Cyberpunk 2077: Verschiebung trotz Gold-Status? Warum dieses Gold nichts mehr wert ist!

Die Release-Verschiebung von Cyberpunk 2077 zeigt für Heiko ein grundsätzliches Problem der Spieleentwicklung, das nicht nur CD Projekt betrifft.

von Heiko Klinge,
28.10.2020 16:34 Uhr

In den Kommentaren der News zur Cyberpunk-Verschiebung war es die häufigste Nachfrage unserer User: »Wie kann das denn sein, wenn CD Projekt stolz den Gold-Status verkündet hat?« Dieses in meinen Augen völlig berechtigte Unverständnis zeigt ein Kommunikations-Problem auf, das Spielestudios endlich viel ernster nehmen sollten, als sie es bislang tun. Denn sie verkaufen hier etwas als Erfolgsmeldung, das in der Realität vieler Entwicklerteams keine mehr ist.

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Der Begriff Gold-Status stammt aus einer Zeit, in der Spiele noch auf CD-ROMs gepresst wurden. Für PC-Spieler war 1993 Rebel Assault der erste Titel, der zwingend ein entsprechendes Laufwerk erforderte. Im Konsolensegment sorgte die PlayStation 1995 für den endgültigen Massenmarkt-Durchbruch des neuen Speichermediums, ohne das technische Meilensteine wie Gran Turismo oder Final Fantasy 7 niemals möglich gewesen werden.

Der Autor

GameStar-Chefredakteur Heiko Klinge hat seine ersten Spiele noch von Datasette gestartet. Heute genießt er einerseits die Vorteile der digitalen Distribution, vermisst andererseits aber auch die Zeiten, als Spielepackungen noch dicke Handbücher und Karten der Spielwelt enthielten. Von 2005 bis 2015 war er Chefredakteur des Entwickler-Fachmagazins Making Games und bekam so hautnah mit, wie sich die Bedeutung des Begriffs »Gold-Status« für die Spielestudios sukzessive veränderte.

Ein Spiel erreichte damals Gold-Status, wenn der finale Spiel-Code als Goldmaster in Richtung Presswerk verschickt wurde, um dort vervielfältigt zu werden.

Und für Spiele-Entwickler bedeutete dies seinerzeit: Nichts geht mehr! Ihr Projekt, in das sie Jahre an Arbeit und Herzblut gesteckt hatten, musste 100%ig fertig sein. Sollte es Bugs oder Fehler geben, ließ sich das nicht mehr korrigieren.

Schließlich hatten die Konsolen damals keinen Internetanschluss. Auch auf dem PC bedeuteten fehlerhafte Goldmaster einen Riesenaufriss. Selbst 2001, als ich einige größere Bugs in Stronghold an Take 2 meldete, stoppte der Publisher die bereits laufende Produktion, presste Patch-CDs nach und fügte diese der Spielepackung hinzu.

Gold = Fertig! Auch heute noch.

Lange nostalgische Rede, kurzer Sinn: Gold-Status hieß damals »Unser Spiel ist fix und fertig!« Ein Riesending und entscheidender Meilenstein für ein Entwicklerstudio, der oft auch angemessen gefeiert wurde. Heute bedeutet der Gold-Status für viel zu viele Teams hingegen nur noch überspitzt formuliert, dass man ein paar Gigabyte auf einen Datenträger getoastet hat, die dann per Day-1-Patch zu einem fertigen Spiel zusammengedübelt werden.

Ja, es gibt Ausnahmen, insbesondere die First-Party-Titel von Nintendo und Sony, wo eine Goldmeldung nach wie vor fast immer auch »wirklich fertig« bedeutet. Aber die meisten Studios verwenden den Gold-Status nur noch als PR-Meldung - wohlwissend, dass sie damit beim Großteil ihrer Fans falsche Erwartungen wecken und nach wie vor viel Arbeit vor sich haben.

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Klar, die Zeiten haben sich geändert und in nicht allzu ferner Zukunft dürften Datenträger bei Spielen ohnehin der Vergangenheit angehören, aber umso wichtiger wäre es deshalb meiner Meinung nach, sich die ursprüngliche Bedeutung des Wortes »Gold-Status« wieder zu vergegenwärtigen.

Die Fans erwarten bei einer Goldmeldung, dass sie das Spiel zu diesem Zeitpunkt fehlerfrei spielen können, und zwar ohne sich vorher noch ein 50-Gigabyte-Update aus dem Netz ziehen zu müssen. Wer das beim stolzen Verkünden des Gold-Status nicht beherzigt, darf sich auch nicht beschweren, wenn die User kein Verständnis mehr für eine Verschiebung haben und das Vertrauen verlieren.

Wie deutsche Entwickler die Problematik sehen, erfahrt ihr im Video-Talk:

»Der Gold-Status von Cyberpunk 2077 bedeutet nicht, dass das Spiel fertig ist« PLUS 27:45 »Der Gold-Status von Cyberpunk 2077 bedeutet nicht, dass das Spiel fertig ist«

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