Die USA und China schaffen als Raumfahrt-Supermächte an einem Rekordtag fast alleine, wofür komplett Europa ein ganzes Jahr braucht

China startet so viele Raketen wie nie zuvor an nur einem Tag und trägt entscheidend zu einem historischen Rekord bei, der den Weg der Menschheit im 21. Jahrhundert vorzeichnet.

Empor, hinauf, fort von uns. Dreimal an nur einem Tag vollbrachte China kürzlich das technologische Kunststück, die Erdschwerkraft zu überwinden.
(Bildquelle:: CASTC, Zhang Man) Empor, hinauf, fort von uns. Dreimal an nur einem Tag vollbrachte China kürzlich das technologische Kunststück, die Erdschwerkraft zu überwinden. (Bildquelle:: CASTC, Zhang Man)

Es ist der ultimative Akt menschlichen Aufbegehrens gegen unsere Wiege: Eine Rakete hebt grollend auf einem Flammenstrahl gen Schwärze ab. Nichts hält uns regelrecht derart fundamental gefangen wie die Schwerkraft. Inzwischen geraten jedoch Starts von ihnen zum Alltagsgeschäft.

2025 setzte hier neue Standards und vor allem China zeigte, weshalb sie nach den USA zurecht als der unbestrittene Champion der Weltraumfahrt gelten: drei Raketen hoben in nur rund 18 Stunden ab.

Wir ordnen euch die Geschehnisse ein und schauen, wie vehement das endende Jahr bisherige Rekorde eingestampft hat, sowie wagen einen prognostischen Blick in die nahe Zukunft.

Video starten 2:17 Das sind unsere Botschafter für die Ewigkeit jenseits des Sonnensystems - mit an Bord Clyde Tombaugh

Dreifacher Liftoff

Mehr als 80-mal hob im Jahr 2025 eine chinesische Rakete ab – eine neue Bestzahl, mit der sie auch Stand Mitte Dezember noch nicht am Ende angelangt sind. Doch als wohl klarstes Indiz für die inzwischen ausgefeilten Fähigkeiten der östlichen Großmacht stehen rund 19 Stunden am 9. Dezember.

Hier startete China von seinen Weltraumbahnhöfen drei Raketen, alle erfolgreich. Das demonstriert gleich mehrere entscheidende Facetten eines Weltraumprogrammes, das den Kinderschuhen längst entwachsen ist:

  • Kapazitäten für parallele Starts von unterschiedlichen Orten
  • Breite Verfügbarkeit der Hardware
  • Zuverlässigkeit von allen Komponenten
  • Planbarkeit und Koordination
  • Finanzierung

Welche Raketen hoben, wo genau ab? Drei Raketen, drei Orte, jeweils nur einige Stunden voneinander getrennt:

  • Langer Marsch 6A vom Kosmodrom Taiyuan (Taiyuan Satellite Launch Center) im Nordosten Chinas
  • Langer Marsch 4B vom Kosmodrom Jiuquan (Jiuquan Satellite Launch Center) in der Wüste Gobi
  • Langer Marsch 3B vom Satellitenstartzentrum Xichang im Westen Chinas

Bei den Namen der Raketentypen ist bei China Vorsicht geboten. Denn eine größere Zahl steht keinesfalls für eine höhere Nutzlast, stärkere Triebwerke oder allgemein breitere Fähigkeiten. Vielmehr stellen sie ein grobes Indiz für das Alter dar, je mehr, desto neuer.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt.
Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden.

Personenbezogene Daten können an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Link zum YouTube-Inhalt

Der Titel »Langer Marsch« bezieht sich stets auf das historische Ereignis, bei der sich Streitkräfte der Kommunistischen Partei Chinas während 370 Tagen mehr als 12.500 Kilometer zurückzogen. Mao Zedong festigte während dieser verlustreichen Zeit Mitte der 1930er Jahre seine Macht – nur rund 10 Prozent der Beteiligten überlebten. Es nimmt bis heute eine zentrale Stellung im Mythos der Machthabe in China ein.

Was sind das für chinesische Orbitalraketen?

Alle drei Typen gehören zu einer im Vergleich zu den (Teil)-wiederverwendbaren Falcon-9-Raketen von SpaceX zu einer auf dem Papier veralteten Art: einmal nutzbar, danach Müll. Dennoch ermächtigen sie China alle gängigen Missionen auszuführen, die im 21. Jahrhundert angedacht sind. Weitere Typen für Mondmissionen und darüber hinaus sind in Entwicklung. Der Vergleich, inklusive unserer ESA-Ariane:

  • Long March 6A
    • Erstflug: 2022
    • Höhe: 50 Meter
    • Durchmesser: 3,35 Meter
    • Startmasse: 530 Tonnen
    • Startschub: 7.230 Kilonewton
    • Nutzlast (niedriger Erdorbit): 5 Tonnen
  • Long March 4B
    • Erstflug: 1999
    • Höhe: 44,1 bis 47 Meter
    • Durchmesser: 3,35 Meter
    • Startmasse: 249 Tonnen
    • Startschub: 2.960 Kilonewton
    • Nutzlast (niedriger Erdorbit): 4,2 Tonnen
  • Long March 3B
    • Erstflug: 1996
    • Höhe: 54,8 bis 56,3 Meter
    • Durchmesser: 3,35 Meter
    • Startmasse: 426 bis 456 Tonnen
    • Startschub: 5.924 Kilonewton
    • Nutzlast (niedriger Erdorbit): 11,5 bis 12 Tonnen
  • Falcon 9 Block 5
    • Erstflug: 2018 (Block 5)
    • Höhe: 70 Meter
    • Durchmesser: 3,66 Meter
    • Startmasse: 549 Tonnen
    • Startschub: 7.607 Kilonewton
    • Nutzlast (niedriger Erdorbit): 22,8 Tonnen
  • Ariane 6 (2 Feststoffbooster)
    • Erstflug: 2024
    • Höhe: 63 Meter
    • Durchmesser: 5,4 Meter
    • Startmasse: 540 Tonnen
    • Startschub: 8.300 Kilonewton
    • Nutzlast (niedriger Erdorbit): 10,3 Tonnen

