Ich fühle mich wie ein Geheimagent. Mitten in Irvine, Kalifornien, im Hauptquartier von Blizzard, werde ich klammheimlich beiseite genommen. Eigentlich bin ich Teil einer größeren Pressetruppe, die sich seit Tagen die wichtigsten neuen Blizzard-Projekte anschaut: den Warlock in Diablo, ein neues Set in Hearthstone und so weiter. Es ist 12 Uhr mittags an einem Freitag, die kalifornische Januar-Sonne brutzelt bei winterlichen 28 Grad auf meinen Nacken, wir sind offiziell durch mit dem Programm – das gilt allerdings nicht für mich.
Ein Blizzard-Mitarbeiter führt mich von der Gruppe fort, ich darf niemandem den Grund erklären. Es geht zurück ins Hauptgebäude, durch ein Labyrinth aus Gängen, abseits meiner Eskorte erspähe ich nirgendwo eine Menschenseele. Eigentlich fehlt nur noch die Augenbinde, aber dann könnte ich die ganzen coolen Warcraft- und Diablo-Büsten nicht angaffen.
Die Odyssee endet abrupt, eine Doppeltür öffnet sich und mich begrüßt ein Meeting-Raum vollgestopft mit Blizzard-Bossen, Project Leads, Entwicklerinnen und Entwicklern. Noch drei andere Presseleute hocken mit mir dort, Game Informer und Gamespot decken die USA ab, ein weiterer Journalist covert Japan und ich sitze hier stellvertretend für ganz Europa. Na, wenn das meine Sozialkunde-Lehrerin sehen könnte.
John Salera schüttelt mir die Hand, ein Veteran der Branche, der bereits an Battlefield 3 mitgearbeitet hat, an Mass Effect, Madden und seit ein paar Jahren an mehreren Blizzard-Produkten. Salera hat das charismatische Lächeln eines Football-Coaches – also von den Patriots, nicht den Jets – und das muss er auch, denn er pitcht uns das erste komplett neue Overwatch-Projekt seit ... jemals: Overwatch Rush.
Was ist Overwatch Rush?
Eigentlich könnte Overwatch Rush auch einfach Overwatch Mobile heißen, aber dahinter steckt wahrscheinlich eine bewusste Entscheidung: Overwatch Rush platziert sich ganz klar nicht als »kleine« Variante des großen Overwatch, wie zum Beispiel ein Call of Duty Mobile zum großen CoD. Euch erwartet kein Ego-Shooter in abgespeckter Grafik, sondern eine komplett neue Erfahrung, aber eben im Overwatch-Universum.
15:01
Overwatch 2 - Blizzard dreht den Shooter auf Overwatch 1 zurück und sorgt für Rekord-Zahlen
Am ehesten erinnert Rush an Pokémon Unite oder Dragon Ball Gekishin Squadra, also Mobile-Mobas, allerdings ohne den ganzen Level-Up-Bumms. Overwatch Rush ist geradliniger: Ihr wählt einen Overwatch-Helden, zum Beispiel Soldier 76, und stürzt euch aus der Vogelperspektive ins Gefecht. In der Regel treten vier gegen vier an. Blizzard bestätigt bisher folgende Modi:
- In Control schnappt ihr euch Kontrollpunkte und haltet sie. Klassiker, kennt ihr aus allen möglichen anderen Multiplayer-Spielen.
- In Nano Grab sammelt ihr Tokens auf der Map und casht sie an bestimmten Orten ein.
- In Free for all rennen nur vier Leute über die Map und ballern sich gegenseitig die Rübe weg.
- Für die Zukunft geplant sind noch Team Deathmatch und Elimination, die konnte ich aber noch nicht ausprobieren.
Welche Helden sind bisher bestätigt?
Passend zum Mobile-Format sollen die Matches schnell ablaufen, etwa drei Minuten lang. Im jetzigen Build stecken acht Overwatch-Heldinnen wie -Helden, größtenteils altgediente OG-Charaktere:
- Reinhardt (Tank)
- Soldier 76 (Damage)
- Pharah (Damage)
- Reaper (Damage)
- Tracer (Damage)
- Lucio (Support)
- Mercy (Support)
- Kiriko (Support)
So viel zum Briefing. John Salera beendet seine Powerpoint-Präsentation, ein Kollege von ihm verteilt im Raum iPhones, damit wir reinspielen können. Die Devs im Raum mischen mit, damit die Lobby voll wird. Ein Entwickler klopft mir verbal auf die Schulter: »You can do this, Dimitry!« Offenbar strahle ich aus, dass meine Hand-Auge-Koordination auf dem Handy nicht über zwei WhatsApp-Nachrichten ohne Typos hinausgeht.
Wie spielt sich Overwatch Rush?
