Der Wecker klingelt. Ich bin überraschend schnell auf den Beinen und kann meinen Tag beginnen. Wobei, so überraschend ist das gar nicht. Ich bin ja erst fünfzehn und trag einen Buzz Cut. Ich habe noch eine halbe Stunde, bevor der Chemieunterricht losgeht. Genug Zeit, um gesund in den Tag zu starten.
Als Erstes schnappe ich mir am Schrank mein Outfit des Tages. In der Schule wollen sie eine Uniform sehen, also lasse ich zähneknirschend die Lederjacke im Schrank und greif zum Schulpullover, doch darunter lugt ein verkrumpeltes Hemd hervor. Außerdem kombiniere ich das ganze stilsicher mit einer Jeanshose samt abgeschnittener Beine, einer billigen Digitaluhr und trage ein rotes Basecap schräg auf dem Kopf.
An meiner Chemiestation stelle ich noch eben ein wenig Juckpulver, Stinkbomben und ein paar Böller her, für alle Fälle. Dann trete ich aus meinem Zimmer und betätige den Feueralarm des Wohnheims – der Rest vom Fest soll schließlich auch in die Schule. Auf dem Weg nach draußen stopfe ich einen fliehenden Mitschüler im Vorbeigehen in eine Mülltonne, während die Alarmsirene jault.
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Bully: Die Ehrenrunde ist Rockstars vergessenes Open-World-Juwel - hier der Trailer
Draußen prügel ich mich noch mit zwei Schnöseln, klau einem Nerd sein Biologiebuch und knutsche mit einem Cheerleader, einer Brillenschlange und einem blonden Schulbully herum.
Ich bin der König der Highschool und vor allem völlig erschrocken, dass ich 19 Jahre auf diese famose Spielerfahrung namens Bully: Die Ehrenrunde gewartet habe. Oder war es doch Canis Canem Edit? Ach egal. Ihr wisst, was ich meine – Rockstars Highschool-GTA rund um Jimmy Hopkins und der Bullworth Academy.
Nach 19 Jahren auf der Highschool
2006 war die Welt noch eine andere. Rockstars Entwicklungszyklus ähnelte viel mehr dem eines völlig normalen Entwicklungsstudios. Auch damals war GTA natürlich bereits ein Massenphänomen, San Andreas und Vice City waren aus keinem Gaming-Haushalt wegzudenken. Insbesondere bei meinen Freunden, die alle noch viel zu jung dafür waren.
Aber ich war ein wenig anders und interessierte mich damals wenig für Rockstar. Ich versank 2006 vor allem in Elder Scrolls 4: Oblivion, Schlacht um Mittelerde 2 und The Movies. Ich zählte offenbar eher zu den Nerds, die Jimmy Hopkins in Bully mit Kartoffelkanonen beschießen, pausenlos über Grottos and Gremlins sprechen und allesamt entweder dürr oder dick waren.
Entsprechend wenig Anreize sah ich offenbar in einem Spiel, in dem ich vermeintlich als Mobber über den Schulhof latsche und Menschen in Spinde einsperre, die viel mehr so sind wie ich als die Spielfigur. Obendrein reizte mich der Gedanke an eine digitale Schule in einer Zeit weniger, in der ich mich noch selbst jeden Tag in den Chemieunterricht quälte.
Das hat sich jetzt alles geändert! Ich habe inzwischen GTA oft und gerne gespielt! Ich muss nicht mehr in die Schule, sondern habe mich mit meinem chemischen Unvermögen abgefunden! Und ich bin kein dürrer Nerd mehr, der den ganzen Tag über Rollenspiele redet! Letzteres ist gelogen, ich weiß.
In jedem Fall fand ich den Gedanken an ein Highschool-GTA plötzlich ganz reizvoll. Und da Bully auf der PS5 derzeit ohnehin reduziert war, habe ich mich endlich in der Bullworth Academy eingeschrieben.
Bully im Jahr 2025? Geht das?
Ich räume die offensichtlichen Probleme eines fast 20 Jahre alten Spiels man ganz schnell aus dem Weg, damit wir über die wahre Faszination reden können. Denn natürlich ist Bully alles andere als taufrisch. Zumal ich auf der PS5 tatsächlich nur das PS2-Original von 2006 bekommen habe und nicht die optisch und inhaltlich etwas aufgebesserter Xbox-Ehrenrunde von 2008.
Doch in beiden Fällen ist die Grafik angestaubt, die Steuerung träge und die Open World stellenweise mit belanglosem Sammelkram angereichert. Das alles habe ich erwartet und ich war bereit, das auf mich zu nehmen. Zumal ich den Look von Bully trotzdem zu keinem Zeitpunkt abschreckend fand.
Ja, die Texturen sind oll, ja, die Weitsicht ein Witz, ja, die Animationen überholt und ja, dass ein Spiel wie Bully auf der PS5 unter die 30 FPS kachelt, wenn ich den Jahrmarkt betrete, ist absolut erschreckend. Aber die Designs der Charaktere! Die Inszenierung! Das Voiceacting! Die 2000er-Atmosphäre! Bully hat einfach einen prickeligen Stil und genau dieser Retrocharme ist es, der mich im Jahr 2025 sogar noch mal mehr anspricht als im Jahr 2006, als das »normal« war.

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