Endlich ein richtiges Kampfsystem
Und apropos ausschalten: Wenn es haarig wird, teilt Bond natürlich auch mit den Fäusten aus. Im Gegensatz zu Hitman gibt es in First Light erstmals ein richtiges Kampfsystem, das auf das mittlerweile in vielen Actionspielen etablierte Muster aus Zuschlagen und dem Blocken oder Ausweichen von farblich markierten Angriffen setzt.
Die Kämpfe sind glaubhaft wuchtig inszeniert, was nicht zuletzt an den Umgebungs-Takedowns liegt. Je nachdem, wo ihr gerade kämpft, rammt Bond einem Gegner entweder das Knie unters Kinn, oder knallt den armen Kerl mit dem Kopf auf die nächste Schreibtischplatte - so macht Prügeln Spaß.
1:00
Verfolgungsjagden, Agenten-Gadgets, Flirts mit Frauen: First Light fährt kurz vor Release nochmal das ganze 007-Repertoire auf
Hat man den Rhythmus raus, spielen sich die Faustkämpfe fast schon tänzerisch flüssig - geraten dabei aber einen Ticken zu einfach. Dass es leichter ist, mal eben 15 Wachen zu verdreschen, statt sich ordentlich einzuschleichen, ist zwar nicht schlimm, nimmt dem Spiel zumindest auf normalem Schwierigkeitsgrad aber etwas die Glaubwürdigkeit. Auf »Purist« müsst ihr euch eure Gegner dagegen schon mit deutlich mehr Bedacht aussuchen.
Deutlich besser gehen dagegen die Schießereien von der Hand. Das Waffenhandling war in den Hitman-Spielen ja immer ein Kritikpunkt. In First Light haben die Schießeisen spürbar mehr Wumms und lassen sich auch deutlich flüssiger bedienen. Mit einem Schuss auf die Hände könnt ihr Gegner entwaffnen, Beinschüsse bringen sie dagegen ins Wanken. Das verleiht den Gefechten eine taktische Komponente; einen echten Shooter dürft ihr hier aber nicht erwarten.
Im Gegenteil: First Light sorgt mit einer geschickten Änderung an Bonds berüchtigter Lizenz zum Töten dafür, dass Bond nicht zum simplen Revolverhelden verkommt. Ihr könnt nämlich nicht drauflos ballern, wenn euch danach ist. Bond darf erst schießen, wenn Gegner ihm erkennbar nach dem Leben trachten und ebenfalls die Waffen ziehen. Außerdem ist Munition notorisch knapp. Das Spiel zwingt euch, taktisch vorzugehen.
Aston Martin mit Panne
Die Fahrzeug-Passagen sind hingegen gänzlich neu im Gameplay-Mix von First Light und sorgen mit einer Bandbreite von Müllauto bis Speedboot zumindest auf dem Papier für Abwechslung. Mit der Umsetzung tun sich die Entwickler allerdings keinen Gefallen, denn die Steuerung fällt hakelig aus.
Da die Kamera in Kurven nicht automatisch mitschwenkt, sondern schwerfällig mit der Maus hinterhergezogen werden muss, seht ihr Hindernisse oft erst zu spät kommen. Fairerweise habe ich von IOI hier auch keine Rennspiel-Standards erwartet. Dass sich ein Aston Martin in der Realität allerdings wirklich wie ein Backstein fährt, wage ich stark zu bezweifeln.
Ladezeiten ade
Technisch macht First Light dafür eine sehr ansehnliche Agenten-Figur. Vor allem die schicke Beleuchtung der Levels sticht ins Auge; gerade die Hauptfiguren sind dank Motion-Capturing hervorragend animiert. Herumstehende NPCs wirken zwar manchmal ein wenig steif, dafür kommt die hauseigene Glacier-Engine selbst in Passagen mit hoher NPC-Dichte und vielen Lichtquellen nicht ins Schwitzen.
