Minecraft als Rollenspiel: Ich habe es viel zu lange falsch gespielt

Meinung: Minecraft hat Redakteur Fabiano jahrelang genervt. Klötzchen hier, Klötzchen da - doch dann fand er einen ganz eigenen Zugang. Und liebt das Spiel seitdem.

von Fabiano Uslenghi,
20.03.2022 11:23 Uhr

Einigen von euch wird eine unangenehme Wahrheit schon bekannt sein: Die GameStar hat Minecraft verschlafen. Eines der wichtigsten Spiele der letzten zehn Jahre wurde schlicht und ergreifend unterschätzt. Mehr dazu hier:

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Das waren damals aber auch noch ganz andere Zeiten und ich kann sehr gut verstehen, wie einem damaligen Redakteur ein solches Spiel durch die Lappen gehen kann. Denn obwohl ich damals noch nicht hier gearbeitet habe, ist mir genau das selbe passiert: Ich habe Minecraft ignoriert.

Und das sehr bewusst. Als 2009 dieses Phänomen so langsam anfing, Fahrt aufzunehmen und sich auch mein Freundeskreis vermehrt dem Klotzbaukasten zuwandte, lächelte ich nur milde. Sollen die sich doch in ihrer Blockwelt austoben. Ich spiele lieber echte Meilensteine wie Assassin's Creed 2 oder Dragon Age: Origins. So sehen nämlich Spiele aus! Ihr Narren!

Der Autor: Als gewissenhafter Redakteur bei GameStar kann sich Fabiano für ziemlich viele Spielegenres begeistern. Am wohlsten fühlt er sich zwar in Strategie- oder Rollenspielen, aber würde auch nicht auf all die glanzvollen Spiele außerhalb dieser Grenzen verzichten wollen. Um so absurder, dass Fabiano Minecraft viel zu lange verschmäht hat. Für dieses Phänomen konnte er sich nämlich erst vor einigen Jahren vollständig begeistern. Mittlerweile ist er für eine Runde allein oder mit Freunden und Kollegen aber immer zu haben. Nur müssen diese mit der Gewissheit leben, dass er eventuell versehentlich ganze Häuserhälften in die Luft jagt. Ereignis frei erfunden.

Mir hat natürlich niemand zugehört. Warum sollten sie auch? Anders als ich hatten sie ja riesigen Spaß gemeinsam in Minecraft, während ich alleine dabei zusehen musste, wie mein Zwerg mit Morrigan den Beischlaf vollführt ... muss heute noch zittern bei dem Gedanken.

Inzwischen hat sich mein Bild von Minecraft aber gewandelt. Mir hätte einfach auch vorher schon mal jemand erklären sollen, dass ich eine völlig falsche Vorstellung davon hatte!

Du kannst alles bauen, was du willst!

Meine Freunde waren auch nicht dumm, als sie mich zum Spielen überreden wollten. Sie wussten, dass ich Freude an Lego habe. Deshalb hörte ich auch ein paar Mal den Satz: Das ist wie ein Legobaukasten. Du kannst bauen, was du willst!. Blöd nur, dass ich meine Klemmbausteine fast nie so benutzt habe.

Ich war schon immer mehr daran interessiert, penibel nach Anleitung Dinge aus der Popkultur nachzubauen. Deshalb ist das Regal in meinem Kinderzimmer auch voll mit Star-Wars-Raumschiffen und weniger mit aus zufälligen Einzelsteinen bunt zusammen gekleisterten Flugzeugen.

Folglich gab es für mich während der ersten Jahre von Minecraft wenige Argumente, um wirklich damit anzufangen. Das Spiel wurde mir immer wieder auf die selbe Art und Weise angepriesen: Es ist ein Sandkasten! Mach was du willst! Es gibt kein Ziel! Schau mal hier, ein Erzvorkommen! Das war übrigens auch eine der Kernaussagen des Testvideos damals:

Minecraft - Test-Video PLUS-Archiv 5:34 Minecraft - Test-Video

Wollte ich alles nicht hören. Ich weiß, wie engstirnig das klingt und ich hatte damit auch komplett Unrecht. Aber so war ich leider. Ich habe sogar ein paar Mal versucht, dieses Phänomen wirklich auszutesten. Allerdings war ich dabei so sehr von meiner Meinung überzeugt, dass sich die Abneigung eher festigte.

Rumlaufen und Bäume boxen? Ein paar Blöcke aufeinander schichten? Ich hatte darauf nach wenigen Stunden schon keine Lust mehr. Ich probierte es von Jahr zu Jahr immer mal wieder aus, ohne je langfristig daran kleben zu bleiben.

Ist Minecraft in Wahrheit ein Rollenspiel?

Wenig überraschend war es dann YouTube, dass mir Jahre später die Augen öffnete. Minecraft hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr angerührt und bereits in kurzer Zeit kann sich in diesem Spiel eine Menge verändern.

