und Mangas liest und häufige Zeilensprünge nervig findet, sollte lieber zu einem größeren Gerät greifen.

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