Vor wenigen Tagen habe ich noch darüber geschrieben, wie sehr ich Piraten als Setting liebe. Dass ich Mittelalter mag, ist inzwischen wohl auch bekannt. Aber es gibt noch ein Setting, in dem ich mich immer wohlfühle: den Wilden Westen! Und ja, ich war als Kind auf zu vielen Fastnachts-Veranstaltungen, aber das nur am Rande.
In jedem Fall bin ich ein großer Freund der (wie so oft) romantisierten Fantasie rund um Cowboys, Revolver, Ureinwohner und Eisenbahnen. Vor allem staubige Siedlerstädte mit hölzernen Häusern und einem zentralen Saloon versprühen auf mich einen ganz eigenen Reiz. Daher war ich auch ziemlich erfreut, als ich das erste Mal von Wild West Pioneers gehört habe!
0:48
Siedeln wie vor 200 Jahren - In Wild West Pioneers erkundet ihr den Wilden Westen
Endlich ein Aufbauspiel im Wilden Westen, in dem ich selbst als Bürgermeister eine solche Siedlung oder Bergbaustadt hochziehen darf, um mit dem Versprechen von einem neuen Leben, Freiheit und viel Gold blauäugige Siedler in den amerikanischen Westen zu locken. Wo dann natürlich nicht alles so rosarot fröhlich zugeht, wie die sich das ausmalen.
Zum Steam Next Fest ist eine kostenlose Demo zu Wild West Pioneers erschienen, auf die ich mich sofort gestürzt habe – nur um dann ähnlich enttäuscht zu werden wie die blauäugigen Siedler.
Der Milde Westen
Zu Beginn von Wild West Pioneers wähle ich mir einen von vier Charakteren, der eine Gruppe an Pionieren in die Wildnis führt und dort ein neues Leben beginnt. Ein beschaulicher Ort namens Dust Creek entsteht, direkt zwischen zwei Flüssen in einem fruchtbaren Land.
Sonderlich wild oder lebensfeindlich wirkt das alles hier erstmal nicht. Wild West Pioneers sieht zwar nicht per se grafisch oll aus, aber doch recht langweilig. Ein Blick auf die grüne Landschaft und auf die ersten paar Gebäude lässt kaum Western-Atmosphäre aufkommen. Der Spielbeginn hätte genauso gut ein Aufbauspiel in Bayern sein können. Alles, was hier anfangs auf den Wilden Westen hindeutet, sind die Charakter-Porträts sowie ihr breiter Südstaaten-Dialekt.
Später lege ich den Grundstein für eine zweite Siedlung in einem eher sandigen, felsigen Gebiet in der Nähe einer Mine – da entsteht direkt deutlich mehr Westernatmosphäre, doch die Demo ist vorbei, sobald es dort richtig losgeht.
Zelte, Häuser und ein Saloon
Rein spielerisch wandelt Wild West Pioneers ebenfalls auf ausgetretenen Pfaden. Schön ist, dass hier rasterlos gebaut wird und ich so ungezwungen Gebäude platzieren kann, wie ich will. Zwar ist die Bedienung in der Demo noch stellenweise überraschend behäbig, so dass etwa die Platzierung von Maisfeldern zur Qual wird, aber das Spiel wird ja auch gerade noch entwickelt – ein gutes Zeichen sind derartige Technikhürden in einer öffentlichen Demo allerdings auch nicht.
Völlig frei kann ich die Wohnzelte, Holzfäller und Jagdhütten jedoch nicht platzieren. Immerhin brauchen sie alle eine Grundversorgung. Das ist bei Wohnzelten Wasser, das vom nahen Fluss kommt oder auch aus unterirdischen Quellen sprudelt. Holzfäller sollten natürlich beim Wald, Jäger in der Nähe von Wildtiervorkommen stehen.
20:01
Die 20 ersten Minuten in der Demo des Aufbauspiels Wild West Pioneers - und ja, das Spiel ist voller KI-generierter Inhalte
Obendrein setzt eine funktionale Versorgung noch Logistikgebäude voraus. Das sind bei den Wohnzelten ein Lebensmittelhändler oder auch der Saloon, bei Betrieben ein Lagerbereich. Der Einflussradius dieser Orte wird von der Anzahl an zugewiesenen Arbeitskräften bestimmt – fühlt sich allerdings immer recht klein an.
Das hat zur Folge, dass die Siedlung relativ unorganisch wächst, wenn man nicht schon weiß, worauf das alles hinausläuft. Entweder reihen sich viele Gebäude eng um einen Fleck, oder ich bau unnötig viele Liefergebäude. Beides sorgt für kein besonders organisches Stadtbild – nach Wildem Westen sieht das alles ebenfalls nicht so richtig aus. Meist einfach nur wild.
Der größte Knackpunkt
Das sind am Ende des Tages alles recht verschmerzbare Schwächen. Wild West Pioneers fühlt sich nicht komplett unspielbar an, aber auch nicht derart außergewöhnlich, wie ich es mir von diesem Setting gewünscht hätte. Das ist kein aufregender Vorstoß in eine neue Welt, sondern Teetrinken bei Oma.
Wirklich nervig sind allerdings die steten Gespräche mit allen möglichen Leuten. Dauert meldet sich in diesem Spiel jemand zu Wort. Mal, weil neue Siedler eintreffen, mal, weil nur für eine Sekunde Nahrungsvorräte fehlen und immer wieder auch, wenn die nächste Story-Quest greift. Die NPCs fallen sich dabei sogar regelrecht ins Wort, so viel gibt es hier immer wieder zu melden.
Auch das wär nicht so schlimm, wenn Wild West Pioneers nicht massiv auf generative KI setzen würde. Alle Charakterbilder, die Musik und sämtlicher gesprochener Text hat kein Mensch hervorgebracht und das merkt man. Die Dialoge sind unfassbar schlecht synchronisiert und klingen wenig überraschend komplett mechanisch. Die Charakterportraits bedienen sich eines typischen KI-Stils, dem es auch noch an Kohärenz mangelt.
Laut Steam soll es sich bei all dem um Platzhalter handeln – aber das ändert nichts daran, dass diese KI-Inhalte das Gesamtbild der Demo nachhaltig schädigen. Oben im Gameplay-Video könnt ihr euch von dem Trauerspiel selbst ein Bild machen.
Alles verloren?
Ich halte die Idee von einem Aufbauspiel im Wilden Westen nach wie vor für eine gute und ich bin auch jetzt noch bereit, Wild West Pioneers mehr Zeit einzuräumen, um dem gerecht zu werden. Potenzial kann man dem Ganzen schon anrechnen, aber ich hätte mir von einem derart ergiebigen Setting bereits in einer früh zugänglichen Demo etwas Neuartiges erhofft.
Selbst wenn der ganze KI-Kram später noch rausfliegt, fühlt sich Wild West Pioneers auf der Gameplay-Ebene uninspiriert an und versprüht schlicht und ergreifend keinen Charme. Das kann sich sicher noch ändern, und ich behalte das alles im Auge – große Hoffnungen auf ein Abenteuer als Cowboy-Bürgermeister mache ich mir aktuell allerdings nicht mehr.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.