Extreme Preise: Warum Hardware noch sehr lange sehr teuer bleiben wird

Die aktuellen Preise für Spiele-Hardware sind beispiellos. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass die Situation sich noch eine lange Zeit nicht entscheidend bessern wird.

von Nils Raettig,
24.03.2021 14:49 Uhr

Grafikkarten entwickeln sich mehr und mehr zum Luxusgut - und das könnte noch eine ganze Weile so bleiben. Grafikkarten entwickeln sich mehr und mehr zum Luxusgut - und das könnte noch eine ganze Weile so bleiben.

Für die Preise von Spieler-GPUs galt lange Zeit, dass man gute Mittelklasse-Grafikkarten für ungefähr 200 bis 250 Euro bekommt. Die Spitzenmodelle aus dem High-End-Bereich lagen bei etwa 500 Euro. Von solchen Preisen kann man nur träumen, wenn man die aktuelle Situation betrachtet:

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Warum wir wohl noch sehr lange mit diesen extrem hohen Kosten leben müssen und wie anders die Preise im Verlauf des letzten Jahrzehnts teilweise ausgesehen haben, schauen wir uns in diesem Artikel genauer an.

Blick zurück: Wie günstig waren Grafikkarten früher?

Nvidias Modelle der XX60er-Reihe haben sich in Sachen Leistung und Preis meist ungefähr im Mittelfeld der jeweils aktuellen Generation platziert. Das macht sie für Spieler seit jeher sehr attraktiv, was auch die seit Jahren andauernde Dominanz der GTX 1060 in Steams Hardware-Umfrage verdeutlicht.

Die offiziellen Preisangaben zum Launch lagen seit der Geforce GTX 460 aus dem Jahr 2010 meist im Bereich von 200 bis 250 Euro. Das hat sich erst im Jahr 2017 mit der Geforce GTX 1060 geändert, wie die folgende Übersicht zeigt:

RTX 3060

329 Euro

RTX 2060

369 Euro (ca. 375 Euro mit Inflation)

GTX 1060

320 Euro (ca. 340 Euro mit Inflation)

GTX 960

230 Euro (ca. 245 Euro mit Inflation)

GTX 760

240 Euro (ca. 260 Euro mit Inflation)

GTX 660

225 Euro (ca. 250 Euro mit Inflation)

GTX 560

165 Euro (ca. 185 Euro mit Inflation)

GTX 460 (786 MByte)

200 Euro (ca. 230 Euro mit Inflation)

Eine ähnliche Entwicklung ist bei den Top-Modellen der XX80er-Reihe zu beobachten. Während sie mit Ausnahme der Geforce GTX 780 stets etwa bei 500 Euro lagen, sind die Preise mit der Geforce GTX 1080 klar gestiegen. Mehr dazu erfahrt ihr im Artikel »Wird Nvidia immer teurer? Preisvergleich der letzten 10 Jahre«.

RTX 3080

719 Euro

RTX 2080

840 Euro (ca. 870 Euro mit Inflation)

GTX 1080

789 Euro (ca. 835 Euro mit Inflation)

GTX 980

540 Euro (ca. 580 Euro mit Inflation)

GTX 780

640 Euro (ca. 700 Euro mit Inflation)

GTX 680

500 Euro (ca. 555 Euro mit Inflation)

GTX 580

480 Euro (ca. 550 Euro mit Inflation)

GTX 480

480 Euro (ca. 545 Euro mit Inflation)

Die UVP hat nichts mehr mit der Realität zu tun: In der Theorie fallen die aktuellen Modelle RTX 3060 und RTX 3080 etwas günstiger als ihre Vorgänger aus. In der Praxis sind sie aber wesentlich teurer.

So ist die RTX 3060 im regulären Handel ab etwa 800 Euro zu haben und bei Ebay ab 650 Euro. Im Falle der RTX 3080 liegen die Kosten dagegen im Bereich von 1.500 bis 2.000 Euro.

Im Vergleich zur UVP fallen diese Modelle also mehr als doppelt so teuer aus. Andere RTX-3000-Karten und AMDs RX-6000-Reihe sind davon genau so betroffen. Warum wir an diesen Preisen auch selbst schuld tragen, erfahrt ihr in dieser Kolumne bei GameStar Plus:

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Blick nach vorn: Wie lange wird es schlecht bleiben?

Wir vermuten nach aktuellem Stand, dass frühestens in einem Jahr und vermutlich sogar erst in zwei Jahren mit einer nennenswerten Verbesserung der Lage zu rechnen ist.

In Gesprächen mit betroffenen Firmen wie AMD oder Nvidia wagt sich zwar niemand an konkrete Prognosen heran, der Tenor ist aber eindeutig: Stellt euch darauf ein, dass die Nachfrage noch eine lange Zeit das Angebot klar überschreiten wird.

Die Gründe dafür sind vielschichtig und im Kern schon länger bekannt. Wie schlecht die Lage wirklich ist, verdeutlicht aber unter anderem der aktuelle Bericht »Die globale Knappheit von Computer-Chips erreicht Krisen-Punkt« vom Guardian.

