»Bist du nicht ein bisschen zu alt für Videospiele?« Diesen Satz haben bestimmt viele von euch auch schon gehört. Auch in meiner Familie und im Freundeskreis kommt es immer wieder zu solchen Aussagen. »Du verschwendest doch nur Zeit« - »Das ist Kinderkram« - »Mach doch mal was Vernünftiges«. Ich habe bereits die ganze Palette durch.
Dass Videospiele genau wie Bücher oder Filme wundervolle Geschichten erzählen und mich ergreifen und inspirieren können, wissen viele außerhalb der Videospiel-Bubble gar nicht. Obwohl mich die Meinung von anderen niemals davon abhalten wird, meinem geliebten Hobby nachzugehen, wünsche ich mir manchmal, dass beispielsweise meine Großeltern verstehen würden, wie viel mir Videospiele bedeuten.
Auch wenn Oma und Opa das hier niemals lesen werden, möchte ich mit euch über vier Spiele reden, die mich stark geprägt haben.
1. Tomb Raider 2
Die wohl schönsten Videospiel-Erinnerungen verbinde ich mit Tomb Raider 2. Mein Papa und ich hatten damals ein besonderes Zu-Bett-Geh-Ritual. Mein 5-jähriges Ich bestand nämlich darauf, dass mein Vater mir unbedingt ein bisschen Lara Croft vorspielen muss, bevor ich einschlafe.
Ich baute mir also eine kuschelige Höhle aus Dutzenden von Kuscheltieren, Decken und Kissen und starrte gebannt auf den Bildschirm, wo mein Papa durch den Dschungel rannte, geheime Schätze aufsammelte und an den Minen im Venedig-Level verzweifelte.
Beim Spielen der Remaster-Version vor ein paar Monaten überkam mich eine riesige Nostalgiewelle. Ich verbinde mit dem Spiel nämlich nicht nur die wundervollen Erinnerungen an gemeinsame Spiel-Sessions mit meinem Papa. Ohne Tomb Raider 2 wäre ich heute ein ganz anderer Mensch.
Tomb Raider 2 war damals das Spiel, das meine Liebe zum Hobby geweckt hat. Es war das erste Spiel, das ich selbst ausprobiert habe. Die meiste Zeit habe ich Puppenhaus in der Croft Mansion gespielt oder bin das erste Gebiet der Chinesischen Mauer abgelaufen – weiter habe ich mich nicht getraut. Aber der Grundstein war gelegt; seither habe ich Videospielen nicht mehr den Rücken gekehrt.
Nicht nur das Spiel, sondern auch Lara Croft hatte viel Einfluss auf Klein-Natalie. Durch die coole, taffe und kluge Heldin entwickelte ich große Begeisterung für andere Kulturen. Ich begann schon früh, mich für Sprachen, Archäologie und unterschiedlichste Mythologien zu interessieren, was mich irgendwann zu meinem Japanologie-Studium gebracht hat. (Um ein Haar wäre das Hauptfach Archäologie geworden.)
Wenn mich jemand nach meinem Lieblingsspiel fragt, antworte ich immer mit Tomb Raider 2. Weil es mich hierher gebracht hat und weil ich für immer wunderschöne Momente damit verbinden werde.
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2. Life is Strange
Für mich ist Life is Strange bei Weitem nicht das beste Story-Spiel da draußen. Aber es war das erste Spiel mit weitreichenden Entscheidungen, das an meinen Bildschirm geklopft und schließlich die vierte Wand durchbrochen hat. Vorsicht, Spoiler!
Die Szene auf dem Dach der Blackwell Academy habe ich komplett verbockt. Mir gelang es nicht, die verzweifelte Kate Marsh davon abzuhalten, zu springen. Weil ich nicht genug aufgepasst habe. Weil ich die falschen Dinge gesagt habe. Weil sie mir davor egal war.
Life is Strange habe ich in meinen frühen Zwanzigern gespielt, als ich selbst mit komplizierten Beziehungen zu kämpfen hatte. Freundesgruppen haben sich aufgelöst, neue Freundschaften fühlten sich oberflächlich an und in meiner damaligen Partnerschaft fühlte ich mich wie in einer Sackgasse. Wut, Frust und Unsicherheiten gewannen oft die Oberhand und kontrollierten mein Verhalten. In meinen schlimmsten Momenten habe ich meinen Mitmenschen wirklich eklige Dinge an den Kopf geworfen.
Und dann kam Life is Strange. Zum ersten Mal fühlte ich mich so richtig ertappt. »Siehst du, was du mit deinen Worten angerichtet hast?«, schien mir das Adventure entgegenzubrüllen. Ich bin nicht über Nacht zu einem perfekten Menschen geworden, aber der kleine Satz »This action will have consequences« hat sich bis in den letzten Winkel meines Hirns eingebrannt.
