Silent Hill 2 macht mich glücklich. Denn es ist selbst fast ein Vierteljahrhundert nach Release das beste psychologische Horrorspiel, das ich erleben durfte.
Silent Hill 2 macht mich traurig. Nicht nur mit seiner Story – sondern weil ich das Horrorspiel nie wieder zum ersten Mal erleben kann.
Silent Hill 2 macht mich wütend. Weil ich jetzt unweigerlich jeden Psycho-Horror damit vergleiche – und nichts damit mithalten kann. James' Geschichte hat eine Messlatte gelegt, die für die meisten psychologischen Horrorspiele 15 Stockwerke zu hoch angesetzt ist.
Über die Story, die unzähligen Interpretationsmöglichkeiten, die winzigen Details wurde schon viel gesagt. Das hier soll deshalb keine Analyse von Pyramid Head oder James Sunderland sein. Viel mehr ist das ein Liebesbrief an das Spiel, das ich in meinen unruhigen Träumen sehe. Silent Hill 2.
Vorsicht, Spoiler!
Falls ihr Silent Hill 2 oder das Remake noch nicht gespielt habt und es noch vorhabt, dann tut euch den Gefallen und lasst erstmal die Finger von dieser Kolumne! Das Horrorspiel wirkt am besten, wenn ihr komplett ohne Vorwissen hineingeht.
Und falls ihr es noch nicht gespielt habt und es nicht vorhabt ... denkt bitte nochmal drüber nach!
13:49
Silent Hill 2 - Das Remake zeigt euch im Trailer ganze 13 Minuten schaurig-schönes Gameplay
50 Abstufungen von Grau
Ich könnte vermutlich ganze Doktorarbeiten mit meinen Schwärmereien zu Silent Hill 2 füllen. Ich reiße mich aber zusammen und beschränke mich auf drei wichtige Punkte, die das Spiel für mich so einzigartig und stark machen.
Silent Hill 2 nimmt mich ernst
Silent Hill 2 behandelt schwere Themen. Nicht nur James' Geschichte ist von Tragik und Schmerz gefüllt. Auch die Nebencharaktere wie Angela oder Eddie gehen durch ihre ganz persönliche Hölle. Als Spielerin decke ich gemeinsam mit James immer mehr über die Vergangenheit der Personen auf und lerne, welche Schrecken dahinter lauern. Aber zu keinem Zeitpunkt spielt Silent Hill 2 Moralapostel. Es erklärt mir nicht alle Details, lässt ein paar ambivalente Andeutungen bewusst stehen, ordnet sie nicht ein.
Selten fühlt sich ein Spiel für mich derart erwachsen an. Ich bilde mir meine eigene Meinung, lasse vielleicht sogar meine eigenen Erfahrungen einfließen – wie etwa im Falle von Eddie, der Opfer von starkem Mobbing wurde, was ihn letztendlich selbst zum Täter machte.
Silent Hill 2 wirft mir kleine Köder hin, die regelmäßig zu einem fetten Kloß in meinem Hals mutieren, wenn ich anbeiße und mich tiefer in dieses Spiel, diese Stadt, diese Charaktere fallen lasse. Aber bis zum Schluss sagt mir Silent Hill 2 nicht, was ich darüber zu denken habe – und das geht nahtlos in Punkt 2 über.
Silent Hill 2 ist nicht schwarz und weiß
Das Horrorspiel setzt mir keine zweidimensionalen Charaktere vor, die nur so vor Klischees triefen. Stattdessen habe ich es hier mit Persönlichkeiten zu tun, die schwer zu greifen sind, mir mit jedem Gespräch mehr und mehr Facetten offenbaren und die ich bis zum Schluss nicht komplett knacken kann. Selbst die kleine Laura ist mehr als nur ein kleiner Rotzlöffel, der mir das Leben schwer macht. Hinter der kindlichen Unbeschwertheit verbirgt sich eine Seele, die schon mehr im Leben durchgemacht zu haben scheint, als ein Kind in diesem Alter durchmachen sollte.
