So würde sich diese (spoilerfreie!) Serienkritik zu Staffel 4 von The Witcher lesen, wenn die hippen Netflix-Autoren sie geschrieben hätten:
Ey, jo! Na, Diggies, alles fresh?
Checkt mal die neue Staffel The Witcher, Netflix-Abo regelt! Ist halt echt nicht so slay, aber egal, knallt schon ab und zu.
Damit sind wir direkt beim pressierenden Punkt, den ich virtuell herausbrüllen muss: Grundgütiger, sind diese Dialoge schlecht!
In meiner damaligen Review zu Staffel 3 schrieb ich: Wenn Henry geht, gehe ich wohl auch.
Nachdem ich nun alle acht Folgen von Staffel 4 gesehen habe, weiß ich: Das mache ich jetzt tatsächlich.
Denn von einer liebevollen Serienadaption der Bücher ist die Show inzwischen weiter entfernt als das Kaiserreich Nilfgaard vom Königreich Kovir.
Worum geht's in Staffel 4 von The Witcher?
Kurz und knapp: Im Finale von Staffel 3 geht jede Menge zu Bruch, hauptsächlich aber die Magierburg auf der Insel Thanedd sowie Geralts Kniegelenk. Der böse Zauberer Vilgefortz zeigt sein wahres Gesicht, Ciri rettet sich vor ihm in letzter Sekunde durch das Betreten eines ominösen Portals, und im Kaiserreich Nilfgaard wird eine weitere Ciri präsentiert. Verwirrend? Verwirrend!
Genau hier setzt Staffel 4 an. Geralt ist gemeinsam mit seinem loyalen Freund Rittersporn und der kessen Jägerin Milva auf dem Weg nach Nilfgaard, um die vermeintliche Ciri aus den Fängen des Kaisers Emhyr var Emreis zu befreien.
Währenddessen leckt die in alle Winde verstreute Loge der Zauberinnen ihre Wunden. Yennefer setzt alles daran, sowohl ihre Verbündeten als auch ehemalige Widersacherinnen unter ihrem Banner zu vereinen, um an Vilgefortz eiskalte Rache zu nehmen.
Und Ciri? Die hat sich am Ende von Staffel 3 mit einer Gruppe junger Tunichtgute namens Die Ratten
zusammengetan und setzt ihren Weg mit dieser Reisegesellschaft fort, weil sie sich nun komplett verloren glaubt.
2:15
The Witcher: Liam Hemsworth gibt sein Debüt als Geralt auf Netflix - Im neuen Trailer zu Staffel 4 zeigt er seine Kampfkünste
Was mir gefallen hat
Gehen wir endlich ans Eingemachte. Schließlich möchte ich euch nicht noch länger auf die Folter spannen. Hier sind die Punkte, die mir an Staffel 4 gut gefallen haben:
- Liam Hemsworth: Lob geht an den jüngeren Bruder des MCU-Superhelden Chris, denn Liam hat nach Henry Cavills Abgang große Fußstapfen zu füllen und das gelingt ihm überraschend gut. Ihm fehlt zwar die rohe, grobe Aura von Cavill, hat dafür aber bei den flüssigen Kampfchoreografien die Nase vorn. Extrapunkt: Liam Hemsworth imitiert sogar sehr überzeugend die Gangart sowie Gestiken seines Vorgängers, wodurch die Gewöhung an den neuen Geralt sehr leicht fällt.
- Die Kämpfe: In Staffel 4 wird deutlich öfter gekämpft als in Season 3 und das ist stets ein Genuss – na ja, außer für Geralts Feinde. Blut spritzt, Köpfe rollen, Hexerzeichen werden gewirkt, Sehnen durchtrennt und mehr. Vor allem die sehr abwechslungsreichen Choreografien überzeugen auf ganzer Linie.
- Das Finale: Der Abschluss von Staffel 4 ist erfreulich rund und bringt die wichtigsten Handlungsfäden an ein zufriedenstellendes Ende. Aber vor allem ist die letzte Folge so kompromisslos und brutal, dass ich beim Hingucken Phantomschmerzen bekomme. Das ist die Welt von The Witcher, wie ich sie in der Serie gerne öfter gesehen hätte!
- Bild und Ton: Ein weiterer sichtbarer Fortschritt ist den Serienmachern bei den CGI-Effekten gelungen. Die aus dem Computer stammenden Kreaturen und Spezialeffekte sehen viel besser aus. Auch die mal angenehm dezente, mal brachial stürmische Musik schmeichelt den Ohren - wenn sie denn nicht so stark anderweitig leiden würden.
