Der König der Rollenspiele

Rezension: „The Witcher 3: Wild Hunt“ (Game of the Year Edition) — Version 1.32 — Plattform: GoG

von ModuGames am: 08.06.2020

Hier finden Sie meine bisherigen Rezensionen zu den Spielen der Witcher-Reihe:

The Witcher (Enhanced Edition)

The Witcher 2: Assassins of Kings

Ich habe mir dieses Jahr vorgenommen, die Witcher-Serie nachzuholen, da vor allem der dritte Teil als Meisterwerk gefeiert wird. Mit dem Erstling war ich zwar schon seit einigen Jahren vertraut, erkannte dessen Qualitäten aber wirklich erst beim erneuten Durchspielen. Assassins of Kings war neu für mich, konnte mich aber mit seinen spielerischen Neuerungen und seiner gewaltigen Entscheidungsfreiheit dazu verleiten, es gleich zweimal hintereinander zu erleben. Nach dieser Aktion freute ich mich extrem auf den dritten Teil – so viel, dass ich eigentlich nur hätte enttäuscht werden können. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Meine Erwartungen wurden sogar noch übertroffen.

Geralts letztes Abenteuer

Der Hexer Geralt ist wieder zurück! Diesmal jedoch sichtbar älter als noch im Vorgänger, was sich nicht nur darin ausdrückt, dass er sich neuerdings einen Bart stehen lässt. Viel wichtiger ist hingegen, dass er mittlerweile sein Gedächtnis zurückerhalten hat, wie es in den beiden Vorgängern thematisiert wurde. Mit den zurückgewonnenen Erinnerungen kommen jedoch neue Aufgaben auf ihn zu. Er will seine große Liebe, die Zauberin Yennefer, aufspüren. Zusammen mit seinem Hexer-Mentor Vesemir streift er durch die Nördlichen Königreiche, um seine vermisste Freundin zu finden. Dies gelingt ihm auch im Prolog, doch Yennefer hat Pläne für den Hexer. Sie führt ihn vor den nilfgaardischen Kaiser Emhyr var Emreis (der, so ganz nebenbei, auch einen Krieg gegen besagte Nördliche Königreiche führt). Dieser möchte, dass Geralt Emhyrs Kind zu ihm zurückbringt. Dessen Name: Cirilla, kurz „Ciri“ – Geralts Ziehtochter. Der muss nicht erst dafür begeistert werden, das Mädchen zu suchen, schließlich hat er sie in sein Herz geschlossen. Nur von der Idee, sie an den Kaiser zurückzugeben, davon hält er eher wenig. Jedenfalls macht sich der Hexer nun auf den Weg, um Ciri aufzuspüren. Dies wird jedoch erschwert dadurch, dass sie auch von der Wilden Jagd, einer Horde von Geistern, verfolgt wird. Cirillia ist nämlich „vom Älteren Blut“, was bedeutet, dass sie über mächtige Kräfte verfügt.

Die Story rund um Geralt, einem professionellen Monstertöter, geht in die dritte und letzte Runde.

So weit erst mal die Prämisse. Die erste Hälfte der Geschichte von The Witcher 3 ist eine klassische Schnitzeljagd, die sich über die drei großen Gebiete des Hauptspiels erstreckt: Velen, Novigrad und Skellige. Hier sehe ich jedoch auch das größte Problem der Handlung, denn sie mäandert zu lange vor sich hin, verstrickt sich in zu viele Subplots und nimmt erst ab der Mitte Fahrt auf. Dann aber richtig! Spieler kommen ebenfalls in den Genuss eines der emotionalsten Momente in der jüngeren Spielegeschichte. Erstaunlicherweise findet jener Moment bei etwa zwei Dritteln des Spiels statt und nicht am Ende, wie man es vielleicht erwarten könnte. Dadurch wird ihm zwar ein wenig seine Wirkung genommen, aber immerhin führt er zu einer sehr befriedigenden Rachegeschichte. Unterm Strich ist die Handlung von The Witcher 3 eine überdurchschnittliche, ja sogar eine gute – durchaus angemessen, um diese tolle Trilogie abzuschließen. Allerdings finde ich den Vorgänger, Assassins of Kings, in dieser Kategorie etwas besser. Das liegt nicht nur an den besagten Längen im ersten Teil der Handlung, sondern auch daran, wie das Spiel mit Ciri umgeht. Zum einen verbringt man anfangs zu wenig Zeit mir ihr (es gibt im Verlauf der Handlung allerdings auch Abschnitte, in denen man sie selbst spielt) und zum anderen fand ich sie als Figur immer ziemlich uninteressant. Da scheiden sich die Geister aber.

