Warum dem neuen Star Wars die Seele fehlt

Jedi, Sith, Lichtschwerter und der Rasende Falke - in der Theorie hat Star Wars noch immer alles, was die Serie seit jeher ausmacht. Doch unter der Oberfläche herrscht Verwirrung, findet Dimi.

von Dimitry Halley,
19.12.2019 13:25 Uhr

Star Wars 9 bemüht sich die Sequels zu einem runden Ende zu bringen, aber womöglich waren sie ja von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Star Wars 9 bemüht sich die Sequels zu einem runden Ende zu bringen, aber womöglich waren sie ja von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Star Wars war immer etwas Besonderes. Und mehr noch: Es bewirkte Dinge in mir, die bislang keine andere Film-, Buch- oder Spieleserie auslösen konnte. Wenn ich als Kind mit TIE-Fighter und X-Wing in der Hand still auf dem Boden hockte, runzelte Mutti vielleicht besorgt die Stirn, doch mein Kopf produzierte einen aufregenden Kinofilm nach dem anderen: Ich war Jedi in Ausbildung, Klonsoldat, imperialer Pilot, Chiss-Kopfgeldjägerin, Boba Fett, Han Solo und 1.000 andere Rollen.

Als Luke Skywalker fand ich den Mut in mir, tat alles für meine Freunde, glaubte in ausweglosen Situationen an das Gute im Menschen - Star Wars lehrte Kids wie mich viele Lektionen. Aber der Krieg der Sterne war immer mehr als nur die Heldenreise eines Luke oder Anakin. George Lucas erschuf eine unendlich große Leinwand für meine eigenen Geschichten, ein Universum der Möglichkeiten, das mit jedem Film größer wurde.

Und dann kamen die Sequels. Episode 7 bis 9 definieren ihr Star Wars radikal anders als die Original- oder die Prequel-Filme. Doch selbst innerhalb der neuen Sequel-Trilogie scheint hier Uneinigkeit zu herrschen: Rian Johnson bricht mit der Vergangenheit, J. J. Abrams verneigt sich zu sehr vor ihr und verliert in Star Wars 9 dann völlig den Faden - und beide Regisseure verpassen dieselbe Chance: Das Star-Wars-Universum um eine große neue Vision zu erweitern. Es spannender zu machen. Reichhaltiger.

Und hier sitze ich wie Yoda auf Dagobah und stelle mir die Frage: Was macht Star Wars heutzutage eigentlich noch aus?

Viele Zutaten ergeben kein Festmahl

Star Wars erscheint mir heutzutage wie eine postmoderne Suppe, in der noch immer irgendwie all die Zutaten herumschwimmen, die Fans über die Jahre lieben gelernt haben: Jedi, Sith, Lichtschwerter, Figuren wie Luke, Leia, Han, C-3PO und Chewie. Das alles ist irgendwie noch da. Comics, Filme und Spiele springen in allen Zeitperioden herum, bedienen mal Prequels, mal Sequels, mal die Klassiker.

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Alle Zutaten bleiben vorhanden, aber dieser Suppe fehlt ein Rezept. Nicht jeder Zutaten-Tümpel ist automatisch ein Essensgericht. Wie konnte das passieren? In meinen Augen versagt die Sequel-Trilogie an zwei großen Fronten.

Problemfront Nummer eins: Der Sequel-Trilogie fehlt ein übergeordnetes Prinzip, eine eigene große Erzählung. Die Prequels erzählten die Geschichte eines gefallenen Helden - und einer fallenden Republik. Die Original-Trilogie ließ hingegen das Licht der Hoffnung in absoluter Dunkelheit erstrahlen.

Der Aufstieg von Luke ist eng verknüpft mit dem Erstarken der Rebellion, die Heldenreise verknüpft sich wie ein Abbild mit einem viel größeren Konflikt. Der Glaube an den letztlichen Sieg des Guten ist die ultimative Botschaft der alten Star-Wars-Saga. Dass Darth Vader dem Bösen entsagt, lässt die Jedi endgültig über die Sith triumphieren. So eine wunderbar runde Mär!

Der Autor: Dimi liebt kein Franchise so sehr wie Star Wars. Seine Mutter musste ihm in den 90ern das Expanded Universe vorlesen, er hat jedes Spiel rauf- und runtergespielt, selbst das unsägliche Droid Works gehörte zum Ensemble. Trotzdem hält er Star Wars nicht für eine perfekte Filmserie, gerade die Prequels plagten viele Probleme - doch letztlich blieb die Liebe für die großen Ideen und Geschichten hinter dem eigentlichen Drehbuch stets ungebrochen. Bis die Sequels kamen.