1:29:10
"Deutsche Flüche waren zu schwach" - Wie The Witcher 3 Deutsch lernte
Was mir nicht gefallen hat
Kommen wir nun zu den Problemen, die ich mit Staffel 4 von The Witcher habe. Und ich weiß schon ganz genau, womit ich anfange:
- Die Dialoge: Die fiktive Welt von The Witcher orientiert sich an unserem realen Mittelalter. Dementsprechend erwarte ich Dialoge, die dieses Setting glaubhaft einfangen. Es gehört schon seit den Büchern von Andrzej Sapkowski zum guten Ton, dass Figuren mal
Scheiße!
sagen oder ihre Meinung mitDu stinkst, du Hurensohn!
kundtun.
So weit, so in Ordnung. Um aber vor allem die jüngere Netflix-Zielgruppe anzusprechen, haben sich die Autoren dazu entschieden, Geralt und Co. oft wie junge Hipster in der U-Bahn sprechen zu lassen. Beispiele wären unzähligeFuck
's, ein lauthals gerufenesYes, Bitch!
und unser persönlicher Favorit:War ich nur ein Fick für dich?
Das erstickt jegliche Immersion im Keim und trägt einen großen Teil dazu bei, dass Staffel 4 der neue erzählerische Tiefpunkt der Serie ist.
- Die Exposition: Gleich mehrfach in Staffel 4 erkranken Figuren an Diarrhö. Aber nicht an der stinkigen Sache, die so manch einer vom letzten Street-Food-Festival noch in Erinnerung hat. Nein, ich rede von Expositions-Durchfall. Völlig ohne Vorwarnung und erzählerischen Anlass schießt aus dem Mund einer Figur plötzlich ein Schwall an
Das ist passiert, so ist mein Leben verlaufen, das denke ich und so funktioniert die Welt
heraus, dass ich unfreiwillig auflachen musste. Es ist traurig, wie wenig Mühe sich die Autoren für die Dialoge und gutes Storytelling gegeben haben. - Die Kausalität der Handlung: Ebenfalls gleich mehrfach ereignen sich innerhalb der fiktiven Welt krasse Logikbrüche. Mein Favorit ist eine Figur, die aus dem Nichts großspurig verkündet
Hier trennen sich nun unsere Wege
, nur um etwas mehr als fünf Minuten später (!) wieder Teil der Gruppe zu sein, als wäre nichts gewesen. Dadurch stellt ihr euch als Zuschauer natürlich Fragen, die wiederum vom Geschehen ablenken und euch aus der Immersion reißen.
- Ciri: Die erste von zwei problematischen Figuren ist Ciri (Freya Allan). Das Problem ist nicht die Darstellerin! Die holt aus Geralts Ziehtochter noch alles heraus, was das Drehbuch ihr ermöglicht. Letzteres stellt Ciri aber über weite Strecken der Staffel als unreife, hysterische, großmaulige Zicke dar, die nichts mehr mit der stolzen, aber verwundbaren Hexertochter und Auserwählten zu tun hat, die wir aus den Büchern kennen.
- Rittersporn: Problemfigur Nummer zwei hingegen ist nicht nur schlecht geschrieben, sondern auch schlecht geschauspielert. Schon in früheren Staffeln war Rittersporn (Joey Batey) meist nur für unlustige Witze und den ein oder anderen viralen Song bekannt. In Staffel 4 verkommt der in der Romanvorlage zwar nervige, aber gewiefte Mime endgültig zum Jar Jar Binks der Witcher-Welt. Wenn er den Mund aufmacht, haltet euch besser die Ohren zu - was bei den Dialogen der Serie ohnehin ein guter Rat ist.
Wie soll Staffel 5 das noch retten?
Vor der finalen fünften Staffel stehen wir Witcher-Fans also vor einem erzählerischen Scherbenhaufen, und ich frage mich: Wie will Netflix das noch retten?
Obwohl sich Staffel 4 sogar deutlich mehr an die Romanvorlage hält als die Staffeln 2 und 3, gelingt es den Autoren nicht, eine kohärente, spannende und immersive Geschichte zu inszenieren. Im Vorfeld sprachen alle über Liam Hemsworth als neuen Geralt. Nach der Ausstrahlung wird das Gesprächsthema Nr. 1 unter Fans sein, wie Netflix den Hexerkarren immer tiefer in den Dreck gefahren hat.
Ich bin sehr gespannt, was ihr zu Staffel 4 sagt. Los geht's auf Netflix am 30. Oktober 2025. Alle acht Folgen werden auf einen Schlag veröffentlicht. Dann habt ihr es wenigstens schnell überstanden.
Böses Omen? Staffel 4 und Staffel 5 sollen die drei Bücher Feuertaufe
, Der Schwalbenturm
und Die Dame vom See
umfassen. Ohne zu spoilern: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie die Showrunner diese Aufgabe in der einzigen verbliebenen Season stemmen wollen. Früher hätte ich mich um Optimismus bemüht. Heute schwant mir Übles.
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