Generative KI ist bei den Oscars jetzt offiziell erlaubt. Diese Nachricht ist höchstens ein paar Tage alt, könnte aber immense Auswirkungen auf die Branche und Kunstschaffende als solches haben.
Die Verantwortlichen – und auch die Kunst als solche – stehen vor einem Scheideweg: Werden sich KI und Film verheiraten lassen?
Eine Ansage von ganz oben
Die Oscars befinden sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Bereits vor 14 Jahren haben die Kollegen von Moviepilot einen Abgesang auf die Oscars angestimmt.
Irrelevant sind die Oscars noch lange nicht. Sie sind nach wie vor der wichtigste und vor allem bekannteste Filmpreis der Welt, egal, wie viele Kontroversen sich um die Verleihung ranken oder wie viele Zuschauer das Event verloren hat. Sich mit dem Prädikat »Oscar-prämiert« schmücken zu können, ist für Filmschaffende viel wert.
Das bedeutet auch: Wenn ein solch hochrangiger Wettbewerb KI-gestützte Filme erlaubt, ist das eine Ansage von ganz oben und ein potenzieller Freifahrtschein für andere Filmwettbewerbe.
Wichtig zu beachten: Im Falle des Oscar-Statements handelt es sich explizit um generative KI. Bekannte Beispiele für generative KI, die ihr vielleicht schon selbst verwendet habt, sind:
- Bild-Generierer wie Stable Diffusion oder DALL-E
- Video-Generierer wie Sora
- Musik-Generierer wie MusicLM
Ebenfalls wichtig: Nach welchen Kriterien der Einsatz generativer KI bewertet wird. Im offiziellen Statement des Oscar-Gremiums heißt es dazu:
Die Academy und die einzelnen Zweige werden die Leistung beurteilen und bei der Auswahl des Films berücksichtigen, inwieweit ein Mensch im Mittelpunkt der kreativen Urheberschaft stand.
Vor allem der letzte Halbsatz ist wichtig. Die Academy verspricht damit, den Menschen zu würdigen und ich hoffe inständig, dass das auch wirklich ernst genommen wird. Für mich ist der Mensch die Seele der Kunst.
KI als sinnvolles Werkzeug
Ich erzähle euch nichts Neues, wenn ich sage: der KI-Zug ist längst abgefahren. Aus der Nummer kommen wir nicht mehr heraus, KI wird bleiben. Deswegen halte ich es für wichtig, sie als Tool zu verstehen und zu nutzen – was bereits vorgekommen ist.
Letztes Jahr schrieb ich einen Artikel über den Film »Fall«, bei dem die KI das böse F-Wort aus dem fertigen Produkt subtrahiert hat. Was sonst Nachdrehs und viel Geld gekostet hätte, hat hier der Computer erledigt.
Ein anderes positives Beispiel, über das ich bereits eine Kolumne geschrieben habe, ist »The Brutalist«. Um es kurzzuhalten:
- KI kam zum Einsatz, um die ungarische Aussprache der Schauspieler klarer und besser zu machen.
- In der Nachbearbeitung hat ein gebürtiger Ungar das Tool genutzt.
- KI wurde verwendet, um vor allem Zeit zu sparen.
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KI hat hier also keine Kunst geliefert, sondern bestehende Kunst verbessert und obendrein den Prozess beschleunigt. So dürfen Kunst und KI gerne zusammengehen.
Hier wurde keine generative KI verwendet, um etwas von Grund auf neu zu erschaffen.
- KI wurde mit Bedacht genutzt: Es ging hauptsächlich darum, Zeit und Geld zu sparen.
- KI hat nicht in das Werk an sich eingegriffen: Die Schauspieler und Schauspielerinnen performen selbst.
- KI hat Barrieren aus dem Weg geschafft: Ungarisch ist eine wahnsinnig komplexe Sprache; die fehlerfrei zu sprechen, ist schwierig. Hier unterstützt die KI das Verständnis von Muttersprachlern und soll den Film authentischer machen.
Was am Ende zurückbleibt, ist immer noch ein Geschmäckle, weil Generative KI mit urheberrechtlich geschütztem Material trainiert wurde. Das bleibt auch bei geringem und cleveren Einsatz ein moralisches und ethisches Dilemma.
Der Mensch darf nicht auf der Strecke bleiben
Generative KI wird immer besser, und zwar so sehr, dass wir den Unterschied heute teilweise schon nicht mehr mit bloßem Auge erkennen. Ich glaube nicht, dass wir KI-Qutasch wie den folgenden Trailer noch einmal sehen werden.