Wenn Stereotype benutzt werden, dann sehr bewusst, weil sie eine wichtige Bedeutung tragen – dazu gehört beispielsweise Maria, die sich James sehr aufreizend und kokett präsentiert. Aber auch in ihr schlummert mehr als nur die Sex-Bombe, die sie nach Außen darstellen soll. Auch sie ist eine Verkörperung von James' turbulentem Innenleben – und dann bleibt ja noch die Frage offen, ob sie ein Leben vor James hatte oder nur aus seinen Gelüsten und seiner Sehnsucht geboren wurde.
Allen voran ist aber natürlich James Sunderland der König der Grauabstufungen in Silent Hill 2. Er ist ein Mörder, der seine Frau geliebt hat. Ein fürsorglicher Ehemann, dem sein eigenes Glück wichtiger war. Ein Mann, der nach Erlösung gesucht hat und das jetzt so sehr bereut, wie nichts anderes in seinem Leben. Könnt ihr mit voller Überzeugung sagen, ob James ein guter Mensch ist oder nicht? Mir fällt das unglaublich schwer und genau dafür liebe ich Silent Hill 2.
Es lässt mich mit diesen unangenehmen Gedanken alleine. Dass auch gute Menschen zu Bösem fähig sind. Dass manche unverzeihlichen Taten aus guten Absichten entstehen. Dass Beziehungen so viel komplizierter sind als »Sie hat recht und er nicht«. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der so viel Schwarz-Weiß-Denken existiert, ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass das Leben nicht so einfach funktioniert. Wir Menschen sind so viel komplizierter, bestehen aus unzähligen Widersprüchen, die trotzdem ein einheitliches Ganzes ergeben ... womit wir zum letzten Punkt kommen.
Silent Hill 2 ist erschreckend menschlich
SH2 hat ein fantastisches Monster-Design. Die Krankenschwestern, die Schaufensterpuppen mit Stripper-Stiefeln und natürlich Pyramid Head: All diese Kreaturen jagen mir einen Schauer über den Rücken – vor allem dann, wenn ich die Bedeutung hinter ihnen verstehe. Der Schrecken, der selbst nach dem Durchspielen an mir kleben bleibt, ist aber die Realisation, wie menschlich das Grauen in Silent Hill 2 doch ist.
Es ist die menschliche Seele, die am Ende den Abgrund erschafft, in den James stundenlang hinabsteigt. Silent Hill 2 zeigt, wie eng intensivste Gefühle verbunden sein können. Es ist nur ein kleiner Schritt, der aus brennender Liebe zerstörerischen Hass macht. Fürsorge geht Hand in Hand mit Verachtung. Lust und Verlangen werden besucht von Schuld und Reue.
Eigene Bedürfnisse rangeln mit absoluter Hingabe. Die Angst vor Verlust und Trauer werden begleitet von Erleichterung und Frieden. Das ist komplex, verwirrend, grausam und so derart menschlich, dass es mir jedes Mal das Herz in tausende Stücke zerreißt.
Silent Hill 2 ist ein Spiegel, der mir mit einfachen, aber genialen Mitteln das menschliche Wesen vorhält und mich in den tiefen Abgrund blicken lässt. Obwohl ich viele der Gefühle und Gedanken nicht selbst erlebt habe, zieht es mich mit in die dunkelsten Winkel des Mensch-Seins. Ich bin wütend, enttäuscht, schockiert – und will James gleichzeitig aber einfach nur in den Arm nehmen.
Kein anderes Spiel hat es bisher geschafft, solch eine Palette an Gefühlen in mir hervorzulocken, mich derart gegen mich selbst auszuspielen und mich mit diesem emotionalen Chaos allein zu lassen. Und ich bezweifle, dass für mich ein Spiel jemals an die Subtilität, Feinfühligkeit und Excellence eines Silent Hill 2 herankommen wird ... hach.
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