In dem Artikel heißt es zu Recht, dass sich derzeit Faktoren auf der Seite des Angebots und der Nachfrage zu einem »perfekten Sturm« mischen. Das sind die aus unserer Sicht entscheidenden Aspekte dabei:

Das Problem der riesigen Nachfrage

  1. Corona: Die Corona-Pandemie wirkt sich zwar schon lange nicht mehr durch stillstehende Fabriken in größerem Maße auf die Produktionskapazitäten von Halbleitern aus, aber sie hat unser Konsumverhalten deutlich geändert. Das gilt unter anderem deshalb, weil wir durch geschlossene Geschäfte und deutlich eingeschränkte Urlaubsmöglichkeiten weniger Geld ausgeben und mehr Zeit daheim verbringen. Technik, die man zu Hause einsetzen kann - sei es zum Spaß beim Spielen oder für die Arbeit im Home Office - hat dadurch massiv an Bedeutung gewonnen.
  2. Ein beispielloser Hardware-Herbst: Ende 2020 ist eine wahre Flut an spannender Hardware für Spieler erschienen. Nach Nvidias eher verhalten aufgenommener RTX-2000-Reihe aus dem Jahr 2018 kam RTX 3000 mit einem deutlichen Leistungssprung, AMD konnte bei den Grafikkarten mit der RX-6000-Reihe nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder im High-End-Bereich mitspielen und stößt mit Ryzen 5000 Intel vom CPU-Thron, und dann gibt es da ja noch die neuen Konsolen PlayStation 5 und Xbox Series X, die ebenfalls mit AMD-Chips ausgestattet sind.
  3. Der nächste Mining-Boom: Es ist schwer zu sagen, wie viele Grafikkarten wirklich von Minern gekauft werden. Fest steht allerdings, dass Krypto-Währungen wie Bitcoin und Ethereum in den letzten Monaten extrem im Wert angestiegen sind. Auch das trägt einen Teil zu der großen Nachfrage bei.

Das Problem des viel zu geringen Angebots:

  1. Neue Kapazitäten kosten viel Zeit und Geld: Die extrem hohe Nachfrage war nur schwer vorherzusagen und bringt die aktuelle Produktion von Halbleiter-Chips an ihre Grenzen. Die weltweit größten Hersteller Samsung und TSMC wollen ihre Kapazitäten zwar ausbauen, was laut der jüngsten Ankündigung »Die Welt ruft nach Chips und Intel antwortet« auch für Intel gilt. Passende Fabriken stampft man aber nicht mal eben so aus dem Boden. Stattdessen dauert es ungefähr zwei Jahre und kostet mehrere Milliarden Euro. Für TSMC in Taiwan könnt die Lage außerdem durch die aktuelle Wasserknappheit vor Ort verschlechtert werden (via Computerbase). Der aktuell blockierte Suez-Kanal kommt temporär ebenfalls hinzu (via Tagesschau).
  2. Alle brauchen Chips, aber nur wenige können sie herstellen: Die Aufschreie der Auto-Industrie auch in Richtung der Bundesregierung haben es deutlich gemacht: Heutzutage stecken in extrem vielen Produkten Halbleiter-Chips, von Autos über CPUs und Grafikkarten bis hin zu Kühlschränken und Smartphones. Die Fertigung der passenden Halbleiter liegt aber in den Händen weniger Großanbieter.
  3. Die Halbleiter sind nur ein Teil des Problems: Ein Computer-Chip alleine ist noch kein fertiges Produkt. Wenn es um das ausreichende Angebot von Grafikkarten & Co geht, müssen auch die weiteren Glieder der Produktionskette ein entsprechend hohes Niveau erreichen. Dazu zählen etwa die finalen Tests der Chips, die Weiterleitung an die Board-Partner und der Zusammenbau auf einem PCB mit VRAM und Co.

Keine Lösung in Sicht

All diese Probleme haben eins gemeinsam: Es gibt keine schnelle, simple Lösung dafür. Außerdem dürften manche davon auch nachhaltig Bestand haben.

Die generelle Attraktivität der neuen Spieler-Hardware wird beispielsweise nicht einfach so verschwinden. Und es ist durchaus plausibel, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unser Arbeits- und Spielverhalten auch dann noch bestehen bleiben, wenn sich die Lage irgendwann spürbar beruhigen sollte, zumindest in abgeschwächter Form.

Apropos geändertes Arbeitsverhalten: Wie ein GameStar-Heft in Zeiten der Krise entsteht, seht ihr im folgenden Video, das während des ersten Lockdowns entstanden ist:

PLUS 18:58

All diese Faktoren führen uns zu der Prognose, dass die Lage mindestens noch bis ins Jahr 2023 sehr schwierig sein wird.

Bleibt abschließend nur zu hoffen, dass die extrem hohen Preise für Grafikkarten und die dennoch ungebrochen hohe Nachfrage nicht einen sehr unerwünschten Nebeneffekt haben: Wenn es schlecht läuft, zahlen wir auch in den Jahren nach der Chip-Krise noch für Mittelklasse-Leistung Preise, die aus heutiger (oder fast schon gestriger) Sicht eigentlich nur zum absoluten High-End-Bereich gehören.

Wie schätzt ihr die Lage ein? Wann ist mit einer Verbesserung der Preise für Grafikkarten zu rechnen? Und werden sie sich überhaupt wieder auf ein vertretbares Niveau reduzieren? Schreibt es gerne in die Kommentare!

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