In einer Zeit, als die alten Götter herrschten, schrie das Land, das Kriegsherren und Könige in Aufruhr versetzten, geradezu nach einer Heldin, die für das Gute kämpfte. Xena folgte dem Ruf, die Kriegerprinzessin, die ihre Stärke in wilden Schlachten erworben hatte. Mit ihrer Kraft und ihrer Leidenschaft trotzte sie jeder Gefahr. Ihr Mut sollte die Welt verändern.
Mit diesen Worten beginnt jede Folge von Xena: Die Kriegerprinzessin, der legendären Fantasy-Serie aus den 1990ern. 156 Folgen ist sie lang, die erste wurde 1995 veröffentlicht, das dramatische Finale 2001.
Ich bin mir sicher, dass viele von euch damals genau wie ich am Röhren-TV geklebt sind, wenn Xena ihre Wurfscheiben auf Monster schleuderte und mit Kraft und (manchmal) Köpfchen gegen jeden noch so mächtigen Feind kämpfte. Dass die Spezialeffekte meistens grausam waren und die Kostüme mit griechischer Tracht wirklich nur am Rande zu tun hatten – völlig egal! Damals war es ein Spektakel, und auch heute steckt in der Serie noch sehr viel, was sich lieben lässt.
Für mich war Xena noch viel mehr als nur tolle Unterhaltung. Deshalb schreibe ich zum 30. Geburtstag der Serie endlich den Liebesbrief, den ich seit mindestens 20 Jahren in meinem Herzen mit mir herumtrage.
Xena war ein Meilenstein – gleich mehrfach
Ich war schon von Kindheit an mehr fasziniert von Schwertern, Rüstungen und Monstern als von Barbies und Kleidern. Was heutzutage zum Glück auch für Mädchen völlig akzeptiert ist, aber damals durchaus noch skeptisch beäugt wurde.
Starke Frauen gab es natürlich auch damals schon in Filmen und Serien, aber Xena hat sich besonders in meine Erinnerungen eingebrannt – weil sie so wild sein durfte. Die Kriegerprinzessin fletscht die Zähne, prügelt sich, trifft oft egoistische oder sogar grausame Entscheidungen – und ist trotz all ihrer Schwächen am Ende des Tages doch irgendwie eine Heldin.
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Xena: Die Kriegerprinzessin - Das legendäre Intro ist jetzt 30 Jahre alt
Das hat mich schon damals schwer beeindruckt, denn so viel Komplexität wurde früher überwiegend männlichen Hauptrollen zugestanden. Mit denen konnte ich mich schon auch identifizieren, aber es war natürlich nochmal was anderes, eine Kriegerfrau zu sehen, die all die Abenteuer erlebte, von denen Klein-Steffi träumte, während sie eigentlich Hausaufgaben machen sollte.
Und dann war da noch die Sache mit Xena und Gabrielle, der Bardin und treuesten Begleiterin. Um zu verstehen, warum die Serie damals revolutionär war, müsst ihr wissen (oder euch erinnern): Gleichgeschlechtliche Liebe war damals tabu in Mainstream-Filmen und Serien. Erst 1991 wurde der erste lesbische Serienkuss überhaupt im US-TV gezeigt - während einer Episode von L.A. Law. In einer Serie für ein jugendliches Publikum war so etwas noch für lange Zeit undenkbar.
Dass das Verhältnis von Xena und Gabrielle aber viel eher eine Liebesbeziehung als eine Freundschaft war, machte die Serie trotzdem deutlich – so weit, wie sie es eben an den Zensurauflagen vorbei schaffte. Und so deutlich, dass es selbst mir damals schon auffiel.
Somit war Xena mein erster Berührungspunkt mit (wenn auch versteckter) Bisexualität, denn die Kriegerprinzessin hat neben weiblichen auch männliche Liebhaber. Das Konzept war für mich neu und unheimlich erhellend. Wenig überraschend stellte ich bald fest, dass das auch meiner eigenen Orientierung entspricht – und die Serie hat mir damals mächtig geholfen, das einzuordnen.
Heute fällt mir beim Wiederanschauen auf, wie kreativ die Showrunner die damaligen Schranken umschifft haben. Zum Beispiel, wie sich Xena und Gabrielle doch ab und zu küssen durften: Gabrielle muss Xena magisches Wasser verabreichen, und natürlich geht das nur von Mund zu Mund, logisch!
Oder Xenas Geist übernimmt den Körper eines Mannes und küsst Gabrielle dann – denn das zu zeigen war ja wieder problemlos erlaubt.
Dass der Subtext begrüßt wurde und zumindest in späteren Staffeln auch beabsichtigt war, haben sowohl Schauspielerinnen als auch die Serienmacher in den letzten Jahrzehnten immer wieder klar gemacht. Etwa die Xena-Darstellerin Lucy Lawless, die in zahlreichen Interviews positiv über ihre unverhoffte, aber willkommene Rolle als queere Ikone äußerte.
Oder Gabrielles Schauspielerin Renee O’Connor, die in der ersten Episode, in der sie selbst Regie führte, direkt einen Subplot einbaute, an dessen Ende Xena und Gabrielle sogar heiraten (natürlich wieder in einem getauschten Männerkörper).
Und wenn man das heute anschaut?
Neben all diesen tiefschürfenden Themen macht bei Xena auch heute noch vor allem eins Spaß: der Humor. Manchmal beabsichtigt, manchmal weil die Serie nun mal stellenweise furchtbar veraltet ist – in fast jeder Folge muss ich herzlich lachen. Viele Charaktere sind derart schrullig, viele Plots an den Haaren herbeigezogen und schmerzhaft melodramatisch, aber immer mit viel Herz und oft einer gesunden Prise Selbstironie.
Ich liebe vor allem, wie kreativ die Macher oft waren. Nicht alle Experimente gingen auf - die Darstellung von ostasiatischen Kulturen kann man sich heute stellenweise nur noch unter brutalen Fremdscham-Krämpfen angucken - aber ich vermisse diesen Mut in vielen aktuellen Filmen und Serien. Xena hat damals einen Weg gebahnt für bunte Fantasy, und das verdient auch 30 Jahre später Respekt.
In Deutschland wird die Serie aktuell nur bei Magenta TV gestreamt. Ich habe mir kürzlich sämtliche DVDs gebraucht angeschafft (nachdem der weltbeste Kollege Vali mir die erste Box geschenkt hat), weil mich nervt, dass die Lizenzen andauernd auslaufen. Außerdem ist das Bonusmaterial so eine wundervolle Zeitreise zurück in die späten 90er und frühen 2000er, das lohnt sich wirklich!