Wie Dreamworld den großen MMO-Traum verkaufte - und alle über den Tisch zog

Dreamworld will das Spiel aller Spiele sein. Auf Kickstarter sammelte es 65.000 Dollar Spenden, doch alles deutet auf einen dreisten Betrug hin.

von Stephanie Schlottag,
31.05.2021 15:30 Uhr

Ein MMO, in dem einfach alles möglich ist: eigene Häuser und Fahrzeuge bauen, eine unendlich große Welt bereisen, zusammen mit Millionen anderen Spielern! Jedes einzelne Genre ist enthalten! Mehr zähmbare Pets als in WoW! Und das Ganze wird von zwei Personen entwickelt, die bisher kein einziges Spiel herausgebracht haben - spätestens hier sollten bei euch die Alarmglocken schrillen.

Was wir gerade beschrieben haben, sind die vollmundigen Versprechen von Dreamworld, einem via Kickstarter finanzierten MMO-Emporkömmling, der die kühnsten Genre-Träume übertreffen will. Schon von Anfang an ist das Projekt extrem umstritten, erreichte aber nach nur acht Stunden sein Kickstarter-Ziel von 10.000 US-Dollar. Inzwischen sind fast 65.000 Dollar zusammengekommen - trotz schwerer Betrugsvorwürfe.

Wie konnte das passieren?

Einen sehr ausführlichen Überblick über das komplette Dreamworld-Drama liefert der YouTuber Josh Strife Hayes. Das Video ist nur auf Englisch verfügbar, aber sehr empfehlenswert, wenn ihr tiefer ins Thema einsteigen und euch selbst ein Bild machen wollt:

Link zum YouTube-Inhalt

Oder ihr bleibt hier bei uns und erfahrt alles in deutscher Sprache.

Dreamworld: Vom MMO-Traum zu Scam-Vorwürfen

Wer steht hinter Dreamworld?

Die beiden Erfinder sind nicht etwa bekannte Genre-Veteranen oder wenigstens erfahrene Entwickler. Stattdessen handelt es sich um Robotics Engineer Garrison Bellack und den selbsternannten Entrepreneur Zachary Kaplan, der bereits an mehreren gescheiterten Crowdfunding-Projekten beteiligt war. Beide haben nie zuvor an einem MMO mitgearbeitet oder ein Spiel entwickelt.

Diese Informationen werden nicht transparent auf Kickstarter oder der Webseite geteilt, sondern wurden auf dem inzwischen geschlossenen Discord-Server auf ausdrückliche Nachfragen bekannt gegeben. Sie haben angeblich außerhalb von Kickstarter genug Finanzen für die Entwicklung von Dreamworld gesichert, geben aber keine Details dazu bekannt:

"Wir haben die finanziellen Risiken abgedeckt, indem wir Geld von einigen der besten Investoren im Silikon Valley für unsere Alpha-Entwicklung gesichert haben. Wir wissen, dass wir unsere Alpha und mehr mit dem Geld liefern können, das wir haben!"

Selbst falls das zutreffen sollte, gehört viel, viel mehr als nur Geld zur Spieleentwicklung. Mehr erfahrt ihr in unserem Podcast:

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Was will Dreamworld alles bieten?

Dreamworlds Ziele sind ähnlich ambitioniert wie das Burj Khalifa. Die Versprechungen lassen sich immer noch auf Kickstarter nachlesen, zum Beispiel:

  • Spieler sollen die gesamte Spielwelt selber formen können und mit tausenden Assets ihre eigenen Häuser, Festungen, Fahrzeuge und so weiter bauen. So als würden Minecraft und Roblox ein Kind namens Dreamworld bekommen.
  • Die Spielwelt soll unbegrenzt groß sein und aus tausenden unterschiedlichen Biomen bestehen.
  • Millionen von Spielern sollen sich eine einzige Welt teilen und dort zusammenspielen können.

Jedem MMO-Fan, der seit Jahren nach einem neuen, großartigen MMO hungert, müssten da die Tränen der Vorfreude in die Augen steigen. Wenn man eine ausreichende Portion Naivität mitbringt, kann so eine spektakuläre Ankündigung schnell zum Klick auf »Unterstützen« verleiten. Insgesamt haben sich 663 Personen finanziell beteiligt, mit Beiträgen zwischen 1 und 2.000 US-Dollar. Dafür sollen sie noch 2021 große Baugrundstücke, Monumente und seltene Mounts bekommen. In der Theorie.

Kann das überhaupt klappen?