So gehen Quests!

Eine der größten Stärken von The Witcher 3 sind seine Quests. Im Questlog werden diese unterteilt in Haupt- und Nebenaufträge sowie Hexeraufträge und Schatzsuchen. Die ersten beiden sind hierbei selbsterklärend – klassische Storyaufgaben, aber allesamt hervorragend inszeniert und erzählt. Die Hexeraufträge wiederum laufen etwas formelhafter ab. Am Anfang eines solchen steht ein Aushang, der die Tötung eines Monster umfasst. Nett, aber nicht spielentscheidend: Geralt darf mit dem Auftraggeber über die Höhe der Bezahlung verhandeln, sodass man sich wirklich wie ein professioneller Ungeheuerschlächter fühlt. Am Ende eines Hexerauftrags tötet Geralt meist ein besonderes Biest und nimmt von ihm eine Trophäe. Diese kann man sammeln, etwa in Geralts Truhe. Allerdings sind nicht alle Aufgaben dieses Typs so sympel, auch hier werden einige interessante Twists aufgefahren. Das ganze ist komplett mit Zwischensequenzen versehen und fühlt sich entsprechend hochwertig an. Hexeraufträge ersetzen somit also die klassischen „Sammle 5 xy oder rotte Spezies z aus“-Aufgaben aus den Vorgängern, denen ich aber nicht nachtrauere, haben wir doch eine viel bessere Alternative bekommen. Das schwarze Schaf unter den Quests sind die sogenannten Schatzsuchen. Hier geht Geralt Hinweisen nach, die er etwa bei Leichen findet, um wertvolle Ausrüstung oder Schemata aufzuspüren. Das ganze ist wiederum überhaupt nicht in Zwischensequenzen gekleidet und wirkt verhältnismäßig billig, aber das ist nicht weiter schlimm. Denn: The Witcher 3 bietet eine geradezu absurde Menge an qualitativ hochwertigen Inhalten. Und hey, immerhin gibt's bei den Schatzsuchen coolen Loot.

Nur sehr wenige Spiele bieten eine ähnliche erzählerische Bandbreite wie The Witcher 3. Hier muss Geralt ein Pferd zähmen, das als Einhorn verkleidet wurde.

Was ich an den Quests so gut finde, ist nicht einmal unbedingt die eigentliche Mechanik (obwohl die auch grundsolide ist), sondern mir geht es vor allem um den erzählerischen Aspekt, der einfach überragend ist. Hier werden Geschichten jeder Art geboten, von herzzerreißend bis lustig. Beispiel gefällig? In einer Quest feiert Geralt mit seinen Hexerkumpels Eskel und Lambert. Dabei wird nicht nur viel getrunken, sie spielen sogar „Ich habe noch nie“. Am Ende sind sie so voll, dass sie quasi Telefonscherze mit Zauberinnen spielen – in Frauenklamotten. Fantastisch! Das ist sogar noch besser als die Daedra-Saufquest aus Skyrim. Ebenfalls sehr unterhaltsam: In der Erweiterung Blood and Wine kann Geralt eine Bank betreten, um dort Geld einzufordern. Dabei bekommt er es mit der Bürokratie zu tun – der Anfang seiner epischen Odyssee durch das Bankgebäude beginnt mit dem Passierschein A38. „Asterix erobert Rom“ lässt grüßen. Zugegeben, das waren jetzt zwei amüsante Beispiele, aber ich möchte keine der emotionalen Quests spoilern. Die müssen Sie schon für sich selbst erleben. Ich kenne kein Spiel, das so viele großartige, abwechslungsreiche Geschichten erzählt wie The Witcher 3.

