Die Krux des Gameplays

Rezension: „BioShock: Infinite“ + alle DLCs – Plattform: Steam

von ModuGames am: 12.12.2021

Hier finden Sie meine bisherigen Rezensionen zu den Spielen der BioShock-Reihe:

„Die Rückkehr des Königs“. So könnte man Infinite, den dritten Teil der BioShock-Reihe aus dem Jahr 2013, wohl betiteln. Denn für diesen Ableger zeichnen sich wieder Irrational Games unter der kreativen Leitung von Ken Levine verantwortlich, die auch den ersten Serienteil entwickelt haben. Die Entwickler trennen sich jedoch vom Markenzeichen der alten Teile: der Unterwasserstadt Rapture. Kann das gutgehen? Knüpft Infinite an die Genialität des ersten BioShock an?

Über den Wolken

Dass auch BioShock: Infinite mit einem Leuchtturm beginnt, kommt nicht von ungefähr. Schließlich begann auch der erste Serienteil mit einem solchen Bauwerk, nur dass wir diesmal nicht Überlebender eines Flugzeugabsturzes sind, sondern ganz unspektakulär per Boot zu unserem Leuchtturm gelangen. „Wir“ ist in diesem Fall unser Protagonist Booker DeWitt, der im Gegensatz zu den Hauptfiguren aus den ersten beiden Teilen auch sprechen kann. Oben auf dem Leuchtturm finden wir eine Rakete und steigen, wie es die Protagonisten-Ehre gebietet, natürlich sofort ein. Über den Wolken sehen wir, dass Infinite, genau wie das erste BioShock, eine Stärke für dramatische Inszenierungen hat.

Columbia sieht wirklich fantastisch aus. Solch tolle Panoramen bieten sich uns vor allem zu Beginn des Spiels noch öfter.

Dort erblicken wir nämlich Columbia, eine fliegende Stadt. In einer Passage, die der Tauchfahrt des ursprünglichen Serienteils nicht unähnlich ist, wird uns ein Eindruck von der Stadt vermittelt. Wir erfahren zum Beispiel davon, dass Columbia von einem Mann namens Comstock gegründet wurde, der von den Einwohnern der Stadt als Prophet verehrt wird. Als die Rakete landet, haben wir uns schon ausgerechnet, dass es sich bei der religiösen Gemeinschaft in Columbia wohl um eine Sekte des Christentums handelt. Doch was macht Booker eigentlich hier?

Komplex, verwirrend, aber gut

Unser Held Booker hat Schulden, und um diese zu tilgen, soll er das Mädchen Elizabeth aus der Gewalt von Comstock befreien und zu seinem Auftraggeber bringen. Comstock weiß jedoch davon, er bezeichnet uns als „falschen Propheten“ und hetzt uns die Polizei auf den Hals. Als wir schließlich auf Elizabeth treffen und sie befreien, haben wir uns schon mehrere Feuergefechte mit den lokalen Ordnungshütern geliefert. Von nun an folgt uns das Mädchen auf Schritt und Tritt, wir müssen nur noch aus Columbia entkommen – leichter gesagt, als getan.

Mit Elizabeth im Gepäck sollen wir aus Columbia entkommen. Das Mädchen war ihr Leben lang in einem Turm eingesperrt, sie muss erst noch mit der neuen Welt umzugehen lernen. Elizabeth ist eine tolle Figur, die eine sehr interessante Entwicklung beschreitet.

Wenn Sie meine bisherigen Schilderungen schon verwirrend fanden, haben Sie noch gar nichts gesehen. Die Handlung von Infinite wird vor allem gegen Ende richtig verrückt. Zeitreisen, alternative Realitäten, Prophezeiungen und Plottwists ohne Ende sorgen dafür, dass wir es hier mit einer höchst komplexen Geschichte zu tun haben. Ich muss gestehen, dass ich nicht intelligent genug bin, um die Handlung von Infinite komplett zu verstehen. Möglicherweise ist sie aber auch einfach nur extrem verschwurbelt erzählt. Beides ist möglich. Jedenfalls würde ich die etwa acht Stunden lange Erzählung einmal vorsichtig als „gut“ bezeichnen, allerdings finde ich sie bei weitem nicht so großartig wie viele andere Spieler.