Bloß eine Fassade

Die Sequels wärmen diese Erzählung irgendwie wieder auf, allerdings ohne eine wirklich konsequente oder stimmige neue Dimension. Die Erste Ordnung verliert am laufenden Band, selbst die Führungsriege scheint von der eigenen Sache nicht wirklich überzeugt. Star Wars 8 versteht sich in vielen Punkten als eigenständiger Gegenentwurf zum Rest der Saga, Star Wars 9 revidiert den Vorgänger wiederum.

In Star Wars: Battlefront 2 spielt ihr Sequel-Konflikte, die es in den Filmen gar nicht gab. In Star Wars: Battlefront 2 spielt ihr Sequel-Konflikte, die es in den Filmen gar nicht gab.

Luke, Leia, Han und auch Lando Calrissian, all die Heldinnen und Helden von einst sind aus irgendeinem Grund allesamt Versager, auch die neuen Schurken wie der zur Witzfigur verkommene General Hux oder der zur Marionette degradierte Snoke überzeugen nicht sonderlich. Deshalb wirkt das neue Imperium und der neue Widerstand wie ein mauer Abklatsch der Klassiker, weil sich die Filmemacher der neuen Trilogie völlig uneins scheinen, was sie hier eigentlich vermitteln möchten. Ich bin kein Freund von Star Wars 8 - aber prinzipiell hätte ich die Idee cool gefunden, mal eine Alternative zum ewigen Dualismus von Jedi und Sith anzubieten. Dann allerdings konsequent.

Gebt mir zum Beispiel eine dritte Fraktion, die die Neue Republik und das verbliebene Imperium zur Zusammenarbeit zwingt! Gebt mir einen neuen Jedi-Orden, der die Prinzipien der Vergangenheit verwirft - und mit den Folgen leben muss. Gebt mir einen Kylo Ren, der nachvollziehbar an den Widrigkeiten der Galaxis verzweifelt. Oder eine Rey, die zwischen Jedi- und Sith-Orden gerät.

Problemfront Nummer zwei: Das Worldbuilding der Sequels ist für die Füße. In drei Filmen erhalte ich kaum ein Gefühl für das größere Ganze, der Konflikt zwischen First Order und Resistance wirkt immer nur so groß wie der Plot auf der Leinwand. Die Starkiller Base pustet das HQ der Neuen Republik weg? Okay ... was heißt das jetzt? Dieser neue Krieg der Sterne ist bloß Fassade, ein potemkinsches Dorf, hinter dem keine spannende neue Lore steckt.

Träumt jemand von Canto Bight?

Die Originale etablierten den jahrelangen Kampf zwischen Imperium und Rebellen, gaben uns Helden und Schurken, die meine Fantasy anregten. Was war zwischen Episode 5 und 6 passiert? Was steckt hinter dem Rogue Squadron? Das Expanded Universe schaufelte unendlich viel Kohle ins Feuer, bevor die Prequels mir die Klonkriege, die alten Jedi-Ritter, Podracing und zig andere neue, faszinierende Konzepte in den Schoß warfen. Die Sequels tun das nicht.

Die Schlacht von Jakku ist eine der spannendsten Ideen des neuen Kanons - und findet nur in Büchern und Spielen statt. Die Schlacht von Jakku ist eine der spannendsten Ideen des neuen Kanons - und findet nur in Büchern und Spielen statt.

Träumt jemand von Canto Bight? Oder von diesen Pferderennen? Faszinieren euch Planeten wie Takodana, Hosnian Prime, D'Qar, Ahch-To oder Jakku genauso wie damals Coruscant, Bespin oder der Todesstern? Die Schlacht von Jakku ist wahrscheinlich der coolste Konflikt, den die Sequels andeuten - und der fand 30 Jahre vor den Filmen in Star Wars: Battlefront (2015) statt. Gab es sonst große Sequel-Schlachten, an die ihr euch noch lebhaft erinnert? Falls die Antwort auf all diese Fragen »Ja« lautet, dann freue ich mich für euch.

Trotzdem hat Disney die Chance einfach nicht genutzt, diese neue Star-Wars-Lore vernünftig auszubauen. Der Roman Star Wars: Bloodline steht wie ein einsamer Pfeiler im neuen Kanon, weil nur er die Krise der Neuen Republik mal vernünftig einordnet - doch mit Star Wars 9 spielt dieses Buch irgendwie auch keine Rolle mehr, weil die Erste Ordnung nun jede verbliebene Faszination verliert.

Das neue Star Wars hat viele Puzzle-Teile, die Potenzial entfalten könnten. Doch die Saga befindet sich in einer postmodernen Krise, sie findet keine geschlossene Identität, keine große Vision. Und so bleibt mir als Fan nur übrig, mir aus dieser Suppe die Zutaten rauszufischen, die mir das Herz erwärmen. The Mandalorian zum Beispiel. Oder Rogue One. Oder The Clone Wars.

Wie steht's bei euch? Was ist Star Wars für euch?

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