Ich bin immer auf der Suche nach dem nächsten Geheimtipp im schier uferlosen Steam-Ozean der Horrorspiele. Mein Blick wandert dabei auch regelmäßig zu Publisher Blumhouse Games. Der Filmgigant hat sich nämlich der Aufgabe verschrieben, kleinen Entwicklerstudios mit interessanten und ungewöhnlichen Ideen eine Plattform zu bieten – und das passt exakt in mein Beuteschema.
Crisol: Theater of Idols erschien im Februar 2026 und stellt eine makabre Mechanik in den Fokus: Meine Waffen lade ich nämlich ausschließlich mit Blut auf. »Hm, na ob das mehr als nur ein Gimmick-Spiel ist?«, dachte ich mir und riskierte für knapp 18 Euro (also umgerechnet etwa 2 Döner Kebap) den Kauf auf Steam. Spoiler: Ich bereue keinen Cent.
Verdrehtes Spanien mit BioShock-Charme
Crisol: Theater of Idols wirft mich als Soldat Gabriel auf die Insel Tormentosa, eine verdrehte, alptraumhafte Version von Spanien, wo ich einen Auftrag für den Sonnengott erfüllen soll. Diese göttliche Führung verleiht mir auch Blut-Kräfte – aber dazu kommen wir gleich noch. Schließlich muss ich erst die wunderschön-makabre Umgebung bestaunen.
Die ersten Stunden in Crisol erinnern mich an meinen ersten Abstieg nach Rapture. Ich betrete eine wunderschöne Stadt, die für ein Fest geschmückt wurde. Überall hängen Plakate, die die Festlichkeiten ankündigen, die Straßen sind geschmückt mit Lichterketten und Maskottchen ... doch irgendetwas stimmt nicht.
Ein genauerer Blick offenbart Blutspuren, tierische Kadaver und Überreste eines Massakers. Crisol vermischt Folklore mit religiösem Fanatismus und schreit damit förmlich an vielen Ecken »BioShock!« – nur eben mit einem ganz eigenen, morbiden Twist.
Statt Splicern oder Zombies hetzt mir das Spiel außerdem lebensgroße Puppen an den Hals. Und die sind ganz schön hartnäckig: Schieße ich ihnen den Kopf ab, ist das lediglich ein kleiner Kratzer für sie und sie fuchteln trotzdem wie wild mit ihren Waffen nach mir. Sprenge ich ihnen die Beine weg, krabbelt der Torso hinter mir her – erlöse ich sie umgekehrt von ihrem Oberkörper, kicken sie mir mit ihren hölzernen Füßen ins Schienbein. Aua.
Und dann gibt es ja noch Dolores, die mich wie Mr. X oder der Nemesis aus Resident Evil durch bestimmte Areale hindurch verfolgt und mir so das Leben zur Hölle macht.
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Crisol: Theater of Idols - Teaser-Trailer zum Horrorspiel mit Bioshock-Charme - Teaser-Trailer zum Horrorspiel mit Bioshock-Charme
Blut spenden mal anders
Der Kern von Crisol: Theater of Idols ist die Blutmechanik. Dank eines Segens (oder Fluchs?) vom Sonnengott kann Gabriel sein Blut in Munition umwandeln. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich, dass ich einen großen Happen meiner Lebensenergie aufopfere, wenn ich meine Schrotflinte nachladen möchte.
In jedem Kampf muss ich als abwägen, ob mir ein Schuss nun wirklich meine kostbare Gesundheit wert ist. Natürlich liegen überall Heilspritzen herum, ich kann mich wie ein Vampir über Tierkadaver stürzen und ihr Blut aufnehmen und auch die Schwierigkeit lässt sich zu Beginn des Spiels einstellen. Je mehr und je mächtigere Waffen ich jedoch einsammle, desto wichtiger wird dieser Balance-Akt.
Was zunächst wie ein Gimmick-Feature auf mich wirkte, fügt sich sehr gut in das Spiel ein – und ist viel weniger frustrierend, als ich befürchtet hätte. Im Grunde ist es einfach eine clevere, etwas andere Art von Ressourcen-Management, das man aus klassischen Survival-Horrorspielen kennt.
Notizblock-Rätseln
Von den Rätseln in Crisol kann sich selbst das Meisterwerk Resident Evil Requiem noch eine Scheibe abschneiden: Hier finde ich nämlich keine simplen »Lauf zu Punkt A und hole Item B«-Rätseln, sondern ich muss sogar mein schlaues Notizbuch zücken.
Mal lese ich aufmerksam das Tagebuch eines Mädchens aus dem Freudenhaus durch, um herauszufinden, wer in welchem Zimmer gehaust hat. Mal manipuliere ich Aufzüge und Uhren, um mir meinen Weg durchzubahnen. Oder ich spiele ein bisschen Domino, um die richtige Anordnung auf einem Schloss zu finden.
Das bietet eine angenehme Pause von der Ballerei und den Schleichpassagen mit Dolores und lässt mein Rätsel-Herz so richtig aufgehen.
Für wen lohnt sich Crisol?
Crisol: Theater of Idols merkt man seine Indie-Wurzeln durchaus an. Etwa, wenn die KI der Gegner mal einen kleinen Aussetzer hat, wenn sich das Kampfsystem hier und da etwas klobig anfühlt, wenn das Trefferfeedback und die Gegnervielfalt im späteren Spielverlauf etwas zu wünschen übrig lassen, und und und.
Trotzdem wickelt mich Crisol innerhalb weniger Stunden um den Finger. Ich liebe die dichte Atmosphäre und die wunderschönen, karnevalesken Umgebungen, die mir ein absurdes Schauspiel aus kulturellen Festlichkeiten und religiösen Gräueltaten vorsetzen.
Ich liebe die Rätsel, die mich immer wieder aufs Neue überraschen. Ich liebe die Puppen (wer hätte gedacht, dass ich das jemals über ein Horrorspiel sage), die eine neue Art von »Zombie«-Gegnern ins Genre bringen. Ich liebe die kompakte Welt, die mich nicht in einer Open World herumstolpern lässt, sondern mich linear durch weitläufige Areale führt.
Wer hier eine auf Hochglanz polierte AAA-Produktion erwartet, wird natürlich enttäuscht. Wer sich aber in eine unverschämt atmosphärische Welt stürzen und sich von packendem Survival-Gameplay mitreißen lassen möchte, der findet hier 10 bis 15 Stunden Indie-Unterhaltung der Meisterklasse. Und das alles für weniger als 20 Euro.
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