2025 habe ich verflixt viel gelesen. Dahinter steckte kein großer Plan, außer vielleicht der: bisschen weniger Bildschirmzeit, bisschen weniger Smartphone, stattdessen ruhige, lange, ausgiebige Phasen, in denen sich mein Hirn mal voll und ganz auf eine Sache einlässt. Und meine Güte, ich musste mich auch wirklich einlassen, denn auf meiner Liste stehen einige ganz schöne Brocken, an denen ich sonst Monate gekaut hätte.
Und weil ich so lieb bin, trenne ich für euch die Spreu vom Weizen und serviere euch fünf Bücher, die mich dieses Jahr besonders beeindruckt, überrascht und/oder bewegt haben. Viel Spaß beim Schmökern.
1. Lonesome Dove
- Genre: Western
- Autor: Larry McMurtry
- Release: 1985
Auf dem Cover von Lonesome Dove steht ein Blurb in Richtung »Wenn du in deinem Leben einen einzigen Western gelesen haben musst, dann Lonesome Dove«. Und ich weiß, dass viele jetzt stöhnen: »Boäh, Western, wie staubig ist das denn bitte?« So dachte ich auch jahrelang, aber unter anderem dieses Meisterwerk hat mir die Augen geöffnet.
Denn in vielerlei Hinsicht bietet der literarische Wilde Westen die gleichen Stärken, die auch Postapokalypse so faszinierend machen: In einer wilden Natur, in der die Gesetze der zivilisierten
Gesellschaft nicht (mehr) gelten, kämpfen die Menschen erbittert darum, irgendwie über die Runden zu kommen. Hinter jeder Ecke kann dir ein Räuber die Kerzen ausblasen, die meisten Leute sind gezeichnet von Verlust, Widrigkeiten und Schmerz. Und aus den Bruchstücken der unterschiedlichsten Gesellschaftsentwürfe formen sich neue Fraktionen, Ideen wie Ideologien für ein besseres Morgen.
So auch in Lonesome Dove: Die zwei altgedienten Texas Ranger Woodrow Call und Gus McCrae haben ihr ganzes Leben mit Kämpfen verbracht, betreiben mittlerweile in der staubigsten Ecke von Texas einen Viehbetrieb und starten in der Hoffnung auf ein besseres Leben einen letzten großen Trek ins nördliche Montana. Klingt simpel, klingt langweilig, aber glaubt mir: Das ist eine der fesselndsten Reisen, die ich je in einem Buch, Comic oder Spiel erlebt habe.
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Yellowstone war bereits ein großer Western-Hit, jetzt kommt der Serien-Nachfolger
Autor Larry McMurtry erweckt Charaktere in einer Sprache zum Leben, die mir als Gothic-Fan direkt ins Herz schießt: derb, direkt und dadurch unglaublich echt
. Generell, diese Prosa! McMurtry beschreibt vier Seiten lang, wie das abgeranzte Schild am Eingang von Calls und McCraes Ranch entstanden ist ... und ich klebe an jedem Satz, weil hier kein Wort zufällig steht. Jeder Satz, jedes Bild, jeder Dialog erschafft eine Welt, die so unglaublich brutal ist, durchzogen von Ungerechtigkeit, von sexistischer, rassistischer, menschenverachtender Kälte, dass der Tod fast zur Banalität verkommt. Doch auch in dieser Realität leben Menschen, ringen, lieben, lachen und verzweifeln.
In einer Szene schmunzle ich über den flapsigen Pianisten Lippy, der seit 15 Jahren den gleichen ranzigen Hut und die gleiche Schusswunde im Bauch mit sich herumschleppt, eine Szene später tritt einer der widerwärtigsten Schurken aller Zeiten in Erscheinung und ermordet Kinder wie Erwachsene auf grausamste Art und Weise. Lonesome Dove ist ein enormer Schinken, ihr müsst diesem Epos ein paar Hundert Seiten geben, um in Fahrt zu kommen. Aber diese Fahrt werdet ihr nie vergessen, versprochen.
2. The Watchers
- Genre: Horror
- Autor: A. M. Shine
- Release: 2022
Ich habe einen sehr spezifischen Horrorgeschmack. Mit diesem ganzen saw-mäßigen Torture Porn kann ich genauso wenig anfangen wie mit inkompetenten Hauptfiguren, die sich die ganze Story über wie kopflose Gockel aufführen und dann am Ende natürlich abnippeln. Also ... das war jedenfalls mein extrem ausgeklügeltes Briefing an Kollegin und GameStar-Horror-Expertin Natalie, um von ihr ein paar Buchempfehlungen zu bekommen. Eine davon: The Watchers von A. M. Shine.
Die 33-jährige Künstlerin Mina strandet mitten in einem düsteren Wald irgendwo in Irland. Plötzlich hört sie monströse Schreie und flüchtet sich in einen gigantischen Betonklotz mitten im Dickicht, in dem noch drei andere Menschen feststecken. Stellt sich raus: Mörderische Kreaturen treiben in diesem Wald ihr Unwesen und nur der Betonklotz mit seiner gläsernen Fassade bietet Schutz. Und so beginnt der verzweifelte Versuch, irgendwie aus diesem gottverlassenen Wald zu entkommen.
An The Watchers mag ich vor allem zwei Stärken:
- Hauptfigur Mina agiert kompetent. Sie braucht keine 400 Seiten, um mit ihrer Situation klarzukommen, sondern handelt smart, pragmatisch und zielorientiert. In anderen Horrorgeschichten will ich die Figuren manchmal am liebsten in der Handlung voranschieben, hier zieht mich Mina mit. Super!
- Das Mysterium ist einfach saumäßig spannend. In The Watchers stelle ich mir eine Millionen Fragen. Wer sind diese Kreaturen? Warum treiben sie sich ausgerechnet in diesem Wald rum? Woher kommt der Betonklotz mitten im Wald? Wer versorgt den Klotz mit Strom? Wieso greifen die Watchers nur dann an, wenn man den Klotz verlässt? Das Buch findet auf alle Fragen befriedigende Antworten, aber schafft es selbst nach der Auflösung noch, mich zu überraschen.
Kurzum: The Watchers ist einfach super spannend. Alternativ könnt ihr euch auch die gleichnamige Verfilmung (beziehungsweise im Deutschen They See You
) anschauen, aber Natalie schwört drauf, dass das Buch besser ist. Ich fand es jedenfalls klasse.
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