Selten gab es eine schönere Spielwelt

Ebenso abwechslungsreich wie die Geschichte gestaltet sich jedoch auch die Welt des Hexers. Im Grundspiel gibt es vier größere Gebiete: Velen (inkl. Novigrad), Skellige, Weißgarten und Kaer Morhen. Velen kann vor allem durch seine schiere Fläche überzeugen. Die Region leidet sehr unter dem Krieg zwischen Nilfgaard und dem Norden, dementsprechend sind viele Landstriche kahl und trostlos. Das ist jedoch nicht immer der Fall, so finden sich hier auch Sümpfe und düstere Wälder. Novigrad wiederum ist die größte Stadt des Spiels und folglich sehr lebhaft. Sie wird oft als eigenständiges Gebiet betrachtet, teilt sich aber eine Karte mit Velen. Dies bedeutet jedoch auch, dass The Witcher 3 tatsächlich nur bedingt ein Open-World-Spiel ist. Ja, die Gebiete sind sehr groß, aber um diese erstmals zu betreten, muss man sich Ladevorgänge antun. Das möchte ich aber auch gar nicht weiter kritisieren, immerhin ist der Rest des Spiels frei von diesen – die Ladebalken beim Betreten kleinster Häuser, wie man sie aus den Vorgängern kennt, sind also Vergangenheit, Melitele sei Dank.

Hier hat Geralt einen Berg im Skellige-Archipel erklommen. Wenn das mal keine Aussicht ist!

Doch zurück zu den Gebieten. Weißgarten dient als Prolog des Spiels, entsprechend bietet es „nur“ Inhalt für einige Stunden, ist aber trotzdem unterhaltsam. Der vierte im Bunde, die Hexerfestung Kaer Morhen und dessen Umland, wird erst relativ spät im Spiel freigeschaltet und viel zu tun gibt es dort auch nicht. Dennoch kann auch jene Gegend überzeugen, bietet sie mit ihren majestätischen Bergen doch einige wunderschöne Panoramen. Die Burg selbst ist natürlich auch ein Hingucker, Spieler des ersten Teils werden sich hier wie Zuhause fühlen. Abschließend müssen wir noch über Skellige sprechen. Das Archipel spielt sich qua seiner Natur als Inselgruppe zwar anders als die übrigen Gebiete, aber leider schlechter. Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch hier ist der Schauwert enorm und die Geschichten können überzeugen, aber die Open-World-Mechanik wird hier zum Graus.

Loot ist ein guter Motivator

The Witcher 3 spart nämlich keinesfalls mit Icons auf seiner Weltkarte. Wer ein Anschlagbrett besucht (gibt es in vielen größeren Siedlungen), schaltet für die nähere Umgebung Fragezeichen auf seiner Map frei. Unter diesen kann sich alles Mögliche verstecken: Monsternester (kann man mithilfe von Bomben sprengen), besetzte Siedlungen (wenn man die Feinde tötet, kommen Menschen dorthin zurück), Banditenlager, etc. Natürlich gibt es auch diverse Variationen von Schätzen. Diese Sehenswürdigkeiten haben alle gemeinsam, dass sie Loot einbringen. Wenn schon nicht durch einen tatsächlichen Schatz, dann doch wenigstens durch die Gegner, die man dort vorfindet. Folglich muss man sich nicht irgendwelchen Aufgaben der Marke „Sammle 50 Animus-Fragmente“ hingeben, die keinen Mehrwert bieten. Die Ausnahme sind hier Orte der Macht. Die lassen zwar keine Beute übrig, geben Geralt aber jeweils einen Fähigkeitenpunkt – vor allem zu Beginn des Spiels sind diese sehr wichtig.