Columbia – das Paradies?

Da halte ich andere Aspekte des Spiels für deutlich überzeugender? Können wir zum Beispiel einmal über das fantastische Design von Columbia reden? Es geht in eine komplett andere Richtung als Rapture, ist aber ebenso großartig. Die Häuser werden von Windrädern in der Luft gehalten, sie schweben sanft auf und ab. Wir sehen riesige Statuen und Monumente am Himmel, was für tolle Panoramen sorgt. Wir können die Bürger von Columbia beobachten, wie sie ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgehen, und können vielen Gesprächen lauschen. Die Beleuchtung ist viel heller und wärmer als in den ersten beiden Serienteilen, wirkt oft geradezu malerisch. Columbia scheint der Himmel zu sein, in wortwörtlicher wie auch in metaphorischer Hinsicht.

Die Vox Populi ist eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die Comstocks Regime stürzen will. 

Himmlisch ist das Leben in Columbia aber nur auf den ersten Blick, unter der Oberfläche brodelt es. Die Gesellschaft der Stadt ist zum Beispiel zutiefst rassistisch. Farbige Menschen werden bestenfalls als Bürger zweiter Klasse behandelt. Generell gibt es in Columbia viele sozial Abgehängte, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Slums leben. Damit ist Infinite viel weniger abstrakt als die anderen Serienteile, es macht Probleme der realen Welt greifbar. Leider räumt das Spiel diesen Themen für meinen Geschmack nicht genug Raum ein. Gerade dieser Rassismus-Aspekt wird zu Beginn des Spiels einmal ganz stark thematisiert und später zugunsten anderer Handlungsstränge fallen gelassen. Sehr schade.

Kein infiniter Spielspaß

Jetzt habe ich schon wieder ewig über Prämisse, Handlung und Motive geredet und dabei das Gameplay komplett ignoriert. Das hat auch einen Grund. Die reine Spielmechanik von Infinite ist geradezu schmerzhaft mittelmäßig und zieht den Rest des Spiels nach unten. Doch lassen Sie mich erklären: Zwar ist auch dieses BioShock ein First-Person-Shooter, in dem wir neben Schusswaffen auch noch auf übernatürliche Fähigkeiten zurückgreifen dürfen, die in diesem Fall „Vigor“ heißen. Es unterscheidet sich aber in vielerlei Hinsicht von seinen Vorgängern. Beispielsweise dürfen wir nur noch zwei Waffen gleichzeitig tragen, was ich persönlich sehr enttäuschend finde. Natürlich könnte man hier nun mit Realismus argumentieren, das halte ich aber nicht für schlüssig. Es gibt in diesem Spiel eine Fähigkeit, mit der wir Killer-Krähen (kein Witz) aus unseren Händen schießen können. Wenn so etwas möglich ist, sollte es auch möglich sein, mehr Schießeisen mitzunehmen. Vor allem in einem Spiel wie BioShock, das zum Experimentieren mit den Fähigkeiten einlädt, sollte man nicht in seinen Optionen eingeschränkt werden, auch nicht bei den Waffen.

Das Shootergameplay kann leider nicht überzeugen. Standardmäßig liegen die Vigor-Fähigkeiten auf der rechten Maustaste, da will man aber eigentlich das Anvisieren über Kimme und Korn haben. Dies sollte man dringend ändern, wenn man Infinite als reinen Shooter spielen will.