Auf unserem Testrechner mit einer drei Jahre alten GeForce RTX 4060 Ti (8 Gigabyte VRAM) und 32 Gigabyte Arbeitsspeicher lief das Spiel bei hohen Details durchweg flüssig mit annähernd 60 FPS. Störende Ruckler oder gar Abstürze gab es ebenfalls keine. Kantenflimmern und nachladende Texturen fielen nur selten auf. Zudem kommt das Spiel fast ohne Ladezeiten aus; das Einsatz-Briefing geht meist nahtlos in die nächste Gameplay-Sektion über, was die Sogwirkung der Kampagne noch verstärkt.
In der Testversion kam es im späteren Verlauf der Kampagne lediglich zu einem Quest-Bug, der dafür sorgte, dass Bond wegen einer fehlenden Schlüsselkarte in einem bestimmten Level-Abschnitt feststeckte und nicht mehr vor und zurück kam. Ein Zurücksetzen zum letzten, fair gesetzten Checkpoint konnte das Problem beheben. Zwischenzeitlich wurde zudem ein umfangreicher Patch aufgespielt.
Für gelegentlichen Frust kann am PC die eigenwillige Steuerung sorgen - eine Schwäche, an der auch schon die Hitman-Spiele litten. Gadgets aktiviert ihr etwa durch Drücken von ALT und den Zahlentasten 1 bis 4. Beim Klettern erkennt das Spiel hin und wieder nicht richtig, ob ihr auf- oder abwärts kraxeln wollt, der Konzentrationsmodus beim Zielen mit Waffen aktiviert sich häufig nicht mit dem ersten Druck auf E, stattdessen müsst ihr mehrmals auf die Taste hämmern.
Das ist an sich kein Beinbruch, insgesamt empfehle ich euch aber, First Light mit dem Gamepad zu spielen. Da geht die Steuerung deutlich flüssiger von der Hand.
Einer Fortsetzung würdig
Von diesen kleinen Wehwehchen einmal abgesehen, erweist sich 007 First Light als richtig gutes Agenten-Abenteuer. IOI liefert mit dem ersten Bond-Spiel seit 14 Jahren genau die richtige Balance aus alten Stärken (offene Levels mit großer spielerischer Freiheit) und neuen Ideen. Die Entwickler zeigen, dass sie verstanden haben, was Bond-Fans wichtig ist: Entsprechend gibt es jede Menge exotische Orte, schnelle Autos, flotte Sprüche und rabiate Action.
Gleichzeitig fühlt sich First Light zu keinem Zeitpunkt wie das Abarbeiten einer Checkliste; vielmehr spielen die Entwickler ganz bewusst mit euren Erwartungen: Immer wieder frage ich mich im Spielverlauf, wann ich denn nun endlich hinter das Steuer des schicken Aston Martins steigen darf oder wann Bond seinen ersten Martini trinkt. Und wenn es dann passiert, muss ich als Fan unweigerlich schmunzeln.
Der zentrale Twist der Story ist zwar recht vorhersehbar, dafür brennt das Spiel zum Ende aber ein wahres Action-Feuerwerk ab, bei dem ihr alle zuvor gelernten Mechaniken einsetzen müsst. Bond-Darsteller Patrick Gibson macht seinen Job zudem so hervorragend, dass man ihn gleich für den nächsten Kinofilm casten könnte.
Seine Interpretation des jungen Bonds sprüht nur so vor Charme, gleichzeitig kann er auch die rauen Töne anschlagen. Einziger Wermutstropfen: Die geniale Sprech-Performance gibt’s ausschließlich auf Englisch. Über eine deutsche Tonspur verfügt First Light leider nicht.
Habt ihr die Kampagne durch, erwartet euch mit den sogenannten Taktischen Simulationen zudem noch ein spezieller Herausforderungsmodus, in dem ihr bestimmte Spielpassagen mit neuen Modifikatoren (mehr Gegner, unentdeckt bleiben, etc.) noch einmal erlebt und dadurch diverse Sammelobjekte freischaltet. Und auch während der Hauptstory erwarten euch diverse optionale Challenges, wer alles auf 100 Prozent spielen will, ist hier locker 60 Stunden beschäftigt.
Angesichts dieser fast rundum reifen Leistung dürfte IO Interactive aus meiner Sicht gerne gleich mit einem Nachfolger um die Ecke kommen. Dass die Zeichen dafür alles andere als schlecht stehen, offenbart ein Versprechen im Abspann: »James Bond will return!« Und das ist auch gut so.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.