 

Hier sehen Sie die Gegend um die Großstadt Novigrad. Fragezeichen stehen für unentdeckte Orte, grüne Wegweiser dienen als Schnellreisepunkte und gelbe Ausrufezeichen zeigen verfügbare Quests an.

Jene Fragezeichen sind es nun auch, die Skellige so anstrengend machen. Denn natürlich sind viele dieser Sehenswürdigkeiten unter Wasser. Das ist problematisch, da man ein Boot braucht, um sich effektiv auf See fortbewegen zu können. Nur wird der Kahn andauernd von See-Harpyen malträtiert – nerviger geht's kaum. Außerdem ist die Steuerung beim Tauchen gerne mal sehr eigenwillig und natürlich wird man Unterwasser auch andauernd angegriffen. Hier kann man entweder die Zähne zusammenbeißen oder es einfach sein lassen, ich habe mich für letzteres entschieden. Ansonsten klappen die Open-World-Systeme aber gut. So gibt es etwa an markanten Stellen Wegweiser, die zur Schnellreise verwendet werden können, sobald man sie einmal entdeckt hat. Hier hätte ich mir ein paar weniger gewünscht (auf der Novigrad/Velen-Karte gibt es schon um die hundert Wegweiser), da man gegen Ende des Spiels – für meinen Geschmack zumindest – zu viel schnellreist und zu wenig von der Welt sieht. Insgesamt finde ich die offene Welt von The Witcher 3 gut, aber nicht herausragend. Skyrim etwa erweckt in mir einen viel stärkeren Entdeckerdrang und wirkt weniger statisch, aber das ist Kritik auf hohem Niveau.

Plötze macht Probleme

Da der Hexer gerne mal längere Strecken zurücklegen muss, besitzt er in The Witcher 3 neuerdings ein Pferd, genannt Plötze. Man kann es standardmäßig herbeirufen, indem man X drückt – eigentlich sehr komfortabel. Dann sollte der Gaul im näheren Umkreis spawnen, aber dummerweise macht er das nie in der Richtung, in die man will. Gerne erscheint er auch mal in den Vorgärten oder Häusern von Dorfbewohnern. Umwege wegen des Pferdes sind jedenfalls vorprogrammiert. Das wahre Problem liegt jedoch in der eigentlichen Fortbewegung des Tieres. Plötze verlangsamt ihren Lauf wegen den kleinsten Hindernissen und bleibt andauernd hängen. Die Animationen sind ebenfalls verbuggt: Bergabwärts läuft Plötze gerne mal nur auf den Vorderbeinen, das Heck weit in die Höhe gerichtet. Und ich dachte naiverweise, das Reittier sollte die Fortbewegung komfortabler gestalten! Natürlich zeigen sich beim Pferd die Schwächen der Steuerung besonders, aber Geralt selbst steuert sich auch noch nicht perfekt. So wird es an engen Durchgängen teilweise hakelig, aber immerhin besser als im Vorgänger, wo ich gerne mal in Türen stecken blieb. Ähem.

Pferderennen wie dieses sind zwar spielerisch recht anspruchsvoll, belohnen den Sieger allerdings mit guter Ausrüstung für das Reittier.

Das Pferd verfügt jedoch noch über andere spielmechanische Funktionen, so besitzt es eigene Ausrüstungsslots, etwa für Satteltaschen (erhöht Geralts Tragekapazität) oder Monstertrophäen (verleihen spezielle Boni). Das ist alles sinnvoll und klappt auch anstandslos. Ausrüstung für Plötze kann man entweder bei Händlern kaufen oder bei Pferderennen gewinnen. Letztere sind übrigens sehr trivial – ich habe alles immer spielend einfach gewonnen.

