Ein Cyberpunk-Shooter mit beeindruckender Unreal-Grafik, der obendrein noch von einem kleinen, unabhängigen Studio aus Deutschland kommt? Das sorgt bei vielen Spielerinnen und Spielern verständlicherweise für Skepsis; spätestens nach (Ent-)Täuschungen wie The Day Before oder Mindseye.
Neo Berlin 2087 konnten wir allerdings schon letztes Jahr anspielen und Entwarnung geben: Die ersten Trailer waren echt und hinter den Kulissen arbeiten die Entwickler tatsächlich hart an einem wahnsinnig ambitionierten Singleplayerspiel. Ihr Traum vom düsteren Berlin der Zukunft war 2024 allerdings noch weit davon entfernt, wahr zu werden. Doch wie sieht es ein Jahr später aus?
Nur ein Indiespiel?
Wir durften bei der gamescom 2025 erneut einen Blick auf Neo Berlin werfen, selbst reinspielen und mit Studiochef Ivan Mirkovikj plaudern. Ihm ist besonders wichtig, eines klarzustellen: Sein kleines Entwicklerteam arbeitet ohne einen großen Publisher und ohne Millionenbudget an Neo Berlin 2087, auch wenn das Spiel dank Unreal Engine 5 manchmal gar nicht so aussieht.
Mirkovikj gerät bei diesem Thema auch ein wenig ins Träumen. Mithilfe eines geeigneten Partners und dessen monetärer Unterstützung könnte sein Team so viel mehr erreichen, was Qualität und Umfang von Neo Berlin angeht. Trotzdem bemühe man sich aber jetzt schon, höchsten Ansprüchen zu genügen und selbst mit einem Team aus nur 20 Entwicklern ein Spiel auf AAA-Niveau zu erschaffen.
Das kostet allerdings viel Zeit und auch 2025 steckt das Spiel noch in der Pre-Alpha, also einer sehr, sehr frühen Entwicklungsversion. Von einem Release kann noch gar keine Rede sein; viele Spielsysteme sind bislang nicht fertiggestellt.
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Ist das Morpheus? Cyberpunk-Shooter Neo Berlin 2087 präsentiert sich als wilde Mischung aus Matrix und Deus Ex
Was ist Neo Berlin 2087 überhaupt?
Aber zurück zum Spiel selbst: In Neo Berlin spielen wir den Ermittler Nolan, der mit Ledermantel, mieser Laune und tragischer Vergangenheit an typische Noir-Detektive wie Rick Deckard aus Blade Runner erinnert. Im Zentrum der Geschichte steht eine große Verschwörung, der Nolan auf der Spur ist. Bei seiner Ermittlungsarbeit trifft er auf Natalie, die Tochter des Polizeichefs, deren Beziehung zu Nolan immer wieder im Fokus steht.
Berlin selbst ist im Jahr 2087 zu einer dystopischen Mega-City geworden. Während außerhalb der gigantischen Stadtmauern ein von Banditen und wildgewordenen Maschinen heimgesuchtes Ödland liegt, leben die meisten Menschen innerhalb in Armut, und eine reiche Elite feiert im Fernsehturm Partys.
Der Turm ist nicht die einzige bekannte Sehenswürdigkeit in Neo Berlin: Wir besuchen auch das Brandenburger Tor und Schloss Sanssouci in Potsdam, das als Ruine mitten im Ödland außerhalb der Stadt liegt. Diese Orte sind aber nicht durch eine gigantische Open World verbunden. Stattdessen setzen die Entwickler auf einzelne, weitgehend lineare Level, die ihr im Laufe der Geschichte erkundet.
Auf der Suche nach einem bestimmten Ziel erkunden wir dann die Gegend, untersuchen Tatorte nach Hinweisen und dringen in gesperrte Gebiete ein. Hier haben wir die Wahl, Gegner zu umgehen, leise auszuschalten oder den Laden einfach mit Waffengewalt zu stürmen.