Umso überraschender, wie schnell ich mich in Overwatch Rush zurechtfinde. Das Spiel schreibt sich »Zugänglichkeit« auf die Fahne – und tatsächlich brauche ich keine fünf Minuten, um im Scharmützel kräftig mitzumischen. Mit dem linken Daumen steuere ich meine Figur – wie gesagt aus Top-Down-Sicht –, mit dem rechten Daumen feuere ich alle möglichen Spezialangriffe raus.
Wer Overwatch kennt, erlebt hier wenige Überraschungen: Ein Soldier 76 feuert mit dem Sturmgewehr, verschießt Granaten, platziert Heil-Orbs und kann als einziger Charakter sprinten. Sein Ulti visiert automatisch alle Ziele im Umkreis an. Nur alles eben aus der Draufsicht.
Das alles spielt sich ... verflixt kurzweilig. Ich bin kein großer Mobile-Zocker, aber die Runden gehen unheimlich gut von der Hand. Zweimal schaffe ich es sogar aufs MVP-Siegertreppchen, nachdem ich mir als Reaper ein erbittertes Duell mit Game Informer liefere.
Was ich mag: Auch aus der Draufsicht geht es einzig um Geschick und die richtigen Team-Synergien. Mit dem rechten Daumen muss ich präzise Zielen und auch vorhalten, damit die Feinde in meine Kugeln rennen. Schließe ich mich mit Supports und Tank zusammen, bleibe ich deutlich länger am Leben. Rush setzt auf die gleichen Dynamiken der großen Vorlage, aber eben kompakter, schneller, kurzweiliger.
Ist Overwatch Rush kostenlos?
Overwatch Rush wird Free2Play mit all den Fußnoten, die ihr vom Mobile-Markt kennt: Kosmetische Gegenstände und Lootboxen kauft ihr optional für Echtgeld-Währung, außerdem gibt es Modifikatoren und Perks für eure Helden, die bestimmte Stat Boosts mit sich bringen. Diese Stat Boosts sind natürlich potenzielles Pay2Win-Dynamit. Wenn ich mir handfeste Vorteile per Kreditkarte kaufe, dann bricht gerade bei einem Team-Shooter die Balance.
Blizzard sagt: Ist nicht so, mit Spielgeschick gleichst du diese Modifikatoren aus; die fungieren eh nur als Sidegrades (also Upgrades mit Vor- und Nachteilen), um die Fähigkeiten der Helden individueller anzupassen. Um das zu beweisen, treten wir vier Journalistinnen und Journalisten mit komplett geboosteten Charakteren gegen erfahrene Devs an, die mit »nackten« Vanilla-Figuren kämpfen.
Ich muss es Blizzard lassen, dass sie sich zu so einem Lackmustest hinreißen lassen, denn tatsächlich ... gewinnen wir Journos mit unseren geboosteten Charakteren. Aber knapp. Ich würde hier aber noch nicht Mistgabel und Fackel zücken, denn bis zum Release kann sich all das noch ändern. Wir halten hier einen frühen Prototypen in den Händen, vielleicht wird's im fertigen Spiel nie irgendwelche Stat-Boosts für echtes Geld zu kaufen geben. Apropos »Release«.
Release-Datum: Wann erscheint Overwatch Rush?
Auch dass muss ich Blizzard lassen: Dass sie uns einfach in einem schmucklosen Hinterzimmer ohne großes Brimborium einen so frühen Prototypen in die Hand drücken, ist ein richtig schöner Kontrast zu den ansonsten recht glatt gebügelten Anspiel-Demos, die Triple-A-Events oft mit sich bringen.
Generell wird Rush fast schon unter der Hand angekündigt. Aber gut, wenn ein Publisher sich mal die Finger verbrannt hat am falschen Ort, der falschen Zeit und dem falschen Rahmen für eine Mobile-Ankündigung, dann Blizzard. Don't you guys have phones?
Overwatch Rush soll im kleinen Kreis »irgendwann« fertig werden. Gemeinsam mit der Community, in kleinen Playtests, auf einem gemeinsamen Discord-Server. Das große Overwatch bleibt dabei unangetastet und feiert ja gerade eh sein großes Revival, Rush wird von einem komplett eigenen Team größtenteils in Barcelona entwickelt. Für ein konkretes Release-Datum ist es noch zu früh. Meine Spekulation: Rechnet frühestens Ende 2026 damit.
Wie tief das Ganze jetzt schürft, ob Rush letztlich die gleichen komplexen Team-Synergien bietet wie das reguläre Overwatch, ob es den Nerv einer Zielgruppe trifft und sich mit fairer Monetarisierung durchsetzt – das alles kann ich noch lange nicht beurteilen. Aber immerhin habe ich beim Anspielen ziemlich viel Spaß als jemand, der sonst wenig mit Mobile-Spielen anfangen kann. Und das ist zumindest ein erstes gutes Zeichen.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.