Morgens Hexer, abends Batman

Doch genug von Geschichten, Kulissen und bockenden Gäulen – was hat sich beim Hexer selbst getan? Grundsätzlich gilt, dass der dritte Teil den Weg weiter beschreitet, den Assassins of Kings eingeschlagen hat, allerdings mit durchaus signifikanten Unterschieden. So kann Geralt nun endlich frei klettern und schwimmen, auch das Sprinttempo wurde auf ein angemessenes Niveau angehoben. Endlich kann ich mit meinem Lieblingshexer auf richtige Erkundungstouren gehen! Doch auch das Kampfsystem wurde verbessert, so wirkt Geralt in seinen Bewegungen etwas präziser, auch der Einsatz von Zeichen geht leichter von der Hand. Das alles führt zu einem deutlich flüssigeren Spielerlebnis.

Erstmals in der Witcher-Reihe habe ich am Kampfsystem nichts auszusetzen. Die Bewegungen laufen nun präziser und flüssiger als im Vorgänger ab.

Die spielmechanisch größte Änderung von The Witcher 3 besteht jedoch in der Einführung der sogenannten Hexersicht. Hält man die rechte Maustaste gedrückt, fokussiert Geralt seine Sinne und kann damit Hinweise wie Gerüche oder Fußspuren besser orten. Der Einfluss der Batman: Arkham-Reihe ist nur schwer zu übersehen. Dieses Feature ist selbst unter Fans des Spiels nicht unumstritten und man könnte ihr mit Recht vorwerfen, dass sie zu inflationär eingesetzt wird. Ich mag sie jedoch sehr gerne, denn ich habe in den Vorgängern eine Funktion vermisst, die mir lootbare Gegenstände auf eine gewisse Distanz anzeigt. Da die Hexersicht genau das tut, ist sie ein wahrer Segen für mich und alle, die bei Rollenspielen gerne einmal ihre kleptomanische Seite durchscheinen lassen. Ich wünschte nur, die Hexersicht ließe sich auch bei Vollsprint einsetzen und würde die Sicht nicht so einschränken, aber man kann wohl nicht alles haben.

Charaktersystem und Balancing

Dafür bin ich CD Projekt RED für eine Sache unendlich dankbar: Sie haben die nervigen Bosskämpfe aus dem zweiten Teil entschärft und das Balancing generell verbessert. Das liegt vor allem daran, dass man nun im Kampf Essen konsumieren kann, um über einen gewissen (meist geringen) Zeitraum Gesundheit zu regenerieren. Mit einer entsprechenden Fähigkeit lässt sich jedoch die Wirkungsdauer jedes einzelnen Nahrungsitems auf 20 (!) Minuten (!) erhöhen. Dadurch kann man problemlos den Zustand einer endlosen Heilung erreichen, was sich auch entsprechend auf die Kämpfe auswirkt. Man kann jetzt in fast allen Gefechten auf Zeit spielen, da man ja immer Gesundheit regeneriert und das auch noch ziemlich schnell. Manch einer mag jetzt „casual“ schreien und hätte in gewisser Weise sogar recht damit. The Witcher 3 ist definitiv der einsteigerfreundlichste und leichteste Teil der Reihe, jedenfalls wenn man vom normalen Schwierigkeitsgrad ausgeht. Erfahrene Rollenspieler sollten lieber direkt auf der Stufe namens „Blut, Schweiß und Tränen“ anfangen.

Dieser Riese wirkt fieser, als er eigentlich ist. Die meisten Bosskämpfe sind deutlich einfacher als im Vorgänger.