Life is Strange ist nicht allein dafür verantwortlich, dass ich viel dazugelernt habe – einen großen Teil meines persönlichen Wachstums habe ich den wundervollen Menschen zu verdanken, die mich heute umgeben. Aber die Szene mit Kate war auf jeden Fall der Stein, der meine Selbstreflexion ins Rollen gebracht hat und an die ich mich auch heute noch oft erinnere, wenn ich darüber nachdenke, wie ich meinen Mitmenschen begegne.
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3. Elden Ring
Vor Elden Ring habe ich Soulslikes gemieden wie Katzen das Wasser. Hin und wieder habe ich meine Pfote hineingetunkt, nur um dann frustriert wieder abzuzischen. Auch bei Elden Ring habe ich drei Anläufe gebraucht, bis es endlich Klick machte. Und dann war ich komplett verzaubert.
Ich liebe meinen Job, aber wenn man so viel mit Videospielen zu tun hat, dann geht mir auch hin und wieder ein bisschen die Puste aus. Besonders Open Worlds kann ich nicht mehr sehen. Vor ein paar Jahren wollte kein Spiel meine Aufmerksamkeit so richtig halten.
Elden Ring war die Rettung. Als ich meine ersten zögerlichen Schritte durch die Zwischenlande unternommen habe, war ich wieder fünf Jahre alt und entdeckte die Welt der Videospiele zum ersten Mal. Ich war fasziniert von allem, was mir das Spiel zeigt. Wunderschöne Landschaften, spektakuläre Bosskämpfe, grandios gestaltete Gegner und das alles unterlegt mit einer Gänsehaut-Musik.
Selbst nach Dutzenden von Stunden schaffte es Elden Ring, mich immer und immer wieder zu überraschen. Ein Knopfdruck eröffnete plötzlich eine komplett neue unterirdische Welt, die mir die Kinnlade runterfallen ließ. Der Sieg über einen Boss veränderte die Landschaft und eröffnete mir mehr von der Welt. Jedes Bisschen, das ich aus dem Spiel aufsaugen konnte, schien nur ein Staubkorn in diesem unendlichen Universum zu sein. Und meine Güte habe ich das damals gebraucht.
Die Corona-Jahre waren für uns alle nicht leicht – und ich hatte große Schwierigkeiten, zurück ins »normale« Leben zu finden. In mein dunkelstes Loch bin ich deshalb nicht während, sondern nach der Pandemie gefallen. Es fiel mir extrem schwer, mich selbst für die einfachsten Dinge aufzurappeln. Ich isolierte mich noch mehr, fiel in mich zusammen, konnte kaum noch Begeisterung für etwas aufbringen.
Elden Ring war der perfekte Eskapismus. Das Action-Spiel hat mir nicht nur einen Haufen wundervoller Momente beschert, sondern – so schnulzig das auch klingen mag – meinen Geist gestärkt. Jeder gefallene Boss gab mir einen großen Motivationsschub. Ich habe etwas erreicht, von dem ich immer überzeugt war, es nicht zu können. Jeder Fortschritt fühlte sich nach mehr als nur einem Erfolg im Spiel an. »Ich bin doch viel zu schlecht, das schaff ich nie« wurde zu einem »Ich pack das schon früher oder später! Schritt für Schritt!« ... und das nicht nur im Spiel.
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4. Project Zero
Project Zero war damals mein erstes Horrorspiel, das ich von meinen Eltern zusammen mit einer PlayStation 2 zum zwölften Geburtstag geschenkt bekommen habe. Meine damalige beste Freundin und ich haben uns häufig verabredet, um als japanisches Schulmädchen durch ein Geisterhaus zu schlendern und nur mit einer Kamera gegen fiese Geister zu kämpfen und ihre tragische Hintergrundgeschichte aufzudecken.
Ich war unheimlich fasziniert von diesem Spiel und wollte deshalb unbedingt, dass meine Mama, die sehr gerne liest und Filme/Serien schaut, die Story kennt. Ich erzählte ihr also alles bis ins kleinste Detail. Und das mache ich auch heute noch, wenn mich ein Spiel komplett mitreißt. The Last of Us, Alan Wake, Clair Obscur: Expedition 33 und viele andere Spiele kennt meine Mama aus meinen zusammengekleisterten Erzählungen, ohne auch nur eine Sekunde vom Spiel selbst gesehen zu haben.
Project Zero erinnert mich immer wieder daran, dass ein Videospiel nicht immer eine Moral haben und mir etwas fürs Leben beibringen muss. Es reicht auch einfach, wenn ich unterhalten werde, mich in atmosphärischen Welten verlieren kann, fasziniert werde von Geschichten, Spielmechaniken, visuellen Spielereien der Entwickler. Und diese Freude teile ich gerne, selbst mit Leuten, die nichts mit Videospielen am Hut haben.
Wie sieht es bei euch aus? Welche Spiele haben euch geprägt? Welche Geschichten würdet ihr Leuten erzählen, die euer Hobby hinterfragen oder als kindisch bezeichnen? Lasst es mich sehr gerne in den Kommentaren wissen!
In der Linkbox oben findet ihr weitere Kolumnen von meinen wundervollen Kolleginnen und Kollegen und Spielen, die sie begeistert haben.
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