Schon Goethe prägte den Satz: Never play on Patchday
. Wer über die Jahre viel World of Warcraft gespielt hat, verspeist diese Lektion bereits seit den 2000ern mit dem orkischen Frühstück, doch 2022 gilt für Online-Spiele mindestens genauso übergreifend: Never play on Launchday
. Overwatch 2, Modern Warfare 2, Battlefield 2042 - gegen manche Launch-Probleme ist selbst die Pubertät ein Spaziergang.
Wobei: Modern Warfare 2 ist immerhin kein Totalfiasko, als Solist finde ich recht problemlos Matches, aber falls ihr aktuell mit mehr als zwei Leuten zusammen eine Party gründen wollt, könnt ihr genauso gut auf einen Brief aus Hogwarts warten.
Kein Call-of-Duty-Launch der letzten zehn Jahre war von so vielen Problemen geplagt wie der von Modern Warfare 2. Abstürze, Bugs, Verbindungspatzer, ruckelnde Menüs - und ich muss fast schon drüber lachen: Wer die neuesten Nvidia-Treiber installiert, macht die Probleme sogar schlimmer! Mein bester Freund hat den ganzen Samstag damit verbracht, Overlays abzuschalten, Installationen zu reparieren, Treiber zurückzusetzen ... und MW2 crasht trotzdem noch, als wir den Koop zocken wollen.
Infinity Wards arme Social-Media-Socke ist hier am Release-Tag bereits fies ins Messer gelaufen, weil eben genau das Zocken im Squad für die meisten Menschen nicht funktioniert:
Das Waffentuning musste kurzfristig deaktiviert werden, das ganze Wochenende über werden löblicherweise kleine Fixes und Patches aufgespielt, doch die Baustellen bleiben Baustellen. Natürlich ist so ein Release für die Devs auch ein unglaubliches Unterfangen. Alleine via Steam spielten eine Viertelmillion Leute gleichzeitig MW2 (wenn auch nicht in einer Party, haha), addiert euch da noch im Kopf die Battle.net-Nutzer, PS5- wie Xbox-Fans und wir reden wahrscheinlich von weit über einer Million gleichzeitig aktiver Spielerinnen und Spieler, die wie durch einen Dammbruch auf die Server stürmen. Uff.
Aber umgekehrt kann ich auch die wütende Community verstehen, die sich Urlaub beantragt und direkt 70 Euro auf die Ladentheke geschleudert hat, um so schnell wie möglich Modern Warfare 2 mit Freunden zu spielen.
Doch all das ist in meinen Augen nur Symptom für eine viel spannendere, größere Veränderung. Call of Duty Modern Warfare 2 zeigt sehr deutlich, wie sehr sich Spiele verändern. Es ist weit mehr als ein problematischer Release, den die Devs in den nächsten Tagen hoffentlich in den Griff bekommen. Modern Warfare 2 markiert mehr als die meisten Spiele in den letzten Jahren das Ende des greifbaren Endprodukts.
Bitte, was soll das denn heißen?
Service Games sind ja mittlerweile ein älterer Hut als der Zylinder, aber viele Entwickler und Publisher großer Blockbuster tanzen seit Jahren ein bisschen um den heißen Brei herum. Ja, nein, also unser Spiel kommt mega fertig und super auf den Markt, aber wir planen auch Content für zehn Jahre.
Und dann sehen wir häufig (nicht immer) Spiele wie Ghost Recon: Breakpoint, Halo: Infinite, Fallout 76 oder Battlefield 2042, die uns dieselbe Lektion lehren wie Vodka mit Big Pump: Nicht jede Mische funktioniert. Wer auf zig Hochzeiten tanzt, tanzt auf keiner richtig.
Publisher klammern sich völlig nachvollziehbar an die Illusion eines Fertigprodukts, weil der Release-Tag finanziell extrem wichtig ist. EA hat mir mal vor ein paar Jahren Verkaufskurven für FIFA gezeigt - und selbst für ein Service-Spiel wie FIFA, das Unsummen über Mikrotransaktionen einspielt, bleibt das Erscheinungsdatum ein absolutes Hoch, das Unmengen Moneten in den Tresor spült.
Kein Marketing-Lead würde freiwillig auf die Packung schreiben: Kauft jetzt unser halb fertiges Spiel, das erst in den nächsten Monaten seine wichtigsten Features bekommt.