Wie bereits angesprochen, sind Bosse nun auch angenehmer, weil sie quasi nur noch wie normale (aber natürlich stärkere) Gegner funktionieren. Wenigstens muss man sich nicht mehr mit nervigen Skriptsequenzen und Gesundheitspools aus der Hölle herumschlagen. Wie anhand der bereits erwähnten Fähigkeit deutlich wird, ist das Skillsystem potenziell sehr mächtig und kreativer als in den Vorgängern. Allerdings nur bis zu einem gewissen Grad: Man kann nämlich nur maximal zwölf Fähigkeiten gleichzeitig aktivieren. Natürlich verstehe ich den Gedankengang, dass man die Spieler zu einer strategischen Wahl zwingen will, aber für mich fühlt es sich so an, als hätten die Fähigkeiten ab einem gewissen Punkt keinen Einfluss mehr auf Geralts Kampfkraft. Stattdessen wird vor allem die Ausrüstung wichtig. Und wo wir gerade schon dabei sind:

Geralt, der Handwerker

In den ersten beiden Witcher-Teilen war das Crafting eine ziemlich nebensächliche Angelegenheit. Klar, man ist ab und an mal zu einem Schmied gerannt, um sich eine bessere Waffe oder dergleichen herzustellen. Ich selbst habe das aber nur gemacht, wenn ich alle Materialien schon beisammen hatte und es ansonsten keinen Aufwand mehr erfordert hat. The Witcher 3 macht das Crafting nun deutlich prominenter, indem es das Gewicht aller Handwerksgegenstände auf null setzt, sprich: Man kann so viele von diesen mitführen, wie man will. Außerdem können gewisse Items nun zerlegt werden, um an deren Bestandteile zu kommen. Dies kostet zwar Geld, ist aber allemal besser, als sie sich vom Händler kaufen zu müssen.

Wer die nötigen Schemata und Materialien hat, kann bei Handwerkern potenziell mächtige Ausrüstungsgegenstände herstellen. 

Wer eifrig Schatzsuchen abarbeitet, erhält auch Pläne zur Herstellung von Gegenständen. Unter diesen sind besonders die sogenannten Hexerausrüstungen erwähnenswert. Dabei handelt es sich um vier Waffen- und Rüstungssets (Greif, Katze, Bär und Wolf), die sich in vier Stufen ausbauen lassen. Folglich sind diese Gegenstände auch auf lange Sicht nützlich und sollten nicht so schnell verkauft/zerlegt werden wie normale Items. Generell gilt für The Witcher 3, dass es deutlich mehr Wert auf Geralts Ausrüstung legt. So nutzen sich Waffen und Rüstungen mit der Zeit ab, müssen also repariert werden, was glücklicherweise angenehmer von statten geht, als ich erwartet hatte. Nicht nur durch das verbesserte Crafting, sondern auch durch die motivierende Lootspirale erhält The Witcher 3 eine neue spielerische Dimension – die Jagd nach besserer Ausrüstung. Das macht unter anderem auch dadurch Spaß, dass die Waffen alle wunderbar designed sind. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Geralt ab jetzt auch Armbrüste verwendet? Super, um sich gegen fliegende Feinde und solche unter Wasser zu verteidigen!

Gwint – das Spiel im Spiel

Die Witcher-Reihe besaß schon immer Minispiele, in den ersten beiden Teilen denkt man da vor allem an Würfelpoker. Das hat Spaß gemacht und eignete sich gut, um ein bisschen Gold abseits der gewöhnlichen Quests zu verdienen, wurde aber schnell langweilig. The Witcher 3 löst Würfelpoker durch Gwint ab, ein Kartenspiel, das zu komplex ist, um es hier vollständig erklären zu können. Grundsätzlich gilt, dass zwei Kontrahenten gegeneinander spielen und die Wahl zwischen vier Fraktionen haben. Ein Deck ist vollständig, wenn man mindestens 22 Karten einer Fraktion besitzt. Wer es schafft, zwei von drei Runden zu gewinnen, indem er den Kartenwert des Gegners überbietet, gewinnt.

