Zwischen den gamescom-Terminen ist ein Schluck Wasser in den stickigen Hallen ein wahrer Retter — aber Wasser kann auch ganz schön gruselig sein. Woher weiß ich, dass mich aus den dunklen Tiefen eines Meeres nur ein ulkiger Geisterfisch anstarrt und nicht ein Riesenkraken, der die Kölner Messe zum Frühstück verspeisen könnte? Und habt ihr schon mal eure Hände mit langen Ärmeln gewaschen? Der reinste Horror!
Wasser und die damit verbundenen Schrecken nimmt sich auch das neue Horrorspiel Drowned Lake vor, über das ich zufällig in der Indie Arena Booth der gamescom gestolpert bin. In der rund 30 Minuten langen Demo erlebe ich den wohl meditativsten Survival-Horror der Messe, der mir trotzdem unter die Haut kriecht und den ich den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf bekomme.
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Euch ist Dredge zu zahm? Im Horrorspiel Drowned Lake dreht sich auch alles ums Angeln - und wenn ihr Glück habt, ist es sogar ein Fisch
Eine Bootsfahrt, die ist lustig
Ein Filmmacher für Amateur-Dokus verschwindet und drei Leute machen sich auf die Suche nach ihm: Jeder Spielcharakter hat eigene Absichten und Geheimnisse. Zu Beginn der Demo wähle ich den alten Opi Leopoldo, einen Fischer, der mit seinem Hund nach dem verschollenen Bento sucht.
Ich bewege mich in einem kleinen Boot über den See und navigiere dabei aus der Vogelperspektive, die stark an Sunless Sea erinnert. Rechts und links von mir versinken alte Wracks im Wasser, die ich umschiffen muss. Der Schein meiner Taschenlampe reicht gerade mal aus, um einen kleinen Fleck vor mir auszuleuchten — der Rest meiner Umgebung liegt in vollkommener Finsternis. Ist das Blut im Wasser?
Plötzlich knurrt mein Hund und zieht ängstlich den Schwanz ein. Den Grund dafür erkenne ich am unteren Rand des Bildschirms: Auf den Dächern einer kleinen Häusergruppe sind schwarze Schattengestalten aufgetaucht. Sie scheinen mich zu beobachten, aber tun mir nichts … noch.
Da, eine Kirche! Das ist bestimmt ein Zufluchtsort! Ich navigiere mein kleines Boot also zum Eingang des Gebetshauses — und plötzlich ändert sich die Perspektive. Der Erkundungsabschnitt in der Kirche spielt sich wie ein Found-Footage-Film: Ich halte eine alte Videokamera in der Hand und bewege mich aus der Ego-Perspektive via Point-and-Click durch die Umgebung.
Da, wo eigentlich der Altar sein sollte, finde ich einen alten Röhrenfernseher, der einen merkwürdigen Film abspielt. Schwarz-weiße Szenen, ein Wald, eine Person. Hinterlassenschaften des vermissten Filmmachers?
Nachdem ich die Kirche nach allen Hinweisen abgegrast habe, die ich später zusammensetzen muss, um dem Geheimnis dieses Ortes auf die Schliche zu kommen, setze ich mich zurück in mein kleines Boot. Zeit, ein bisschen zu fischen!
Na, was beißt denn da an?
Kleine Kreiswellen im Wasser zeigen mir Orte an, an denen ich angeln kann. Anhand einer verschwommenen Silhouette erkenne ich bereits, was ich da an Land ziehen könnte — denn nicht immer angle ich nach Fischen. Oft finde ich Gegenstände wie Schlüssel, Schriftstücke oder auch Items, die mir kleine Buffs verleihen und etwa meine Lautstärke senken, damit ich weniger anfällig für Gegner bin.
Das Angeln selbst ist an ein Minispiel geknüpft — ich muss wie bei Rollenspielen eine Art Probe bestehen. Um einen Gegenstand aus dem Wasser zu ziehen, muss ich zunächst eine Anzeige füllen.
Will ich, dass diese schnell gefüllt wird, kann ich eine Aktion auswählen, die bei erfolgreicher Probe einen Boost verleiht, bei vermurkster Probe aber beispielsweise meine Lautstärke erhöht … was nicht unbemerkt bleibt …
Nachdem ich eine solche Probe in den Sand gesetzt habe, dann aber doch noch mit Ach und Krach eine nasse Bibel ins Boot zerre, sehe ich einen großen dunklen Fleck im Wasser, der viel zu schnell immer näher kommt. Ich gebe Vollgas, versuche, in die entgegengesetzte Richtung zu fliehen — aber ich bin zu langsam. Der dunkle Fleck holt mich ein.
Die Begegnung mit dem formlosen Monster spielt sich in Textfeldern ab und jetzt muss ich schnell handeln! Ich wähle eine der Optionen, hetze meinen Hund auf den Möchtegern-Cthulhu und entkomme gerade so noch meinem tragischen Schicksal. Puh, heute ist mein Glückstag!
Entspannung mit Grusel-Faktor
Drowned Lake übt eine einzigartige Faszination auf mich aus. Denn das Herumtuckern auf meinem kleinen Boot hat etwas Meditatives. Mein Gefährt steuert sich träge, was viel Geschwindigkeit aus dem Spiel nimmt und mich dazu zwingt, mich auf eine Sache zu konzentrieren und mich vollkommen im Spiel zu verlieren.
Ich erkunde die Umgebung, suche alternative Wege, wenn ich auf eine Sackgasse stoße. Ich lunse mit meiner Kamera in verlassene Häuser hinein, sammle Dokumente und Story-Schnipsel auf, die mir dann kryptische Hinweise auf eine weibliche Präsenz geben. Eine Art Dämon?
Der Horror von Drowned Lake funktioniert nicht über wilde Jump Scares oder explizite visuelle Darstellungen. Vielmehr setzt das Indie-Spiel auf eine Atmosphäre, in der ich ertrinken könnte, auf tolles Lichtspiel, auf starkes Sounddesign, das mir selbst in der lauten Messehalle bis ins Mark kriecht — und auf meine eigene Fantasie. Während ich Textfelder und schemenhafte Andeutungen vor mir sehe, füllt mein Gehirn selbst mit Freuden die Lücken und ich stelle mir die schlimmsten Dinge vor, die dort im Wasser lauern könnten.
Gleichzeitig zieht mich das spannende Setting ab der ersten Sekunde in seinen Bann: Drowned Lake spielt nicht nur mit spannenden Perspektiven und kreiert damit ein einzigartiges Gefühl — es nimmt sich auch brasilianische Folklore vor, die ich bisher nur selten in Horrorspielen erlebt habe.
Nach 30 Minuten Demo bin ich zwar kein bisschen schlauer, was aus Dokuregisseur Bento geworden ist und wer die mysteriöse Frau ist, deren Ruf mein Fischer Leopoldo folgt — aber Drowned Lake hat mich ganz schön an der Angel.
Den restlichen Tag kann ich an nichts anderes denken und mir juckt es in den Fingern, weiterzuspielen. Wenn alles gut läuft, muss ich auch gar nicht mehr lange warten. Die Entwickler geben den 23. Oktober als Release-Termin an — allerdings unter Vorbehalt. Ich hoffe, dass der Release nicht ins Wasser fällt … hehehe.
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