In der zweiten Folge der aktuellen Staffel gelingt HBO erneut ein Balanceakt, der vielen Adaptionen schwerfällt: The Last of Us bleibt seiner Vorlage treu und nutzt dennoch gezielte Abweichungen, um die Geschichte emotional zu vertiefen. Besonders ein Moment steht dabei im Fokus: der Tod einer Hauptfigur.
Was das Spiel ausspart, zeigt die Serie
Die Szene, die in der Spielerschaft bis heute heftig diskutiert wird, wird auch in der Serie nicht entschärft: Abby tötet Joel. Doch im Gegensatz zum Spiel bekommt Abby in der Serie die Gelegenheit, ihre Motive in einem Monolog offenzulegen.
Am Ende von The Last of Us Part I (und in Staffel 1 der Serie) rettet Joel Ellie aus dem Krankenhaus der Fireflies. Dabei tötet er mehrere Mitglieder der Organisation – unter ihnen Dr. Jerry Anderson, Abbys Vater.
Er war der leitende Neurochirurg, der die Operation an Ellie durchführen sollte, um ein Heilmittel gegen die Cordyceps-Infektion zu gewinnen. Joel wusste: Die Operation würde Ellie das Leben kosten. Also entschied er sich gegen das größere Wohl und für das Leben des Mädchens, das für ihn wie eine Tochter war.
Showrunner Craig Mazin schrieb für Abbys Rache an Joel einen Monolog, der tief in ihren Schmerz blicken lässt:
Es geht wirklich nur darum, sich vorzustellen, wie wütend und verletzt sie ist, aber auch, wie richtig sie in ihren Gedanken ist. Wichtig ist, dass sie vermittelt, dass das, was er getan hat, falsch war. Das Ende. Schuldig. Zum Tode verurteilt. Kein Argument. Keine Debatte. Kein Nichts.
Ich finde es toll, wie Pedro diese Art der Akzeptanz dargestellt hat. Die Wahrheit ist, was er getan hat, ist das, was sie jetzt tut. Wir töten für die Menschen, die wir lieben. Joel hat eine Erfahrung gemacht, die weder Ellie noch Abby haben - und das werden wir im Laufe der Staffel weiter erforschen - und das ist die Erfahrung, ein Kind zu lieben, was etwas anderes ist, als ein Kind zu sein und einen Elternteil zu lieben.
Durch diese Worte verliert der Moment nichts an Härte, gewinnt aber an Klarheit. Abbys Handeln wird nicht entschuldigt, aber erklärt.
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Eine weitere, scheinbar kleine, aber erzählerisch bedeutende Änderung: In der Spielvorlage ist es Joels Bruder Tommy, der Zeuge der brutalen Szene ist. In der Serie jedoch ist es Ellies Freundin Dina, die am Boden liegt – bewusstlos, während Ellie gezwungen wird, alles mitanzusehen.
Mazin erklärt im Interview mit Entertainment Weekly, warum man sich für diese Variante entschieden hat:
Als Abby sagt: Ich werde dich umbringen, denn es gibt Dinge, die wir alle für falsch halten
, sind sie sich für einen Moment einig. Joel weiß, dass das, was er getan hat, grundfalsch ist. Aber er hatte auch keine andere Wahl, so wie er es sah. Er hat getan, was er tun musste. Wir wissen bereits aus der Therapiesitzung in der ersten Folge, dass er deswegen Schuldgefühle hat.
Wenn wir eines über Joel wissen, dann, dass er so etwas wie der ultimative Vater ist. Wir wissen, dass ihm Dina sehr am Herzen liegt und er sie niemals in irgendeiner Form leiden lassen würde, um sich zu verteidigen.
So bleibt der Moment einer der schockierendsten der Serie, doch HBO gelingt es, ihm mehr Tiefe zu verleihen. Statt nur zu zeigen, was passiert, wissen die Serienzuschauer auch direkt, warum es passiert.
Vielleicht sorgt genau das dafür, dass Abby in der Serie nicht denselben massiven Gegenwind erlebt wie nach der Veröffentlichung des Spiels. Denn wer ihre Beweggründe kennt, versteht, dass Rache in dieser Welt nie einfach nur schwarz oder weiß ist.