Core Games: Epic verkauft einen großen Traum zu einem problematischen Preis

Das Tool Core Games soll den Traum vom eigenen Spiel wahr machen - und ein Multiversum aus hunderten kostenlosen Games bieten. Aber dieser Traum bröckelt.

von Géraldine Hohmann,
20.04.2021 13:30 Uhr

Über 150 kostenlose D&D-Rollenspiele überschwemmten im September 2020 plötzlich das Internet. Sie alle wurden im Rahmen eines Wettbewerbs mit dem Spieleentwicklungs-Tool Core von der Community gebaut. Nur wenige Tage nach Ende des Wettbewerbs gab Epic Games bekannt, 15 Millionen US-Dollar für das Tool locker zu machen - und seit dem 15. April könnt ihr Core gratis im Early Access auf Epic herunterladen.

Das Versprechen: Jeder kann mit einfachen Mitteln und der Power der Unreal Engine Spiele aller Genres selbst entwickeln und damit sogar Geld verdienen - oder die tausenden Community-Spiele kostenlos genießen. Okay, diesen Traum wollten schon viele Editoren wahr machen, die meisten von ihnen sind damit bisher gescheitert. Hat also Core das gewisse Etwas, um es besser zu machen als seine Vorgänger?

Die Autorin
Redakteurin Géraldine hat Game Design an der HTW Berlin studiert und über drei Jahre mit Spiele-Engines wie Unreal und Unity gearbeitet. Sie weiß, wie viel zur Entwicklung eines Spiels dazu gehört - selbst zu den scheinbar schlichten und kleinen Projekten. Sie hat ein besonderes Interesse an Entwicklungs-Tools wie Dreams und Core, die Game Design für jeden verständlich und zugänglich machen wollen - sieht das Konzept aber auch genau deswegen mit großer Skepsis.

Welchen Traum verkauft Core?

Das kostenlose Programm Core soll mehr werden als ein Tool zur Spieleentwicklung. Epic stellt es vollmundig als Multiversum vor - also einen virtuellen Spielplatz an dem ihr mit eurem eigenen Charakter durch eine Hubwelt laufen, mit anderen Spielern chatten und in die verschiedenen Spiele springen könnt. Auf der Shop-Seite heißt es:

"Von Shootern über Survival- und Action-Abenteuern bis hin zu MMORPGs, Plattformern und Partyspielen - Core bietet allen Gamern jeden Tag etwas Neues."

Außerdem sollt ihr via Ein-Klick-Publishing eure eigenen Kreationen teilen und »eventuell damit Geld verdienen« können.

Was steckt bisher drin?

Core ist am 15. April in den Early Access auf Epic gestartet. Bisher findet man dort neun offizielle Spiele der Entwickler Manticore, die zeigen sollen, was mit dem Tool möglich ist. Außerdem einige hundert spielbare Community-Projekte - wie viele genau ist aber schwer zu sagen, denn das Menü fällt ziemlich unübersichtlich aus.

Die Spiele steuert ihr entweder über die Hubwelt oder das Menü an. Das könnte aber übersichtlicher gestaltet sein. Die Spiele steuert ihr entweder über die Hubwelt oder das Menü an. Das könnte aber übersichtlicher gestaltet sein.

Das Herzstück von Core ist der Editor, in dem ihr eure Spielszenen zusammenbasteln könnt. Darin findet ihr hunderte Assets wie Fantasy- und Sci-Fi-Objekte und Bauteile, Charaktere und Sounds. Vom Aufbau erinnert der Editor an seinen technischen Unterbau: die Unreal Engine - nur in sehr abgespeckter Version.

Wer zuvor noch nie mit Engines oder 3D-Programmen gearbeitet hat, wird aber dennoch dringend ein Tutorial brauchen, denn selbsterklärend ist das Tool nicht. Ihr könnt dafür zum Beispiel die englischsprachige Core Academy online besuchen, ein zugängliches Ingame-Tutorial sucht man aber noch vergebens.

Der Editor funktioniert ähnlich wie auch die Unreal Engine und bietet zahlreiche kostenlose Assets. Der Editor funktioniert ähnlich wie auch die Unreal Engine und bietet zahlreiche kostenlose Assets.