Neben unserer regulären Gesundheit und unserem Vorrat an Salzen, welche das „Eve“ aus den Vorgängern ersetzen und für unsere Vigor-Fähigkeiten benötigt werden, gibt es in Infinite neuerdings auch noch einen Körperschild. Dieser steckt einige Treffer ein, „zerbricht“ dann, regeneriert sich aber auch innerhalb weniger Sekunden vollständig. Folglich etabliert sich eine Spielweise, in der wir hinter unserer Deckung hocken, ab und zu die Rübe herausstrecken, um ein paar Schüsse abzugeben, und dann einfach abwarten, bis unser Schild wieder da ist, wenn wir einmal getroffen werden. Diese Strategie funktioniert auch daher so gut, weil die KI der regulären Gegner viel zu passiv ist. Die ersten beiden Teile haben einen etwas aggressiveren Spielstil erfordert, was ich persönlich für spannender halte.

Die große Schwachstelle

Nicht nur die KI ist problematisch. Das komplette Spiel hat ein Problem mit seinem Schwierigkeitsgrad. Ich habe auf „normal“ angefangen, wie ich es bei jedem Spiel tue, mit dem ich noch keine Erfahrung habe. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass Infinite sehr einfach ist, also habe ich auf „schwer“ erhöht. Und tatsächlich ist das Spiel mit dieser Einstellung angenehm anspruchsvoll, weshalb ich sie auch allen Spielern empfehlen kann, die eine Herausforderung suchen. Die Frage ist allerdings: Will man diese Herausforderung überhaupt? Die Kämpfe sind nämlich ausgesprochen mühsam und repetitiv. Wie schon angesprochen, sind die Standardgegner keine Herausforderung. Es gibt einige besondere Gegner, allerdings rangieren diese meist zwischen lächerlich ungefährlich (Krähen-Magier) und nervig (Grenadiere), auch wenn letztere das Spiel zugegebenermaßen schwerer machen. Am besten sind da noch die sogenannten „Handymen“ – große Exo-Anzüge, die sehr beweglich sind und mit Area-of-Effect-Nahkampfangriffen zuschlagen. Auch die sind zwar nicht sonderlich tolle Gegner, aber immerhin besser als der Rest.

Dieser Gorilla-artige Kollege ist ein Handyman. Hier handelt es sich um einen der weniger Gegnertypen, die uns ernsthaft unter Druck setzen können.

Die Kämpfe sind also ziemlich langweilig. Dazu kommt noch, dass das Spiel sie viel zu inflationär einsetzt. Auch einige scheußliche Bosskämpfe haben sich wieder eingeschlichen. Das hat dazu geführt, dass ich den Schwierigkeitsgrad gegen Ende auf „leicht“ gesenkt habe, weil ich einfach nur noch die Geschichte zu Ende erleben wollte. Die ersten beiden BioShock-Spiele hatten zwar auch kein wirklich herausragendes Gameplay, ich habe die Kämpfe in ihnen allerdings nie als nervig empfunden. Großes Minus für Infinite.

Durchwachsene kleine Änderungen

Elizabeth ist übrigens nicht nur unsere Begleiterin in der Geschichte, sondern ist auch aktiv ins Gameplay eingebunden. Sie besitzt übernatürliche Fähigkeiten und kann Risse in der Spielwelt öffnen, um aus einem Paralleluniversum Gegenstände in unsere Realität zu holen. Elizabeth kann so zum Beispiel Deckungen erschaffen oder Waffen herbeizaubern. Das Mädchen kann uns auch in entscheidenden Situationen Munition, Medikits oder Geld zuwerfen. Insgesamt finde ich diese Mechanik nett, aber auch nicht mehr als das. Letztlich führt sie aber auch dazu, dass ein ohnehin nicht sonderlich schweres Spiel noch leichter wird. Wo wir eben schon beim Geld waren: Die Tage, in denen man Münzen liegen lassen musste, weil das Portemonnaie voll war, sind glücklicherweise gezählt. Unser Geldbeutel muss auch schon allein deshalb viel größer sein, weil nun alle Upgrades mit Geld gekauft werden, es gibt also keine zweite Währung wie ADAM mehr.

Mit den Skylines kommt viel Vertikalität ins Spiel. Eine sehr coole Idee, von der leider zu wenig Gebrauch gemacht wird.

