Greedfall sticht nur aus der Masse hervor, weil es keine Konkurrenz hat (Meinung)

Der Hype um Greedfall liegt vor allem in der aktuellen Schwäche des Rollenspiel-Genres begründet, findet GameStar Redakteur Peter Bathge. Ein paar Monate später hätte dem Spiders-RPG niemand einen zweiten Blick geschenkt.

von Peter Bathge,
16.09.2019 08:00 Uhr

Hype um Greedfall: Durch clevere Vermarktung, einen geschickt gewählten Veröffentlichungstermin und schwächelnde Konkurrenz hat ein kleines Rollenspiel aus Frankreich dieses Jahr mehr Aufmerksamkeit erlangt, als es streng genommen verdient hätte. Peter findet: Das ist gar nicht so dumm!Hype um Greedfall: Durch clevere Vermarktung, einen geschickt gewählten Veröffentlichungstermin und schwächelnde Konkurrenz hat ein kleines Rollenspiel aus Frankreich dieses Jahr mehr Aufmerksamkeit erlangt, als es streng genommen verdient hätte. Peter findet: Das ist gar nicht so dumm!

Wenn die Großen taumeln, profitieren jene, die sich anpassen können, die klein, flink und geschwind sind. Das ist im Tierreich so, wo das Aussterben der Dinosaurier den Siegeszug der Säugetiere ermöglichte. In der Wirtschaft, wo Startups erfolgreich eine Nische besetzen, die für etablierte Firmen zu klein ist. Und im Videospielmarkt, wenn die Wünsche der Fans von den etablierten Herstellern nicht bedient werden, wenn bestimmte Genres gerade eine Durststrecke erleben oder sich beliebte Studios auf Irrwege begeben.

Greedfall ist so ein Spiel, das von den Versäumnissen anderer profitiert. Am meisten natürlich von der anhaltenden Misere bei Bioware. Aber auch von der noch ein paar Wochen andauernden Rollenspieldürre. Und Greedfall hat das Optimum aus dieser Situation herausgeholt: Im Sommer gelang dem RPG der französischen Spider Studios erst der Sprung vom Underdog zum Geheimtipp und dann zum am meisten erwarteten Rollenspiel.

Diese Erwartungshaltung kann das fertige Spiel nicht ganz erfüllen, die Hoffnungen auf einen neuen Rollenspiel-Heilsbringer waren verfehlt, das zeigt auch unser Greedfall-Test. Aber der Hype um Greedfall zeigt sehr gut, dass im großen Triple-A-Geschäft mit millionenschweren Entwicklungsbudgets immer noch Platz für kleine Überraschungen ist. Und das ist super! Selbst wenn Greedfall als Spiel nur gehobene Mittelklasse ist - die dahinter stehende Marketingstrategie ist Weltklasse. Und der Erfolg macht Hoffnung für die Zukunft.

Der Autor
Bei Peter Bathge setzen immer mal wieder die Nostalgiewehen ein. So nennt er das, wenn er sich an die gute, alte Zeit™ erinnert, als Bioware noch Rollenspiele gemacht hat, keinen Bullshit. Im Vorfeld der Greedfall-Veröffentlichung zwickte es ihn auch ein bisschen - das Spiders-RPG drückte bei ihm alle Knöpfe in Sachen Dragon-Age-Wehmut. Aber wenn er ehrlich mit sich (und euch!) ist, dann war doch abzusehen, dass es bei der Wunschvorstellung bleiben würde.

Greedfall: Konsequent dem Trend gefolgt

Damit das klar ist: Ich habe mich im Vorfeld auf Greedfall gefreut. Tatsächlich war ich - so viel falsche Bescheidenheit muss sein - einer der ersten Journalisten in der deutschen Spielepresse, der sich eingehender mit dem Spiel beschäftigte. Damals, im Februar 2017, hatte Entwickler Spiders bei einem Besuch in Paris noch nicht viel mehr zu bieten als eine Handvoll Konzeptzeichnungen und einen Traum. Den Traum, endlich aus der eigenen Mittelmäßigkeit auszubrechen.

Denn Spiders macht schon seit über zehn Jahren Variationen des fast immer gleichen Konzepts: Ein Rollenspiel mit Begleitern und Romanzen, Kämpfe in Echtzeit, dreigeteiltes Skillsystem, Nahkampf als Fokus. Die Parallelen zu Biowares früheren Spielen waren stets offensichtlich, nur bei der Qualität haperte es, auch so populär wie Mass Effect und Dragon Age waren Spiele wie Mars: War Logs, Bound by Flame oder The Technomancer nie.

Greedfall bietet alles, was ein Rollenspiel 2019 braucht - und weil es so wenige davon gibt, sind viele Genre-Fans begeistert.Greedfall bietet alles, was ein Rollenspiel 2019 braucht - und weil es so wenige davon gibt, sind viele Genre-Fans begeistert.

Aus gutem Grund, denn alle Spiele hatten Macken, meist technischer Natur, oftmals fehlte es an Abwechslung, Finesse - und Budget. Denn Spiders ist kein AAA-Entwickler, sondern ein AA-Studio. AA, das klingt wie etwas, das ein Kleinkind auf dem Töpfchen produziert, ist aber gar nicht so abwertend gemeint. Denn wenn Triple-A die Schwergewichte im Business sind, handelt es sich bei Double-A um die netten Produktionen mittlerer Größe, die einen trotz aller Schwächen in Sachen Präsentation oder Gameplay immer noch gut unterhalten. Eben so wie Greedfall.

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