Heute kaum noch vorstellbar. Aber es gab eine Zeit, in der Fans von Star Wars ganz schön auf dem Trockenen saßen und nach jedem noch so kleinen Krümel gierten, der ihnen von den Lizenzinhabern zugeworfen wurde. Insbesondere nachdem Episode 6 in den Kinos gelaufen ist, sahen sich die Fans mit einer regelrechten Star-Wars-Dürre konfrontiert.
Klar, es gab natürlich immer noch haufenweise Spielzeug und auch einige Romane. Insgesamt befand sich das Franchise ab 1983 allerdings in einer enormen Tiefphase. Das änderte sich 1987, als West End Games das erste Star-Wars-Rollenspiel überhaupt auf dem Markt brachte. Star Wars: The Roleplaying Game ist ein Pen&Paper, in dem Fans das Universum mit Stift, Papier und Würfeln erkunden durften.
Das war aber nicht nur eine wohltuende Oase in der Content-Wüste. Das WEG-Rollenspiel legte den Grundstein für das Expanded Universe und auch heute noch prägt dieses Spiel das gesamte Star-Wars-Universum.
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Star Wars in den 80ern
Heutige Fans können ganz problemlos alles Mögliche über hunderte Charaktere herausfinden, die irgendwann mal für wenige Sekunden in einem Film oder einer Serie zu sehen waren. Es gibt auch einen etablierten Kanon, auf dem das Universum fußt. Wenn heute jemand von einem Rodianer, einem Twi'lek oder einem Quarren spricht, wissen viele Star-Wars-Fans sofort, welche Alienspezies damit gemeint ist. Das sah in den 80ern noch ganz anders aus.
George Lucas hatte für seine Filme zwar ein Universum erschaffen, das sich immer groß und ausdifferenziert anfühlte, in Wahrheit war es aber eben eine Kulisse für seine Filme. Was in den Filmen nicht groß von Bedeutung war, wurde von Lucas auch selten ausführlich beschrieben.
Dazu gehören auch Bezeichnungen für Geräte oder die Namen für einige Figuren, die in den Filmen auftauchen. Der Aqualishaner Ponda Baba (der Kerl, den Obi-Wan in der Mos Eisley Cantina sein Lichtschwert anfassen lässt) wurde jahrelang einfach nur Walross-Mann genannt.
Für das Rollenspiel von West End Games war das nicht genug.
Wie ein Rollenspiel zur Bibel wurde
Rollenspiele und insbesondere Pen&Paper bieten immer eine Leinwand für die Spielerinnen und Spieler, um darauf ihre eigenen Abenteuer zum Leben zu erwecken. Doch dafür müssen sie ein Universum mitliefern, in dem sich die Leute austoben können. Star Wars musste also, um als Rollenspiel zu funktionieren, alles irgendwie benennen.
Wenn ich mit meinem selbstgebauten Schmuggler in einen Waffenladen gehe, wirkt es authentischer, wenn ich sagen kann: »Ich hätte gern eine DL-44-Blasterpistole« und nicht »Ich will das gleiche Schießeisen wie Han Solo«. Das sollte das West End Rollenspiel liefern.
Also tippten die Designer des Rollenspiels wie am Fließband Hintergrundbände, die Star Wars eine Form verpassten. Es wurden zahlreiche Namen für Aliens erfunden, für Geräte und Charaktere. Obendrein wurden sogar einige Story-Details beschrieben – das Team bekam relativ freie Hand. Obwohl es zumindest ein paar Einschränkungen gab, wie etwa die Klonkriege.
Das West-End-Rollenspiel erweckte Star Wars auf diese Weise erst so richtig zum Leben und beeindruckte Lucasfilm damit enorm. Sogar so sehr, dass der Lizenzhalter dem Autor Timothy Zahn zusammen mit dem Auftrag, die Geschichte in einem Roman fortzusetzen, ein Paket des West-End-Rollenspiels als Quellmaterial zuschickte.
Zahn erschuf daraufhin eine der beliebtesten Star-Wars-Romanreihen aller Zeiten: die Thrawn-Trilogie. Die Infos darin griffen umfassend auf das Rollenspiel als Informationsquelle zurück und so wurde das West-End-Rollenspiel zum Grundstein des Star-Wars-Kanons nach den Filmen.
Mit der Thrawn-Trilogie kam auch das Expanded Universe erst so richtig ins Rollen und verbreitete die von West End Games erdachten Hintergrund-Details immer weiter. So sehr, dass vieles davon nicht mehr wegzudenken ist.
Auch heute noch prägend
Als 2012 George Lucas die Rechte an Star Wars vollständig an Disney abtrat, warf das Medienimperium direkt den Todeslaser an. Das komplette Expanded Universe wurde aus dem offiziellen Kanon gestrichen. Disney wollte quasi von vorne anfangen und nichts als Grundlage nutzen, was die Filme nicht etabliert hatten.
Allerdings konnte selbst Disney damit nicht das Erbe von West End Games vollständig auslöschen. Einige vom Rollenspiel etablierte Grundlagen waren schon so fest im kollektiven Bewusstsein verankert, dass sie einfach fortgeführt wurden. So heißen Aliens wie Greedo auch heute noch Rodianer und Aliens mit Kopftentakeln natürlich Twi'leks.
Es ist kaum noch mit Sicherheit zu sagen, welche für Fans heute selbstverständlichen Details alle in Wahrheit erst von West End Games etabliert wurden und welche nicht. In jedem Fall ist der Einfluss des Rollenspiels auf das Universum nie verschwunden.
Ein etwas überraschendes Ende
Was hingegen verschwunden ist, ist das West-End-Rollenspiel an sich. Obwohl das Pen&Paper ein riesiger Erfolg war, ist die Produktreihe heute nicht mehr aktiv und nebenbei auch schwer zu bekommen. Schuld daran sind ... Schuhe. Klingt absurd, aber Schuhe sind mit der Grund, wieso West End Games 1998 bankrott ging.
West End Games war nämlich ein Tochterunternehmen von Bucci, einem US-amerikanischen Importeur von italienischen Schuhen. Der Gründer von West-End-Games, Scott Palter, war Teil der Familie hinter Bucci und nutzte auch Gelder des Unternehmens, um West End Games zu gründen.
Als Bucci schließlich aufgrund von Misswirtschaft in den Ruin ging, zog es West End Games mit in den Abgrund. Die Star-Wars-Lizenz wanderte danach zum DnD-Verlag Wizards of the Coast und liegt heute bei Asmodee.
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