Wenn ich so auf meine persönliche Horror-Biografie schaue, läuft mir ein wohliger Schauer übers Gemüt: Angefangen habe ich mit Spuk-Serien im Nachmittagsprogramm – kennt noch jemand »Grusel, Grauen, Gänsehaut«? Spätestens als so manche Episode von X-Factor bei mir für schlaflose Nächte sorgte, war ich komplett auf Horror geeicht.
Seitdem grusele ich mich durch Spiele wie System Shock 2, Thief, die frühen Resident-Evil-Teil, Amnesia, Outlast und Co. Filmisch hat mich »John Carpenter’s Das Ding aus einer anderen Welt« stark geprägt, aber ich bin im Genre im Niveau flexibel: Insidious, Smile, Halloween, Wrong Turn – vom aufwändigen Blockbuster bis zum billig produzierten Geheimtipp spricht mich fast alles an.
Und jetzt komme ich als vermeintlich hartgesottener Horror-Veteran und erzähle euch von meiner fast schon panischen Angst bei Green Hell.
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Green Hell - Ankündigungstrailer zum Dschungel-Survival - Ankündigungstrailer zum Dschungel-Survival
Ein Männlein steht im Walde
Bis Kollege Dimi vor drei Jahren das Survival-Spiel von Creepy Jar in einem Steam-Sale-Artikel empfiehlt, habe ich von Green Hell noch nie etwas gehört. Weil es im Angebot ist, schlage ich zu und finde mich kurz darauf in der virtuellen Haut von Protagonist Jake Higgins im brasilianischen Regenwald wieder.
Green Hell gehört zu den Spielen, bei denen ich die überraschend spannende und tiefgründige Story-Kampagne schätze, aber darum soll es hier nicht gehen. Sondern um nackte Angst, Paranoia, Unwissenheit und viele, viele Tode.
Um diese und viele andere negative Gefühle in mir zu erzeugen, braucht Green Hell keine effekthascherischen Effekte oder übernatürliche Bedrohungen. Stattdessen versetzt es mich – einen durchschnittlichen Mitteleuropäer – in den Regenwald und sagt: »Mach mal«.
Mit einem Rucksack und einer solarbetriebenen Smartwatch stehe ich buchstäblich im Wald. Entkommen gibt es keins, also muss ich überleben. Anstelle der zu Spielbeginn noch idyllisch durch das Blattwerk des Waldes scheinenden Sonnenstrahlen wird bereits in wenigen Ingame-Minuten die pechschwarze Dunkelheit der Nacht eingetreten sein. Bis dahin brauche ich rudimentäre Werkzeuge und ein improvisiertes Bett – falls ich es überhaupt so weit schaffe.
Alles will mich töten
In meinen aktuell mehr als mehr als 150 Stunden in Green Hell (danke, Dimi) sind mir folgende Verhaltensweisen in Fleisch und Blut übergegangen:
- Ich nutze niemals die Sprintfunktion, außer wenn ich um mein Leben renne.
- Ich springe so gut wie nie.
- Ich schaue nie geradeaus, sondern immer im 45-Grad-Winkel zum Boden.
- Ich bin mucksmäuschenstill. In Koop-Spielen mit bis zu drei Freunden kommunizieren wir einsilbig.
Die Gründe dafür liegen in der erstklassigen Survival-Atmosphäre: So wunderschön die verschiedenen Bäume, der dicht bewachsene Dschungel-Boden und die Lichtstimmungen auch sind, sie verbergen die Gefahren. Ein falscher Schritt und ich trete auf eine Klapperschlange, einen Skorpion oder eine Giftspinne.
An Ort und Stelle bleiben hilft aber auch nicht, denn Pumas, Jaguare oder auch Cayman-Krokodile machen Jagd auf mich. Zu allem Unglück befinde ich mich außerdem auch auf dem Territorium von äußerst feindseligen Ureinwohnern.
Weil sich alle Gefahren akustisch ankündigen – Raubtiere fauchen, Eingeborene singen, Klapperschlangen … naja, klappern – achte ich auf jedes Geräusch und bewege mich auch nach so vielen Spielstunden nur äußerst ungern und zögerlich durch den Dschungel.
Meine Rache: Urwald nach DIN-Norm
Green Hell bereitet mich nicht auf die Gefahren des Urwaldes vor: Es sagt mir nicht, was gegen Fleischwunden, Parasiten, Würmer in der Haut, Lebensmittelvergiftungen, Fieber, Schlangenbissen sowie Energie- und Nährstoffmangel hilft.
Im Crafting-Feld des Spiels probiere ich aus: Zwei Steine ergeben eine Klinge, dazu ein langer Stock und eine Liane, schon habe ich einen Speer. Auf die harte Tour lerne ich, den Blick vom sich heranpirschenden Jaguar nicht abzuwenden und schon gar nicht zu rennen (siehe Regel 1).
Irgendwann habe ich ein paar Stöcke mit anderen Stöcken zusammengebunden und sowas wie eine Ablage errichtet. Mühsam mache ich ein Feuer und fluche, sobald es ausgeht. Als ich einen Unterschlupf zum Schlafen und Speichern, ein Trocknungsgestell samt Überdachung sowie eine prächtige Feuerstelle errichtet habe, fühle ich mich wie der König des Dschungels.
Und dann ändert Green Hell die Spielregeln, denn natürlich simuliert das Spiel auch Regen- und Trockenzeit: Gerade als ich halbwegs klarkomme, gibt es kein sauberes Wasser mehr von oben.
Aber ich sage euch: Sich in Green Hell einzuarbeiten, lohnt sich. In meinem aktuellen Endlosspiel habe ich nicht nur meine bisher größte Basis errichtet, sondern ich zwinge dem Urwald meinen Willen auf.
»Typisch deutsch« fälle ich jeden Baum, Strauch und jedes Grasbüschel und verschaffe mir so einen Sichtvorteil. Aber sobald ich mich auf ausgedehnte Erkundungstouren in weiter entfernte Areale der offenen Spielwelt begebe, fährt mir sofort wieder dieses Gefühl der Anspannung in die Glieder und hinter jedem Geräusch könnte der Tod lauern.

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