Ich bin mir auch gar nicht mehr sicher, ob es an den konkreten Änderungen lag, aber aus irgendeinem Grund spülte mir YouTube vermehrt Minecraft-Empfehlungen auf die Startseite. Das Faszinierende daran: Die Leute in diesen Videos spielten Minecraft ganz anders, als ich es getan hatte. Sie setzten sich individuellere Ziele, verkörperten von Spiel zu Spiel komplett unterschiedliche Charaktere.

Über die Jahre bekam Minecraft immer neuer Features, die weitere Ziele ermöglicht. Wie wär es zum Beispiel mit einer Schatzsuche unter Wasser? 1:25 Über die Jahre bekam Minecraft immer neuer Features, die weitere Ziele ermöglicht. Wie wär es zum Beispiel mit einer Schatzsuche unter Wasser?

Das hat einen Hebel in meinem Kopf umgelegt. Wer meine Artikel kennt, der wird schon festgestellt haben, wie wichtig mir Rollenspiel ist. Selbst in Spielen, die gar nicht als Rollenspiele gedacht sind. Chivalry 2? Spiele ich wie ein Rollenspiel.

Kurz danach musste ich Minecraft einfach nochmal ausprobieren und war von dem Gedanken befreit, dass es hier nur ums Überleben und Bauen geht. Nein. Stattdessen nahm ich mir vor, was ich davor komplett übersehen hatte: Ich denke mir einen Charakter mit Zielen aus.

Die habe ich dann konsequent verfolgt und dabei noch so viel mehr von dem entdeckt, was ein Rollenspiel auszeichnet.

Wie konnte ich das nicht sehen?

Über mein Ziel damals werden absolute Minecraft-Profis heute nur amüsiert lachen. Denn ich wollte schlicht und ergreifend das beste Schwert im ganzen Spiel schmieden. Aber als jemand, der weitestgehend blind an diese Aufgabe heranging, wirkte das auf mich bereits wie eine Herausforderung.

Letztlich ist es auch komplett egal, welches Ziel mich antrieb. Es hätte auch die Suche nach einem goldenen Eimer sein können. Damit Minecraft seine Wirkung entfaltet, musste ich nur ein Ziel haben. Irgendwas, das nicht daraus bestand, ein Haus zu bauen.

Wenn man solche Bilder sieht, dann kann man nicht anders als zu erkennen, dass Minecraft ein Rollenspiel ist. Wenn man solche Bilder sieht, dann kann man nicht anders als zu erkennen, dass Minecraft ein Rollenspiel ist.

Das Bauen kam dann automatisch hinzu. Immerhin ist Minecraft letztlich so gut entworfen, dass ich für egal welche Suche mein Vorgehen effizienter gestalten muss und so eins zum anderen kommt. Irgendwann fand ich meine schnöde Holzhütte auch nicht mehr ansprechend und wollte einen Turm haben. Man kennt das aus der Realität. Spätestens dann lässt einen dieses Spiel nicht mehr los.

Es ist mir bis heute unbegreiflich, wie ich in seinen Anfängen das Potenzial so leichtfertig übersehen konnte. Zumal der Gedankensprung zum Rollenspiel sehr nahe liegt. Schon in frühen Versionen ging es immerhin darum, Dungeons zu erkunden. Man konnte Waffen schmieden, aufleveln, neue Rezepte freischalten, Monster verhauen. Es ist alles da. Mittlerweile gibt es sogar Dörfer, Händler, Zauberer, Banditen.

All das wurde nur nie hervorgehoben. Stattdessen dachte ich viel zu lange, es geht ums Bauen. Schließlich sind es oft die riesigen Bauprojekte gewesen, die die meiste Aufmerksamkeit generierten. Das Charakterspiel flog mir dabei über den Kopf hinweg.

Die ambitioniertesten Projekte in Minecraft 11:12 Die ambitioniertesten Projekte in Minecraft

Keine Glanzstunde

Es ist mir aufrichtig unangenehm, wie lange ich für diese Erkenntnis gebraucht habe. Aber nach wie vor habe ich das Gefühl, dass der Begriff Rollenspiel in Bezug auf Minecraft sehr selten fällt. Die Leute schauen dann meistens in Richtung anderer Sandkästen wie Terraria. Aber auch Minecraft eignet sich für Rollenspieler. Selbst dann, wenn Charakterspiel gar nicht das ist, was euch reizt.

Stärker werden, besserer Ausrüstung sammeln und lernen, neue Gegner zu bezwingen? Sich vielleicht bis zum Ender Drachen durcharbeiten? Das geht. Minecraft ist ein Sandkasten, ja. Aber dabei vergessen wir viel zu leicht, dass wir nicht nur bestimmen, was wir bauen wollen. Manchmal bestimmen wir sogar, welches Spiel uns eigentlich vorschwebt.

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