Je nachdem, wie wir vorgehen und welche Dialogoptionen wir wählen, gibt es unterschiedliche Konsequenzen: Veräppeln wir etwa einen Polizisten an einem Tatort, reagiert der humorlos und verwehrt uns einfach den Zutritt - ups. Damit erinnert Neo Berlin angenehm an Deus Ex: Human Revolution.
Aber es kann auch schlimmer kommen. Je nachdem, wie gewalttätig wir etwa sind, ändert sich damit auch der Ausgang der Geschichte. Es gibt wohl ein System ähnlich in Dishonored: rücksichtslose Mörder bekommen eher das schlechte Ende; wer Gewalt vermeidet, hat eine Chance auf ein positiveres Finale.
Polizeiarbeit in ferner Zukunft
Während Kollege Peter sich letztes Jahr Kämpfe und Schleichen im Detail angesehen hat, stand dieses Mal eine andere Mission im Vordergrund. An einem Tatort angekommen, stehen wir vor einem Rätsel. Jemand hat ein Blutbad unter dem Wachpersonal angerichtet und sich anschließend offenbar selbst erschossen.
Wir sehen uns genau um und sammeln Hinweise auf den Tathergang. Dazu aktivieren wir einen Scanner, der die Hinweise deutlich hervorhebt. Gefundene Gegenstände wie eine Patronenhülse sehen wir uns auch genauer an, um weitere Details zu entdecken, die von Nolan kommentiert werden. Das Ganze bleibt recht anspruchslos, da wir nur die Gegenstände anklicken müssen, das Denken übernimmt der Detektiv für uns.
Detektiv mit zu viel (?) Herz
Um herauszufinden, was wirklich vorgefallen ist, dringt Nolan nach der Inspektion des Tatorts in die letzten Erinnerungen des toten Killers ein. Statt aber eine Filmsequenz zu sehen, spielen wir einfach selbst den Täter, schleichen uns durch die Industrieanlage, knipsen jeder Menge Wachen das Licht aus und legen Bomben.
Wir durchforschen aber auch tieferliegende Erinnerungen und Gefühle, was deutlich technischer präsentiert wird. Wir folgen in einer Art Simulation leuchtenden Strängen, die uns zu Audioaufnahmen und Bildern des Verstorbenen führen und seinen Hintergrund erklären.
Bald stellt sich heraus, dass die Situation komplizierter ist als zuerst angenommen. Durch einen Chip im Gehirn des Täters wurde er von einem unbekannten Auftraggeber gesteuert, der ihn schließlich auch zum Suizid zwang. Der Installation des Chips hatte er außerdem nur zugestimmt, um die Arztrechnungen für seinen schwerkranken Sohn zu bezahlen.
Nolan zeigt sein Verständnis für die Situation, indem er in langen Monologen die Ungerechtigkeit der politischen Verhältnisse lamentiert, die den Mann erst in diese Lage brachten. Das ist nachvollziehbar, müsste aber von ihm nicht noch lang und breit erklärt werden.
Insbesondere, weil Nolan dazu neigt, pathetisch zu werden. Es fallen dann Sätze wie: Ich dachte, ich jage einen Kriminellen. In Wirklichkeit war er ein Vater
. Das ist für unseren Geschmack dann doch etwas zu dick aufgetragen. Immerhin: Mirkovikj zeigte sich im Gespräch der Kritik gegenüber sehr offen. Vielleicht wird also noch an Nolans Pathos geschraubt.
Zwar gibt es noch viel zu tun für die Entwickler von Neo Berlin 2087, doch die Arbeiten gehen laut dem Studiochef gut voran. Einige Level, die wir sehen durften, können, was Beleuchtung und Details angeht, mit modernen Standards mithalten. Auch die Kampf- und Schleichpassagen sind bereits ausgereift, Waffe-Ffeedback und KI-Verhalten sind mindestens solide, Spezialfähigkeiten sorgen für den Coolness-Faktor.
Die Detektiv-Einlagen bieten eine angenehme Abwechslung, wenngleich sie aktuell noch ein wenig zu anspruchslos sind. Jetzt steht das Studio hinter Neo Bwelin 2087 nur noch
vor der Mammutaufgabe, all das zu einem guten Spiel zu kombinieren. Wir drücken die Daumen.
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