Meiste Starts an einem Tag

Drei Starts am Tag sind zwar schon eine Menge, aber nur die Hälfte, wenn wir nach dem Rekord für die weltweite Startkadenz suchen. Lange blättern wir indes nicht zurück. Schon im Zeitraum 28./29. April 2025 finden wir die 24 Stunden der Menschheitsgeschichte, in der sogar sechsmal eine Orbitalrakete abgehoben ist, sogar innerhalb von nur 18 Stunden:

  • Falcon 9 von Cape Canaveral Space Force Station, Florida (USA)
  • Long March 5B / YZ-2 vom Wenchang Satellite Launch Center, Hainan (China)
  • Atlas V von Cape Canaveral Space Force Station, Florida (USA)
  • Falcon 9 von der Vandenberg Space Force Base, Kalifornien, (USA)
  • Vega C vom Guiana Space Centre, Kourou (Französisch-Guayana)
  • Alpha von der Vandenberg Space Force Base, Kalifornien, (USA)

Allerdings erreichten nur fünf der sechs Vehikel ihr Ziel. Die Firefly Alpha scheiterte teilweise. Sie brachte ihre Nutzlast nicht in den geplanten Orbit, hob aber locker ab. Den Start dürfen wir also bedenkenlos mitzählen.

2025 – eine neue Ära ist angebrochen

Angesichts der bis hierhin präsentierten Zahlen überrascht es euch sicherlich wenig, wenn das Jahr 2025 durchweg als ein historisches und wahrscheinlich wegweisendes in die Raumfahrtgeschichte eingehen wird. Erstmals feiern die Nationen der Erde insgesamt mehr als 300 Raketenstarts. Eine finale Zahl steht noch aus, aber wahrscheinlich landen wir bei etwa 310. Das übertrifft die bisherige Bestmarke aus dem Jahr 2024 um rund vier Dutzend.

Die Verteilung fällt dabei allerdings aus europäischer Sicht äußerst unerfreulich aus: 2025 war US-Amerika für fast 60 Prozent aller Launches verantwortlich und China für rund 27 Prozent. SpaceX macht hierbei wiederum den Bärenanteil in den USA aus – allerdings tragen die Kosten hierfür ihre Angestellten.

Europa hingegen liegt bei deutlich unter fünf Prozent. Daran wird sich 2026 wahrscheinlich auch wenig ändern – eventuell eine leichte Verbesserung.

Experten rechnen derweil mit einem erneuten Anstieg der globalen Bemühungen, Raketen und ihre Fracht in den Orbit zu bringen. 350 steht als realistische Prognose und Abschätzung in Hinblick auf den sich fortwährend aufbauenden kommerziellen Markt im Raum.

Wie auch der designierte NASA-Administrator Jared Isaacman vorantreibt, übernimmt der private Sektor die Führung über die Branche. China fällt hier natürlich etwas durchs Raster, da eine Trennung zwischen staatlichen und privaten Akteuren schwerfällt.

Aber vor allem in den USA hat die erzwungenermaßen NASA bereits in den vergangenen Jahren begonnen, ihre Stellung als Schalthebel der Raumfahrt zugunsten von Unternehmen wie SpaceX und Blue Origin aufzugeben. 2026 wird hier eine ungebremste Fortsetzung erleben.

Die Folgen des Booms der Satellitenkonstellationen, die derzeit den überragenden Anteil der Nutzlast ausmachen, könnten aber weitreichend sein. So zeigen Modelle, dass wir bei gleichbleibendem Trend Gefahr laufen, uns auf der Erde durch Vermüllung des Orbits quasi einzusperren.

Unsere Einschätzung (Gerald Weßel): Obschon wir solche Warnungen ernst nehmen sollten – egal ob es chinesische, amerikanische oder europäische Raketen betrifft – brauchen wir gangbare, moderne Regularien und vor allem eines, nämlich Investitionen.

Ein Ausbremsen der privatwirtschaftlich organisierten Raketenbetreiber (inklusive China) ist nach allem, was wir sehen, von den alt eingesessenen Organisationen, ESA und NASA, nicht zu erwarten. Stattdessen kommt es darauf an, technologisch mindestens gleichzuziehen, wie auch Professor Martin Tajmar bei uns einen denkbaren Aufholpfad aufzeigt.

Der Orbit und den Segen, die dort heimische Technologien bieten, gehören uns allen. Gleichzeitig hat niemand die Vorherrschaft Chinas und Amerikas irgendwo in einen Asteroiden-Stein gemeißelt. Europa kann moderne, mutige Raumfahrt, siehe zum Beispiel Isar Aerospace.

Wir brauchen aber Wagemut und den Willen zur Innovation, auch wenn vor dem Erfolg Fehlstarts warten – zur Startstatistik würden auch die zählen. Auch SpaceX stürzte anfangs nur ab, heute blicken sie tausendfach aus dem Orbit auf uns herab. Wer hatte also am Ende die richtige Strategie?

zu den Kommentaren (15)

Kommentare(15)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.