Dass Dreamworld wohl eine leere Traumblase ist, die kurz vor dem Platzen steht, ist spätestens seit dem Release der »spielbaren Alpha« klar. Werft am besten selber mal einen Blick auf das bescheidene Ergebnis monatelanger Entwicklung (ab Minute 2:08):

Link zum YouTube-Inhalt

Wie der YouTuber Callum Upton in mehreren Videos belegt, wurden die verwendeten Assets unverändert aus Engine-Shops übernommen. Es gibt noch nicht mal ein Charakterdesign, stattdessen steuert man eine vorgefertigte und voranimierte Figur durch eine Welt, die von Artdesign und Ästhetik vollkommen verschont bleibt. Man kann das Ganze auch nicht als »technische Demo« bezeichnen, denn es vermittelt überhaupt keinen Eindruck, wie die versprochenen technischen Innovationen funktionieren sollen.

Da wäre zum Beispiel die Sache mit den Millionen Spielern in einer gemeinsamen Welt, was nicht über einen Zentralserver, sondern Client-seitig geteilte Ressourcen funktionieren soll. Bisher ist dieses Kunststück keinem noch so großen MMO gelungen. Es wäre ein gewaltiger Durchbruch für die gesamte Spielebranche - mehr als unwahrscheinlich, dass das ausgerechnet Privatpersonen gelingt, die noch nie ein Spiel entwickelt haben.

Um es ganz klar auszudrücken: Dreamworld ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein dreister Betrug. Es ist schwer vorstellbar, dass die Erfinder wirklich daran glauben, ihre Versprechen einhalten zu können, auch wenn sie das bei Kickstarter ausdrücklich behaupten:

"Jedes Abenteuer hat seine Risiken und wenn es keine Herausforderung wäre, dann wäre es den Aufwand nicht wert! Wir sind zuversichtlich, dass wir Dreamworld erschaffen können und alles einbringen, was wir in unserer Kampagne beschrieben haben - und mehr."

Zahlreiche Entwickler und YouTuber teilen seit Wochen ihre Bedenken über Dreamworld und bezeichnen das Projekt als dreisten »Scam«. Auch auf dem Discord-Server und bei Kickstarter ist die Stimmung umgeschlagen, inzwischen sind fast alle Kommentare mehr als kritisch. Viele berichten, dass sie blockiert wurden, weil sie Fragen stellten - so erging es zum Beispiel Backer Xanathon:

"Ich habe im offiziellen Discord Fragen über das Spiel gestellt. Nichts aggressives, nur simple Fragen über das Spiel und die Entwickler - und darüber, dass Promo-Material gezeigt wurde, das nicht existiert. Dafür wurde ich ohne Angabe von Gründen aus dem Discord geworfen. Nicht mal einfache Fragen werden beantwortet, wenn man Bugs meldet, wird man angeschrien oder gekickt. Ich bin jetzt sicher, dass das ein Scam ist und werde mir mein Geld über das Kreditkarten-Institut zurückholen."

Warum glaubt das alles überhaupt jemand?

Es gibt mehrere mögliche Gründe, warum Backer auf solche Projekte hereinfallen. Im Fall von Dreamworld spielt natürlich der große Genre-Traum hinein - MMO-Fans bekommen wenig hochkarätigen Nachschub, deswegen ist die Sehnsucht danach umso größer.

Außerdem richtet sich Dreamworld ausdrücklich auch an ein junges Publikum, laut Bellack fängt die Zielgruppe bei 13 Jahren an. Wie YouTuber Callum Upton herausgefunden hat, waren fast alle Discord-Moderatoren minderjährig.

Zwar muss man offiziell 18 Jahre alt sein, um einen Kickstarter-Account zu erstellen - aber wer jemals Call of Duty gespielt hat weiß, wie viel solche Altersbeschränkungen im Internet bringen. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Kinder Zugriff auf das Geld ihrer Eltern haben:

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Und auch Kickstarter selbst hat sich im Dreamworld-Drama nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Zwischenzeitlich wurde das Projekt sogar mit dem Badge »Projekte, die wir lieben« ausgezeichnet, obwohl die Kontroverse bereits in vollem Gange war. Erst nach mehreren Beschwerden wurde diese Markierung entfernt. Die Kickstarter-Seite ist nach wie vor online.

Vor einigen Jahren sind wir einem ähnlichen Fall auf den Grund gegangen: Damals ging es um den geistigen Stalker-Nachfolger Areal. Bei GameStar Plus lest ihr unseren großen Report über den Kickstarter-Scam.

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