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Wenn KI so gut wird, dass sie kaum mehr Fehler macht und für Filmemacher unabdingbar wird, könnte das in erster Linie den Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten – und damit einen weiteren Teil der Seele des Films.
Generative KI kann theoretisch die Jobs von etlichen Kunstschaffenden übernehmen, was die Personalkosten schrumpfen lässt. Es braucht schließlich nur Leute, welche die KI mit Prompts füttern und feinjustieren lassen. Den Rest macht die Maschine.
Potenzielle Verlierer von Generativer KI könnten sein:
- Synchronschauspieler
- CGI-Künstler und Animatoren
- Maskenbildner
- Bühnendesigner
- Schauspieler
- Drehbuchautoren
- Musiker
Und das sind nur die, die mir spontan eingefallen sind.
KI darf den Menschen helfen, soll sie aber nicht ersetzen. Die Seele der Kunst ginge sonst verloren, das Menschliche würde aus den Werken fast völlig subtrahiert werden.
Die Krux mit den Trainingsdaten
Ein Kind ist längst in den Brunnen gefallen und das ist auch mein persönlich größtes Problem. KI wurde mit Daten trainiert, für die Kunstschaffende keinen Cent gesehen haben. Damit jeder den Ghibli-Filter nutzen kann, mussten die Maschinen auf den Stil trainiert werden. Gefragt oder bezahlt wurde das Studio dabei nicht.
Das ist freilich ein sehr bekanntes Beispiel und auch nur eines von vielen. KIs wurden aber auch mit Büchern, Musikstücken, Artikeln und Kunst gefüttert, die allesamt von Menschen erstellt wurde – unter anderem auch meinen Büchern.
Der Schritt, den das Oscar-Gremium gegangen ist, zeigt, wie wichtig KI als Tool für den künstlerischen Prozess geworden ist. Dabei darf die technische Revolution allerdings nicht auf dem Rücken der Kunstschaffenden vorangetrieben werden.
Wichtig sind mir daher nicht nur die Menschen, die KI ersetzen könnte, sondern auch jene, mit deren Kunst die Maschinen trainiert wurden. Hier muss eine finanzielle Beteiligung stattfinden.
KI-Tools wie Adobe Firefly versuchen bereits, entsprechende Wege der finanziellen Vergütung zu finden, Verlage wie die Washington Post (via Press Gazette) gehen Lizenzierungen mit Anbietern wie OpenAI ein.
Trotzdem: Von einem Goldstandard, wie die Daten liefernden Autoren, Künstler und andere Urheber fair an generativer KI beteiligt werden, sind wir noch ein gutes Stück entfernt.
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Fazit
Sind wir ehrlich: Hollywood- und Big-Budget-Produktionen sind heute mehr Produkt als Kunst. Da geht es oft nicht darum, eine Vision auf die Leinwand zu bringen, um Leute zu verzaubern, sondern um Shareholder zu befriedigen und die Cashcow zu melken oder die nächste zu finden.
Die Entscheidung des Oscar-Gremiums könnte diesen Eindruck verstärken, wenn KI nicht mit Verstand und Rücksicht eingesetzt wird. Andernfalls wäre das der Sargnagel der (filmischen) Kunst.
Bei der Ankündigung des Oscar-Gremiums war ich erst mal erschüttert, denn generative KI und Kunst gehen für mich nicht zusammen. Ausgerechnet der wichtigste Filmpreis der Welt ermuntert nun Filmschaffende, generative KI zu verwenden. Auch James Cameron stößt ins selbe Horn.
Am Ende steht aber auf dem Zettel, wie die KI eingesetzt wird. Nimmt die KI den Menschen die Arbeit ab? Das kann ich akzeptieren. Ersetzt die KI Menschen und damit die Kunst? In dieser Welt will ich nicht leben. Das gilt natürlich auch für die Kunstschaffenden, mit deren Inhalten die Maschinen trainiert wurden. Hier muss eine Beteiligung stattfinden.
Am Ende bleibt vor allem die Erkenntnis: Eine Veränderung ist unvermeidlich, doch in welche Richtung, das entscheiden hoffentlich die richtigen Personen. Die Academy hat es sich mit Aussage über den Mensch im Mittelpunkt auf die Fahnen geschrieben. Ich hoffe, dass sie sich daran halten werden.
Was haltet ihr von dem Thema? Glaubt ihr, dass wir bald Filme und Serien sehen werden, die vor Generativer nur so strotzen? Schreibt eure Meinung gerne in die Kommentare.

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