Kennt ihr dieses Gefühl? Ihr habt gerade ein gigantisches Rollenspiel beendet, der Abspann rollt und ihr sitzt vor eurem Rechner und fühlt euch einfach nur leer. In den vergangenen Wochen habt ihr so viel Energie und Emotionen in euer virtuelles Abenteuer gesteckt, dass ihr jetzt, wo alles vorbei ist, nichts so recht mit euch anzufangen wisst.
Experten nennen dieses Phänomen Post-Game-Depression
. Psychologen der polnischen Hochschulen SWPS University und Stefan Batory Academy of Applied Sciences haben das Gefühlstief nun erstmals näher wissenschaftlich untersucht und sogar eine Skala entwickelt, um diese Erfahrung messbar zu machen.
Die Ergebnisse veröffentlichten sie im Magazin Current Psychology. Ziel der Wissenschaftler ist es, zu verstehen, wie sich modernes Gaming auf die mentale Gesundheit auswirkt.
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Was haben die Wissenschaftler untersucht?
Videospiele nehmen unserer Gesellschaft mittlerweile einen wichtigen Raum ein. Laut der Forscher spielen mittlerweile 53 Prozent der Menschen zwischen 6 und 64 Jahren regelmäßig. Nur Fernsehen und Social Media liegen mit ihrer Reichweite noch darüber. Trotzdem ist unser wissenschaftliches Verständnis über die psychologischen Effekte von Gaming noch vergleichsweise gering.
Spiele werden immer komplexer und bieten zunehmend mehr als nur Unterhaltung. Für viele Menschen ist das Durchspielen eines langen, fesselnden Spiels nicht nur ein Moment der Befriedigung, sondern auch eine emotionale Herausforderung
, schreibt Psychologe Dr. Kamil Janowicz von der SWPS-Universität. Gemeinsam mit seinem Piotr Klimczyk hat er die Post-Game Depression Scale
entwickelt.
Damit wird die Intensität der Emotionen gemessen, die Spieler nach Beendigung eines Spiels empfinden. Die beiden Wissenschaftler definieren die sogenannte Post-Game-Depression als ein Gefühl von Traurigkeit und Leere nach dem Ende einer besonders immersiven Erfahrung.
Für ihre Studie haben Janowicz und Co. insgesamt 373 Teilnehmer befragt, die täglich oder mindestens fast jeden Tag Videospiele konsumieren. Anhand der Antworten konnten die Wissenschaftler vier Kernaspekte einer Post-Game-Depression identifizieren:
- Häufiges Nachdenken über das Spiel, bzw. die Handlung
- Ein emotional schwieriges Ende des Spielerlebnisses
- Der Wunsch oder das Bedürfnis, das Spiel erneut zu spielen
- Medienanhedonie, also ein vermindertes Interesse an anderen Unterhaltungsarten wie etwa Fernsehen
Am häufigsten sei bei vielen Studienteilnehmern das häufige Nachdenken über ein Spiel nach dessen Ende als Symptom zutage getreten. Je stärker die Post-Game-Depression, desto stärker sei das generelle Wohlbefinden der Teilnehmer abgesunken.
Rollenspieler besonders betroffen
Ein besonders interessantes Ergebnis der neuen Studie ist allerdings, dass die Spieler von Rollenspielen besonders anfällig für Post-Game-Depressionen sind: Das liegt wahrscheinlich daran, dass Spieler in diesen Spielen durch ihre Entscheidungen den größten Einfluss auf die Charakterentwicklung nehmen und mit ihrem Charakter eine starke emotionale Bindung formen
, schreiben die Forscher.
Menschen, die generell grüblerischer Natur sind und viel nachdenken, neigen laut den Ergebnissen zudem eher dazu, eine stärkere Form der Post-Game-Depression zu erleben. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Post-Game-Depression eine Form von Trauer sei, ähnlich dem Gefühl, eine wichtige Bindung zu verlieren oder einen bedeutenden Lebensabschnitt abzuschließen.
