»Hm« ist meine erste Reaktion, als die Credits zu Return to Silent Hill über den Bildschirm laufen. Fast 20 Jahre nach dem ersten Silent-Hill-Film kehrt Filmregisseur Christophe Gans zurück, um eine der legendärsten Videospielgeschichten überhaupt zu verfilmen: Silent Hill 2.
Doch während das Videospiel mein Herz in tausend Stücke zerreißt, meine moralischen Vorstellungen herausfordert und mich in dunkelste menschliche Abgründe blicken lässt, macht Return to Silent Hill ... nichts mit mir.
Ich hatte keine großen Erwarten an den Film, wurde aber trotzdem enttäuscht. Dabei startet der Streifen mit guten Voraussetzungen und durchaus spannenden Ideen – biegt unterwegs aber in eine extrem merkwürdige Richtung ab, die Return to Silent Hill selbst nicht erklären kann, zumal ihm hinten raus immer mehr die Puste ausgeht.
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Return to Silent Hill: Nach 13 Jahren kehrt der Horror auf die Kino-Leinwände zurück, jetzt zeigt der erste Teaser das Monster, das wir alle erwartet haben
In meinen rastlosen Träumen sehe ich diese Stadt ...
Für Hardcore-Fans startet Return to Silent Hill direkt mit einer Blasphemie: Nicht nur der Beginn von James' (Jeremy Irvine) Geschichte wurde etwas verändert, sondern auch die legendären Zeilen aus Marys (Hannah Emily Anderson) Brief. Dass sich Christophe Gans am Anfang kreative Freiheit gönnt – geschenkt.
Denn gerade in den ersten 30 bis 40 Minuten holt mich die Spieladaption ab: An unterschiedlichen Stellen finde ich kleine Easter Eggs, die ich nickend zur Kenntnis nehme. Die Atmosphäre reißt mich mit und die Musik von Akira Yamaoka höchstpersönlich jagt mir schon beim ersten Ton eine Gänsehaut über die Arme.
Ähnlich wie schon der erste Film (ebenfalls unter der Regie von Gans) fängt Return to Silent Hill die Grundstimmung gut ein, führt mich als Zuschauerin in die neblige Stadt, macht mich mit den Monstern vertraut. Die CGI wirkt zwar unbeholfen, darüber kann ich aber größtenteils hinwegsehen – denn ich klebe gebannt am Bildschirm, weil ich unbedingt wissen will, wie sich der Rest des Film entfaltet.
Und dann geht's plötzlich Berg ab.
Die perfekte Story war doch schon geschrieben ...
Ich finde es super, dass Silent Hill 2 seine Fans zum Grübeln bringt und bis heute unzählige Theorien und Interpretationen im Umlauf sind. Ich sehe auch nichts Verwerfliches darin, die Geschichte und ihre Charaktere neu zu interpretieren und die Filmadaption an eine andere Vision anzupassen. Gans macht das aber so unelegant, wie es nur geht.
Ohne zu viel zu spoilern: In Return to Silent Hill hat James einen viel stärkeren Bezug zu der Stadt, denn Mary und er haben dort gelebt und viel Zeit verbracht. Marys Hintergrundgeschichte ist auch deutlich ausgearbeiteter als im Spiel, was direkt eine andere Dynamik zwischen James, ihr und mir als Zuschauerin schafft.
Außerdem werden Dinge zusammengeworfen, die überhaupt nicht zusammengehören und damit gewissen Themen und Charakteren die Chance rauben, auch mal im Rampenlicht zu stehen und nicht nur als Nebensatz abgehandelt zu werden.
Eine Änderung macht mich besonders wütend. Ich bleibe bei meiner Erklärung bewusst vage und verrate nichts Entscheidendes zur Story. Aber wenn ihr euch gar nicht spoilern lassen wollt, dann überspringt einfach den folgenden Kasten:
Warnung: der folgende Absatz enthält Spoiler
Spoiler anzeigen
Manch einem wird bereits aufgefallen sein, dass Angela von derselben Schauspielerin verkörpert wird, die auch Mary und Maria spielt. Ihr könnt euch wahrscheinlich bereits denken, welche Änderung das in der Story mitbringt. Während mir in Silent Hill 2 das Herz bricht, wenn ich Angela begegne und ihrer Geschichte folge, starre ich im Film fassungslos auf das Geschehen.