Aber wie funktioniert denn nun dieses »eventuell damit Geld verdienen«? Mit nur einem Klick publiziert ihr eure Projekte ins Multiversum von Core. Die Rechte liegen weiterhin bei Manticore und ihr könnt eure Spiele nicht zum Vollpreis verkaufen. Es gibt aber zahlreiche Monetarisierungs-Möglichkeiten:

"Ihr könnt monetarisieren, wie auch immer ihr möchtet, ob es über Trinkgeld ist, Spenden, ein Abo, eine VIP-Mitgliedschaft, Verbrauchsgegenstände - es ist alles verfügbar."

Ja, auch mir haben sich bei diesen Worten ein bisschen die Nackenhaare aufgestellt. Denn während meiner Tour durch Core hatte ich vor allem einen Gedanken: Hier geht es ums Geld.

Darum ist Core problematisch

Bevor ich überhaupt einen Schritt in Core tun kann, springt mir im Menü die Aufforderung entgegen, den Newsletter zu abonnieren - für zwei legendäre Charaktere. Im Shop kann ich mir für Echtgeld Core Credits kaufen. Bis zu 100 Euro für 10.000 Credits darf ich auf einmal in das Tool buttern. Klar, nach seinem Investment von 15 Millionen Dollar möchte Epic mit dem kostenlosen Programm natürlich Geld verdienen.

Shop Im Echtgeld-Shop könnt ihr einiges in Ingame-Währung investieren.

Legendäre Charaktere Direkt beim Start sollen wir uns mit dem Newsletter legendäre Charaktere abholen.

Und diese Inspiration kommt nicht von ungefähr: Das Multiversum mit eigenen Spielen, die man gemeinsam mit Freunden spielt, erinnert stark an den Hype um Roblox, das mit 38 Milliarden Dollar wertvoller eingeschätzt wird als das ganze Unternehmen Epic zusammen. Falls ihr euch jetzt fragt: Was? Roblox? Warum habe ich davon noch nie gehört? Dann werft mal einen Blick in unseren Report, in dem wir dem Phänomen auf den Grund gehen:

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Ebenso wie Roblox scheint auch Core Kinder und Jugendliche ansprechen zu wollen: Alles ist im Fortnite-Look gehalten, in der Lobby cruisen wir mit coolen Hoverboards umher und Projekte mit Titeln wie »silent hill DEMO!!!« wirken wie die ersten Gehversuche von angehenden 13-jährigen Game Designern. Und ein Tool, das Kindern und Jugendlichen Spieleentwicklung näherbringt, könnte eine tolle Sache sein - der starke Fokus auf Free2Play-Mechaniken hinterlässt dann aber einen noch bittereren Beigeschmack.

Warum der Traum von hunderten kostenlosen Spielen (noch) nicht aufgeht

Klar, wenige Tage nach Release ist das Angebot noch ziemlich mau. Nicht nur die Community-Projekte sind nur einige vorsichtige Gehversuche mit dem Tool, auch die offiziellen Spiele von Manticore reißen niemanden vom Hocker: Ein Capture-the-Flag-Multiplayer, eine Farm-Simulation, ein Standard-Shooter. Das ist zwar zum aktuellen Zeitpunkt zu erwarten, allerdings sehe ich die Zukunft des Tools ebenfalls kritisch.

Core steht vor denselben Problemen, die schon Entwicklungs-Tools wie Dreams oder der RPG Maker hatten: Nutzt man nur die vorgefertigten Standard-Assets, sehen alle Spiele irgendwie gleich aus, hören sich gleich an und spielen sich ähnlich. Ja, man kann eigene 3D-Modelle, Soundfiles und Codes in das Tool integrieren. Wer allerdings so viel Expertise mitbringt, der wird lieber direkt die Unreal Engine nutzen, statt den Umweg über Core zu gehen und die Rechte an seinen Inhalten abzutreten.

Core müsste also voll auf seine Multiversums-Komponente setzen, um sich abzuheben und länger zu überleben. Dafür muss es aber auch erstmal am Giganten Roblox vorbei - und das sehe ich aktuell noch nicht.

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