Mit diesem Spiel hängen diverse Questreihen zusammen, die alle das Sammeln von stärkeren Kartem zum Ziel haben. Das motiviert übrigens sehr, denn am Anfang muss man Niederlage um Niederlage einstecken, da die Gegner einfach bessere Karten besitzen. Der Drang nach Rache ist entsprechend groß. Gwint ist übrigens taktisch anspruchsvoll, so werden die Karten in drei Kategorien (Nahkampf, Fernkampf, Artillerei) eingeteilt, es existieren (De)Buffs, einzigartige Karten und dergleichen. Insgesamt gefällt mir das Kartenspiel besser als der Würfelpoker aus den Vorgängern. Allerdings finde ich es grenzwertig lustig, wie ernst die Figuren über dieses Spielchen reden — mit einer Gravitas, als ginge es um Leben und Tod.

Herzen aus Stein, Blut und Wein

Doch halt! Die Hauptgeschichte ist nicht die letzte Gelegenheit, bei der wir Geralt spielen können, bevor er sich in seinen wohlverdienten Hexer-Ruhestand begibt (wenn man den Entwicklern glaubt). Die Game of the Year Edition umfasst nämlich auch noch die beiden Story-Erweiterungen Hearts of Stone und Blood and Wine. Erstere ist von verhältnismäßig geringem Umfang, dafür erzählerisch sehr straff und kreativ. Hier trifft Geralt auf den Adeligen Olgierd von Everec, der ihm einen scheinbar normalen Auftrag anbietet – doch es soll alles ganz anders kommen. Zwischen Party-Geistern, sprechenden Tieren und einer Eskapade in einem Gemälde (hallo, Oblivion) treibt hier auch ein alter Freund aus dem Prolog des Grundspiels sein Unwesen. Wie gesagt: eine gut erzählte Erweiterung, die aber keine Umfangspreise gewinnt. Einzig der neu hinzugefügte Runenschmied verspricht, das Endgame im Hinblick auf die Waffen interessanter zu gestalten. Sparen Sie aber besser schon mal 30.000 Novigrader Kronen.

Anna Henriette, die Herzogin von Toussaint, beauftragt Geralt damit, das „Biest von Beauclair“ zur Strecke zu bringen.

Die Erweiterung, die den Vogel (oder im Falle von The Witcher: den Greifen) wirklich abschießt, ist hingegen Blood and Wine. Hier wird Geralt in das Herzugtum Toussaint eingeladen, was – im Gegensatz zum ersten Addon – eine neue Gegend zum Erkunden bedeutet. Und was für eine! Toussaint ist nicht nur die mit Abstand farbenfrohste Gegend des Spiels, sondern kann sich umfangsmäßig in etwa mit Skellige messen. In besagtem Herzugtum bekommt Geralt auch ein Weingut geschenkt, der Hexer hat nun also auch ein eigenes Heim. Ehrensache, dass man dieses natürlich erst renovieren muss. Auch hier gilt, dass man besser genug Geld in der Hinterhand haben sollte. Natürlich ist auch die Story gut, aber das versteht sich ja mittlerweile von selbst. Insgesamt kann man Blood and Wine schon fast als eigenes Spiel betrachten. Für mich ist es ganz klar eine der besten Erweiterungen aller Zeiten.

Groß, wunderschön, The Witcher 3

In The Witcher 3 werkelt die dritte Iteration der RED Engine, die erstmals in Assassins of Kings zum Einsatz kam. Damals führte dies gegenüber dem Vorgänger zu einem großen Sprung in der Grafikqualität. Auch der dritte Teil sieht merklich besser aus als der zweite, allerdings ist der Abstand nicht mehr ganz so groß. Das soll allerdings nicht heißen, dass Wild Hunt grafisch unterwältigend wäre, ganz im Gegenteil. Auf den höchsten Einstellungen sieht es wirklich fantastisch aus und da seitdem nur wenige wirklich große Rollenspiele erschienen sind, wurde The Witcher 3 auch bis dato nicht wirklich entthront. Die Ultra-Einstellungen sind für mich allerdings nicht drin und selbst die hohen Grafikoptionen liefen mir auf meinem System (GTX 980, i7-6700k, 16 GB RAM) nicht flüssig genug. Auf „mittel“ sieht das Spiel aber noch überzeugend aus, vor allem im Bereich der Gesichter, dafür sind einige Umgebungstexturen dann aber schlecht aufgelöst. Das will ich The Witcher 3 aber auch gar nicht ankreiden — wenn man bedenkt, wie viel hier grafisch geboten wird, ist es gut optimiert.