Eine der besten Neuerungen sind zweifellos die Skylines. Dabei handelt es sich um Zugschienen in der Luft, auf die wir aufspringen und dann an ihnen entlang fahren können. Das bringt richtig Geschwindigkeit ins Spiel, sieht toll aus und macht insgesamt viel Spaß. Leider setzt das Spiel dieses Feature viel zu selten ein. Wer sich jetzt denkt: „Eine fliegende Stadt? Skylines? Klingt nach viel Bewegungsfreiheit!“, den muss ich enttäuschen. Die Areale in Columbia sind zwar offener als die in Rapture, letztendlich ist das Spiel aber immer noch eine eher lineare Angelegenheit. Die Entwickler hielten es nicht einmal für nötig, eine Karte einzubauen, wie sie die alten Serienteile noch hatten. Ich begrüße den Ansatz von Infinite aber durchaus. Ich brauche nun wirklich nicht in jedem Spiel eine Open World, gleichzeitig sind die Level offen genug, um sich von den Schlauchlevel-Shootern abzuheben.

Burial at Sea

Wenn Sie die Hauptstory abgeschlossen haben, empfehle ich unbedingt noch den zweiteiligen DLC namens „Seebestattung“ (engl.: Burial at Sea) zu spielen. Im ersten Teil der Erweiterung schlüpfen wir erneut in die Rolle von Booker DeWitt. Wir befinden uns – meinem Verständnis nach – jedoch in einem Paralleluniversum. Seebestattung spielt im Rapture des Jahres 1958, was bedeutet, dass wir die Stadt zu ihren Hochzeiten erleben dürfen. Dafür alleine lohnt sich der DLC schon. Wir helfen Elizabeth dabei, eine Little Sister namens Sally zu retten, und treffen dabei auf einen alten Feind aus dem ersten BioShock.

In solchen kleinen Videos werden uns die Funktionsweisen der Vigor-Fähigkeiten erklärt. Das erinnert an die Plasmide der alten Serienteile.

Seebestattung Episode 2 ist jedoch noch einmal viel besser. Hier schlüpfen wir in die Rolle von Elizabeth, welche allerdings ihre übernatürlichen Fähigkeiten verloren hat. In diesem DLC schleichen wir viel mehr als im Hauptspiel, da Elizabeth nicht so widerstandsfähig ist wie Booker. Das ist eine durchaus willkommene Abwechslung. Man kann aber natürlich auch sein Glück mit einer Reihe normaler Schusswaffen versuchen. Was ich an beiden Episoden sehr mag, ist, dass Munition diesmal tatsächlich rar ist. Das habe ich am Hauptspiel sehr vermisst. Der wahre Star von Episode 2 ist jedoch seine Erzählung: Nicht nur lernen wir die Geschichte von Infinite besser zu verstehen, es wird auch noch sehr elegant ein Bogen zurück zum ersten BioShock geschlagen. Dadurch wirkt die Serie wie ein gut durchdachtes Gesamtwerk.

Fazit

Unter den AAA-Spielen gehört BioShock zu den wenigen Serien, denen ich einen künstlerischen Anspruch durchaus zubilligen würde. Infinite geht hierbei noch einen Schritt weiter: Es ist das politischste, gesellschaftskritischste BioShock, das wir je hatten. Für diesen Mut zur Innovation und zum Kunst-sein würde ich das Spiel so gerne lieben, aber es geht einfach nicht! Zu durchschnittlich ist das Gameplay, zu nervig sind speziell die Kämpfe. Die Geschichte hat ganz klar ihre tollen Momente (vor allem die Interaktionen zwischen Booker und Elizabeth sind sehr schön), aber ich finde auch diesen Aspekt insgesamt nicht herausragend genug, als dass ich die Gameplay-Schnitzer verzeihen könnte. Ursprünglich wollte ich hier eine hohe 70 vergeben, dann war ich aber von der Erzählung des „Seebestattung“-DLCs so begeistert, dass ich mich noch zu einer niedrigen 80 durchringen konnte. Somit finde ich Infinite etwas schlechter als das Ur-BioShock, aber besser als den zweiten Teil.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



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