Die Schauspielerin Hannah Emily Anderson schafft es leider so gar nicht, mich emotional abzuholen. Angela wirkt in ihrer Interpretation wie eine hysterische Göre, die Antipathie statt Mitleid und Erschütterung hervorruft. Ihr Schicksal ist ein Trittstein, um Marys Charakter zu füttern – und in diesem Prozess geht jeglicher Respekt vor Angelas Trauma verloren, das im Spiel eine solch intime Rolle einnimmt.
Return to Silent Hill erteilt mit all seinen Änderungen James eine Absolution. Statt einen tragischen Charakter à la Schuld und Sühne zu verkörpern, wird Herr Sunderland fast schon zu einer Art Held, einem strahlenden Orpheus, der seine Geliebte sucht, um Erlösung zu bringen.
Große Teile der Geschichte werden radikal umgeschrieben – andere bleiben hingegen genauso erhalten wie im Spiel. Wenn aber der gesamte Kern verändert wird, wirken die Überbleibsel wie ein plumper Versuch, mehr Tiefe in etwas zu bringen, das jeglichen Tiefgang verloren hat. Jegliche Symbolik geht flöten, Charaktere verlieren ihren Sinn und werden – mal wieder – zu reinen Maskottchen. Ja, ich schaue dich an, Pyramid Head!
Selbst Maria (Hannah Emily Anderson), Dreh- und Angelpunkt des Spiels, verkommt zu einem nervigen Anhängsel. Zwischen ihr und James entsteht keinerlei Chemie, weder ihre noch seine Motivationen werden klar und der Film hätte genauso gut ohne sie funktioniert.
Funktioniert das wenigstens als Psycho-Horror?
In einem Interview erklärt mir Regisseur Christophe Gans, dass vor zwanzig Jahren, als die erste Silent-Hill-Verfilmung das Licht der Welt erblickte, noch niemand psychologische Horrorfilme verstanden habe. Return to Silent Hill wolle sich noch stärker darauf fokussieren. Aber funktioniert das?
Nun, für mich nicht. Gegen Ende hat der Film coole visuelle Ideen und Anflüge von spannenden Gedanken – aber nichts, was ich nicht schon zig mal in deutlich besserer Ausführung gesehen habe. Ich kaufe Jeremy Irvine den innerlich zerrissenen James nicht ab.
Die psychologischen Horror-Momente plätschern einfach vor sich hin, emotionale »Höhepunkte« sind schneller rum, als ich mit den Augen rollen kann. Ich kann keinerlei Bezug zu den Charakteren, der Story und Gans' Vision entwickeln. Jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, den Film endlich greifen zu können, gleitet er mir wieder aus der Hand.
- Die fantastische Musik des Original-Komponisten.
- Die Grundstimmung des mysteriösen Silent Hills.
- Das Set und die Arbeit mit vielen praktischen Effekten.
- Die wirre und verwässerte Story, die selbst im eigenen Kontext keinerlei Sinn ergibt.
- Das Schauspiel, das sehr durchwachsen bis miserabel ausfällt.
- Charakteren wird der Sinn entrissen und sie verkommen zu reinen Maskottchen, die selbst nicht zu verstehen scheinen, wo ihr Platz in der Welt ist.
- Gewisse Änderungen, die schweren Themen nicht den nötigen Respekt zollen.
Geschmäcker sind zum Glück unterschiedlich und vielleicht packt euch der Film da, wo er mich kalt gelassen hat. Für mich ist Return to Silent Hill allerdings nicht nur eine missglückte Videospieladaption, sondern auch ein höchstens mittelmäßiger Horrorfilm. Ein Horrorfilm, der komplett an mir abprallt und direkt in Vergessenheit geraten würde, wenn tief in mir drin nicht ein Funken Hoffnung geschlummert hätte, dass es doch was werden könnte ...
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