Für die Zukunft erhoffen sich die Forscher, durch Ihre Ergebnisse zu einer neuen Art von Game Design beizutragen, die das mentale Wohlbefinden der Spieler berücksichtigt.
So gehen wir mit »Post-Game-Depression« um
An dieser Stelle wollen wir anhand von drei persönlichen Geschichten aus der GameStar-Redaktion vorstellen, wie wir mit der großen Traurigkeit nach dem Ende eines famosen Videospiels umgehen und wann wir uns so gefühlt haben:
Jesko Buchs: Ich erinnere mich noch gut an den Release von The Witcher 3. Als das Spiel im Mai 2015 erschien, schwänzte ich für ein paar Tage die Schule, um das Ende von Geralts Reise innerhalb von zwei Wochen durchzuboxen. Auf dem Weg zum Finale habe ich mit Geralt gelacht und auch das ein oder andere Mal geweint. Noch immer bewegt mich die Szene, in der er Ciri leblos auf der Nebelinsel findet, tief.
Und dann war alles plötzlich vorbei. Die Wilde Jagd war besiegt, die Weiße Kälte verbannt und Ciri hatte sich als Hexerin auf ihren eigenen Weg gemacht. Und ich saß nach dem Abspann vor meinem PC und fragte mich, was ich nun mit meinem Leben anfangen soll. Denn die Erfahrung mit The Witcher war so intensiv, dass ich mich fragte, ob mich je wieder ein Videospiel so sehr emotional würde berühren können.
Und tatsächlich haben das bis heute auch nur sehr wenige Spiele noch einmal in diesem Maße geschafft. Nier: Automata, Final Fantasy X, The Last of Us oder das erste Life is Strange riefen in mir nach dem Durchspielen eine ähnliche innere Leere hervor.
Eine wirkliche Lösung dafür habe ich bis heute nicht gefunden. Meine Devise lautet daher: Den Schmerz aushalten. Denn nur wer ein Spiel auch vollendet, kann seine Geschichte auch im angedachten Gesamtumfang erleben. Und meistens geht dieses Gefühl der Leere nach einigen Wochen dann auch von ganz allein vorbei.
Stephanie Schlottag: Um diesem speziellen Abschiedsschmerz am Ende eines tollen Spiels zu entkommen, habe ich mir eine etwas ungewöhnliche Methode überlegt: Ich spiele einfach absichtlich nicht fertig. Entweder höre ich vor dem Finale auf und fange lieber noch einmal von vorne an oder, häufiger: Ich spare mir ganz bewusst bestimmte Quests oder DLCs auf.
So weiß ich immer, dass ja noch etwas mehr von dem Spiel auf mich wartet - es ist also gar nicht wirklich vorbei, lalala! Damit lässt sich mein Hirn tatsächlich gut überlisten. Und sollte dann doch irgendwann eine Fortsetzung erscheinen, ist endlich die Zeit gekommen, mein geliebtes Spiel erneut durchzuspielen. Diesmal zu 100 Prozent. Denn dann kann kann ich direkt beim Nachfolger weitermachen.
Natalie Schermann: Mich beschleicht das in der Studie beschriebene Gefühl auch recht häufig. Aber ich finde, es ist manchmal sogar ganz schön. Denn dann weiß man, dass es ein richtig gutes Spiel war, das im Gedächtnis bleibt.
Und wenn ihr nicht gerade wie Steffi eure Trauer verdrängt, dann stürzt euch doch in ein Loch, wo euer gesamter YouTube-Feed nur noch aus diesem einen Spiel besteht. So könnt ihr anderen Leuten dabei zusehen, wie sie das Spiel zum ersten Mal erleben - ach, diese Glückspilze.
Welche Erfahrungen habt ihr mit Post-Game-Depression
gemacht? Welche Spiele haben euch besonders berührt? Und was denkt ihr generell über die wissenschaftliche Erforschung geistiger Gesundheit im Gaming? Schreibt uns eure persönlichen Geschichten gerne in die Kommentare!
In der obigen Linkbox findet ihr derweil noch weitere Meinungsbeiträge aus der GameStar-Redaktion.

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