Obwohl The Witcher 3 schon fünf Jahre alt ist, braucht es sich grafisch nicht hinter aktuellen Rollenspielen zu verstecken.

Teil zwei war schon gut inszeniert, aber sein Nachfolger spielt nochmal in einer anderen Liga. Fort sind die veralteten Kamerafahrten, dafür ist das Erlebnis kinoreifer als je zuvor. Die Animationen in den Zwischensequenzen sind hervorragend und wissen immer, den Moment angemessen zu betonen. Und dann noch diese Welt! Man kann sich gerne um deren spielerische Qualität streiten, aber sie ist ein echter Hingucker. Egal, ob es um das trostlose Niemandsland in Velen, die lebhafte Stadt Novigrad oder die gebirgigen Inseln im Skellige-Archipel geht – es sieht alles fantastisch aus. Der Schauwert dieser Welt ist enorm. Auch der Soundtrack ist sehr gut. Hier finde ich vor allem toll, dass es einige Stücke aus dem ersten Teil in Wild Hunt geschafft haben. Diese Nostalgie!

Fazit

Die Witcher-Reihe hat in der Zeit zwischen dem ersten Teil (2007) und Wild Hunt eine wahrlich bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. The Witcher 1 war noch ein verhältnismäßig kleines Spiel, geschaffen von einem unerfahrenen Team, mit der Engine eines anderen Entwicklerstudios. Assassins of Kings hob die Serie mit seiner eigens entwickelten RED Engine auf eine neue technische Stufe und änderte bzw. implementierte viele neue Spielsysteme — hier tat sich oberflächlich gesehen am meisten. Der größte Qualitätssprung findet sich jedoch zwischen Teil zwei und Wild Hunt: Indem es die technischen Innovationen des Vorgängers nutzt und verbessert, läuft hier zum ersten Mal alles wirklich rund in der Hexerwelt.

Wo das Kampfsystem früher etwa noch hakelig war und die Bewegungsfreiheit zu wünschen übrig ließ, erwarten Sie hier wirklich unterhaltsame Kloppereien und eine offene Welt, die Geralt aufgrund einer Reihe von neuen Mechaniken auch wirklich angemessen erkunden kann. Dabei ist die Story des dritten Teils gut, aber nicht fantastisch – hier sehe ich Assassins of Kings weiter vorne. Dafür sind Nebenquests und Hexeraufträge auf einem wirklich hohen Niveau. Hier jagt ein Höhepunkt den nächsten, das Writing kann in fast jeder Situation überzeugen. Und wie das alles aussieht! Und wie viel inhaltlich drinsteckt! Schwierig zu glauben, dass wir hier über dasselbe Studio reden, das sich für The Witcher 1 verantwortlich zeichnet.

Auch im Kleinen hat sich viel getan: Das Crafting ist nun endlich ein wirklich spaßiges Element, mit Gwint befindet sich sogar ein eigenes Spiel innerhalb des eigentlichen Spiels, auch das Skill- und Charaktersystem kann mehr überzeugen als in den Vorgängern. Das Spiel kommt aber nicht ganz ohne Kritik weg, so muss man sich mit einer sehr launischen Steuerung herumschlagen (vor allem beim Pferd!). Dennoch ist The Witcher 3 insgesamt das beste Spiel, das ich kenne. Ich gehe mit hohen Wertungen sehr sparsam um, aber hier muss ich wirklich schon eine 92 geben, da ich Wild Hunt noch etwas besser finde als Skyrim und Dragon Age: Origins, denen ich Stand jetzt eine 90 respektive 91 geben würde. Adieu, Geralt, wir werden dich vermissen! Ein besseres Finale hättest du dir nicht wünschen können.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 100 Stunden



Kommentare(2)

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