Ich schüttle zum 4.727 Mal den Kopf, seufze laut und denke mir: »Ciri, ich kann dich und deine Gang wirklich nicht mehr sehen!« Ich ertappe mich bei dem Gedanken, mit der Fernbedienung einfach wieder zu Yen oder Geralt zu springen.
Staffel 4 von The Witcher lässt mich daran zweifeln, ob ich Ciri als Figur in der Serie überhaupt jemals so richtig gemocht habe. Ja, sie hat es wirklich schwer und die Aufgabe, die ihr in dieser grausamen Welt aufgebürdet wird, ist viel zu viel für ein Mädchen in ihrem Alter.
In Staffel 4 wird Ciri mir aber so unsympathisch präsentiert, dass ich kaum noch zu ihr halten kann. Und ihre neuen »Freunde« machen es nur noch schlimmer! Der einzige Lichtblick nach den neuen acht Folgen: Das Special The Rats: A Witcher Tale.
Die pubertierende Cirilla auf ihrem selbstzerstörerischen Solo-Trip
Am Ende von Staffel 3 wird Ciri von Kopfgeldjägern gefangen genommen, kann aber von einer mysteriösen Bande gerettet werden. Die Mitglieder nennen sich nur »die Ratten« (engl.: the rats). Die doch recht menschlichen Nager sichern sich ihre Existenz durch das Brechen von Gesetzen.
Also wird fröhlich ausgeraubt, entführt und … gesoffen. All das, was man als rebellischer Teenager in einer coolen Clique eben so macht. Dabei ist es fast schon verwunderlich, wie schnell sich Ciri einfügt und ihren moralischen Kompass in hohem Bogen über Bord wirft - und er fliegt wirklich verdammt weit!
Die Ratten fristen bereits seit einigen Jahren ein Leben als Kriminelle, was Ciri aber nicht davon abhält, diese Zeit mal eben in einer Staffel aufzuholen. Nach der ängstlichen Prinzessin von Cintra aus der ersten Season sucht man mittlerweile vergeblich und Reue ist für Ciri zum Fremdwort geworden.
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Ciri, was machst du???!!!
Ich verstehe, dass Ciri nach den bisherigen Geschehnissen sauer ist. Auf ihr Leben, ihr Schicksal, die Welt - einfach alles. Staffel 4 inszeniert dieses Trauma aber so schlecht und ihre Wandlung so abrupt, dass ich in ihr einfach nur eine unreife und großmäulige Zicke sehe. Sie mordet, ohne mit der Wimper zu zucken, und von ihrem emotionalen Innenleben bekomme ich fast gar nichts mehr mit.
Hier und da sollen ein paar Visionen dafür sorgen, dass so etwas wie Mitgefühl in mir aufkommt, aber Pustekuchen - das lässt mich komplett kalt! Denn im nächsten Moment stapft Badass-Ciri schon wieder los und begeht eine weitere Dummheit.
Ihre Gleichgültigkeit ist dabei so bezeichnend, dass sich sogar ihre Freundin Mistle (Christelle Elwin) fragt, was eigentlich in Ciri vor sich geht. Denn während die Ratten bei ihren Raubzügen geradezu locker und entspannt sind, wirkt Ciri verbissen und bewusst gewalttätig.
Es geht doch auch anders! In einem Flashback mitten in der Staffel ist sie mir sofort wieder sympathischer. Ich erinnere mich kurzzeitig wieder daran, was sie eigentlich so liebenswürdig macht. Aber es ist nur ein kleiner Rückblick und nicht mehr die Realität, in der wir uns jetzt gerade befinden. Die alte Ciri ist nicht mehr da, begraben unter einem trotzigen Kind mit den falschen Freunden.
Ein Mini-Film über The Rats macht alles besser
Mistle, Kayleigh, Iskra, Giselher, Reef und Asse. Um die Namen der Mitglieder der Rattenbande zu nennen, musste ich nach dem Gucken der Serie erst googeln. Wir erfahren so wenig über sie, dass ich gar nicht erst versucht habe, die Figuren in Erinnerung zu behalten.
Nach acht Folgen habe ich noch immer keine Beziehung zu der Gruppe aufgebaut und niemand von ihnen ist mir nur ansatzweise sympathisch. Am Ende von Staffel 3 wirken die Außenseiter noch heldenhaft, intelligent und wie eine eingeschweißte Truppe. Im Vergleich zur Fortsetzung passt der erste Eindruck aber null ins Bild.
Bei einem scheinbar ausgeklügelten Überfall frage ich mich hingegen, ob sie das jemals schon einmal gemacht haben. Denn jeder zieht sein eigenes Ding durch und der Raubzug endet damit, dass Ciri die ganze Bande retten muss. Ciri! Die Neue! Die noch nicht lange ein Leben als Verbrecherin führt …
In der Serie ist außerdem keine Entwicklung im Plot zu spüren. Immer wenn ich das Gefühl hatte, dass ein aufkommender Konflikt für einen aufregenden Dynamik-Wechsel sorgt, wird er still und heimlich fallen gelassen oder nach kurzer Zeit wieder verworfen. Die Gruppe hat keinen wirklichen Effekt auf Ciris innere Reise und ungeheuer viel Potenzial wird verschenkt.
Obacht! Jetzt kommt ein großes Aber.
Zeitgleich zum Release von Staffel 4 veröffentlichte Netflix das Film-Special »The Rats: A Witcher Tale«, was einiges an meiner Wahrnehmung verändert hat. Denn ich bekomme endlich den nötigen Kontext, wer die Figuren überhaupt sind, was sie ausmacht und warum sie so sind, wie sie sind. Was hat sie eigentlich zu Gesetzlosen gemacht?
Kayleigh (Fabian McCallum) ist mir plötzlich viel sympathischer, obwohl ich ihn in den gesamten acht Folgen nicht leiden konnte. Das einzige Problem bei ihm: Seine Darstellung in der Serie und in dem Special passen einfach nicht zusammen. Trotzdem bin ich froh, ihn auch einmal in einem anderen Licht zu sehen.
Alle Figuren bekommen einfach so viel mehr Tiefe. Das Special liefert alles, was ich in Bezug auf die Gruppe in der Serie vermisst habe. Natürlich nicht so ausführlich, wie ich es mir wünschen würde, aber ich verstehe sie jetzt besser.
Zusätzlich gibt es sogar einen verwitterten Witcher (Dolph Lundgren), der nicht Geralt von Riva heißt und die nötige grummelige Würze in das Abenteuer bringt. Vielleicht ist es genau diese Dynamik, die ich in der neuen Season vermisst habe.
Ein weiterer Pluspunkt: Es ist weit und breit - bis auf die ersten zwei Minuten - keine nervige Ciri zu sehen.
Eine fünfte und letzte Staffel von The Witcher steht uns noch bevor. Die hat zwar noch kein offizielles Release-Datum, die Dreharbeiten sind aber bereits abgeschlossen. Demnach könnten die neuen Folgen wieder im Herbst 2026 erscheinen.
Falls ihr wissen möchtet, was unser Witcher-Experte Sören zur vierten Staffel sagt, dann schaut doch gerne in der obigen Box vorbei. Dort verlinke ich euch seine spoilerfreie Serienkritik.
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