Nun, außer Modern Warfare 2. Denn Call of Duty tut genau das - und das merkt man dem Spiel sowas von an.
Wenn der Release zum Saison-Event wird
Wo viele andere Spiele sich in ihrem Marketing vor der Wahrheit Unser Spiel ist nicht final
wegducken, wagt ausgerechnet Call of Duty die Flucht nach vorne. Ausgerechnet Activisions Flaggschiff, das spielgewordene Symbol für jährliche Releases zum Weihnachtsgeschäft. Wir haben da auch jüngst im Podcast ausführlich drüber gesprochen, mir würde allerdings nie einfallen, Schleichwerbung zu machen, ich binde den Podcast einfach mal ganz zufällig hier ein und ihr entscheidet selbst, was ihr damit macht:
Link zum Podcast-Inhalt
Aber die Kurzversion: Modern Warfare 2 erscheint in zig Content-Beats, die sich über die nächsten Wochen erstrecken. Vorbesteller konnten bereits eine Woche vor Release die Kampagne zocken, jetzt gibt's den Multiplayer, allerdings noch ohne Hardcore-Modus, Mitte November kommt dann Warzone 2.0 zusammen mit dem Start von Season 1, dann gibt's ebenfalls noch 2022 Season 1 Reloaded als Mid-Season-Event und, und, und.
Ich teste aktuell den Multiplayer von Modern Warfare 2 und weiß jetzt schon: Ich werde die Wertung wahrscheinlich bis Jahresende dreimal überarbeiten müssen. Und das könnte langfristig der neue Standard werden.
Auf dem Papier ist Modern Warfare 2 jetzt schon ein ziemlich pralles Produkt. Es gibt über zehn Multiplayer-Karten, zig Modi, zwei Dutzend Operatoren, ein Waffenarsenal, das DICE die Tränen in die Augen treibt, und eine fulminante Singleplayer-Kampagne:
13:08
Call of Duty: Modern Warfare 2 - Test-Video zur Story-Kampagne
Man merkt es Modern Warfare 2 an
Es ist paradox: Obwohl man mit Modern Warfare 2 jetzt schon (sofern es denn läuft) Dutzende Stunden Spielspaß haben kann, fühlt es sich an wie ein Gerüst. Ich klicke durch die Menüs und sehe schon Regale, in die später mal Inhalt kommt: ein fast leerer Shop, leere Operator-Customization, fehlende Blaupausen, bloß Standard-Camos für Waffen. Wie gesagt: Lieber so, als dass dem Spiel Waffen, Maps und Modi fehlen.
Aber mein bester Kumpel hat es gestern ganz gut auf den Punkt gebracht: Modern Warfare 2 fühlt sich an wie ein Konzert, auf dem Bühne, Sound und Getränkelieferungen schon bereitstehen, aber die Band erst abends auftritt. Dass ich generell noch in keinem anderen Shooter jemals so ein schlechtes Menü samt User Interface erlebt habe, verstärkt den Eindruck natürlich.
Ist das ein Problem? Das kommt sicherlich auf euren Blickwinkel an. In jedem Fall finde ich es spannend, dass Modern Warfare 2 den Service-Gedanken so sehr umarmt wie noch kein Call of Duty zuvor. Denn wann ist ein Spiel fertig, das drei Wochen nach Release seine wahrscheinlich wichtigste Erweiterung und drei Wochen danach nochmal eine Erweiterung bekommt? Und wahrscheinlich drei Wochen später nochmal? Ein Spiel, das sich selbst physisch niemals richtig fassen lassen wird, weil auf der Konsolen-Bluray bloß 70 MB sind?
Eigentlich liebe ich Service-Spiele. Ich zocke gerade parallel Battlefield, Gundam Evolution und jetzt Modern Warfare 2, fiebere jedem coolen, neuen Update entgegen und finde beispielsweise auch die Idee von Open Worlds, die sich ständig weiterentwickeln, sehr, sehr spannend.
Aber es wird eben auch verändern, wie wir langfristig über Spiele sprechen, wenn Singleplayer-Spiele wie Assassin's Creed Hexe und Red (also das in Europa und das in Japan) parallel weiterentwickelt werden mit immer neuen Gebieten, Geschichten und Veränderungen. Und genauso neugierig bin ich, was die Branche von Modern Warfare 2 lernt. Und was nicht.
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