Outrage-Overload wegen Metal Gear: Survive - Fehlgeschlagener Kulturaustausch

Alle Welt scheint sich über Metal Gear Survive zu ärgern. Mathias Dietrich findet, dass der eigentliche Grund aber nicht das Spiel ist, sondern Konamis kulturelle Ignoranz.

von Mathias Dietrich,
08.03.2018 11:01 Uhr

Die Diskussionen um Metal Gear Survive sind hitzig. Eigentlich ist es aber ein nettes Spielchen.Die Diskussionen um Metal Gear Survive sind hitzig. Eigentlich ist es aber ein nettes Spielchen.

Metal Gear Survive wurde vor dem Release von den meisten Spielern eher ignoriert. Doch kaum erscheint das Spiel, ist das Geschrei groß: Denn es gibt, Überraschung, Mikrotransaktionen. Das Spiel leidet aber stärker als verdient, und das eigentliche Problem ist Konamis kulturelles Unverständnis, meint Mathias.

»Kaufbare Spielstände in Metal Gear Survive? Das ist ja absolut widerlich!« Das dachte ich jedenfalls, als ich die Nachricht darüber zum ersten Mal las. Doch dann stellte ich schnell fest: Es sind nur Charakterplätze und keine Spielstände. Und außerdem lässt sich diese Problematik ganz simpel umgehen. Trotzdem zeigt diese Situation, wie wenig Verständnis der Publisher für andere Kulturen hat.

Ein Publisher mit Tunnelblick

Dass Konami sich nur für den japanischen Markt interessiert und vom Rest der Welt offenbar wenig Ahnung hat, erfuhr ich im Jahr 2015. Damals kam ich auf einer Japanreise mit einem Mitarbeiter der Firma ins Gespräch. Der erzählte mir unter anderem davon, wie Konami ihre Produkte im Ausland ohne Gedanken über das durchschnittliche Einkommen der Bewohner veröffentlicht. Was in Japan 4.000 Yen kostet, ist in den Philippinen genauso teuer, und hinterher wundert man sich über ausbleibende Absätze. Mittlerweile arbeitet der Mensch nicht mehr bei Konami. Vielleicht wegen dieser Unwissenheit über fremde Kulturen: Für Konami funktioniert der Rest der Welt wie Japan. Und das ist nicht sonderlich lukrativ und Arbeitsplätze sichernd.

Spiele mit Basenbau und Erkundung sind in Japan ziemlich beliebt.Spiele mit Basenbau und Erkundung sind in Japan ziemlich beliebt.

In Fernost sind Spiele mit Basenbau und Erkundung wie im Spin-Off von Metal Gear jedenfalls gerade der heiße … genau! Ein solches Spiel von einem großen Publisher für die neueste Konsolengeneration ist da ein Gottesgeschenk. Der Famitsu gefiel Metal Gear Survive zumindest: 34/40 Punkten vergab das japanische Videospielmagazin. Und auch die (digitalen) Verkaufszahlen sprechen für sich: Während der Releasewoche konnte sich der Titel im Land der aufgehenden Sonne gar häufiger verkaufen als Monster Hunter World. Und das noch schnell am Rande: Auch Lootboxen genießen in Japan einen wesentlich besseren Ruf als bei uns, sie sind dank der zahlreichen Gacha-Automaten (Kaugummi-Automaten mit Sammelfiguren und ähnlichem) und dem generellen Sammelwahn der Japaner schon quasi ein fester Bestandteil der Kultur.

Mathias Dietrich


Der Autor
Mathias Dietrich (28) arbeitet als freier Autor für GameStar und schreibt News sowie Artikel. Außerdem hat er einen Bachelor in Japanologie und nutzt das im Studium erlangte Wissen, um Vergleiche zwischen der westlichen und japanischen Videospielkultur anzustellen. Big Boss hat er erst relativ spät zu PS3-Zeiten kennengelernt, seitdem aber alle größeren Metal-Gear-Teile nachgeholt. Am beeindruckendsten fand er dabei den sehr subtil dargestellten Abstieg von Big Boss zu einem Kriegstreiber.

Im Westen hingegen hätte sich die Firma über ihren aktuell schlechten Ruf (Stichwort: Kojima) und dem von Mikrotransaktionen bewusst sein sollen. Capcom hatte beispielsweise keine Probleme, das für Monster Hunter World zu erkennen und entsprechend zu handeln. In Capcoms rein japanischen Titeln wie Dragon's Dogma Online hingegen nutzt die Firma Monetarisierung von diversen Pässen für mehr XP und Lagerraum bis hin zu Lootboxen mit besonders guten Items.

Den Kauf der Charakterplätze kann man sich sparen. Es gibt Methoden, auch anders an weitere Slots zu kommen.Den Kauf der Charakterplätze kann man sich sparen. Es gibt Methoden, auch anders an weitere Slots zu kommen.

Konamis Metal-Gear-Survive-Nummer mit den Charakterslots gegen Echtgeld lässt sich da nur auf Unwissenheit zurückführen - oder auf Ignoranz gegenüber anderen Ländern. Und dabei ist der Kauf der Charakterplätze nicht einmal nötig: Ein Spiel reicht jedenfalls für eine ganze Familie. Der Slot ist nämlich nicht an einen Key gebunden, sondern an ein Konsolenprofil oder Steam-Account. Bedeutet: Wer zwingend einen weiteren Charakterslot will, kann sich ein neues Profil auf der Konsole anlegen (was dann leider keinen Einfluss auf den Gamerscore des Hauptaccounts hat) oder über Steam Family Sharing spielen.

Ein Spiel wird zum Sündenbock

Dass die meisten Spieler das aber nicht wissen, ist verständlich. Außerdem ist es einfach lästig, den Frust auf Konami kann ich also nachvollziehen. Nüchtern betrachtet sind die Mikrotransaktionen von Survive aber nicht schlimmer als bei Metal Gear Online 2 oder im Multiplayermodus von The Phantom Pain. Denn die nutzen das gleiche System. Auch Konkurrenzfirmen machen hier nicht viel anders: Bei Pokémon muss man beispielsweise für einen zweiten Speicherslot nach wie vor das ganze Spiel neu kaufen und kann nicht einmal auf andere Profile ausweichen.

Der Horde-Modus: nicht sonderlich abwechslungsreich, aber dennoch unterhaltsam.Der Horde-Modus: nicht sonderlich abwechslungsreich, aber dennoch unterhaltsam.

In meinen Augen aber leidet Metal Gear Survive unverdient unter diesem ganzen Aufruhr. Vor allem mit den sehr voreingenommenen Videos bekannter Youtuber tue ich mich da schwer. Die suchen mit der Lupe nach Fehlern und kritisieren dann unter anderem ein Survivalspiel dafür, ein Survivalspiel zu sein, oder regen sich darüber auf, dass Konami nicht dem derzeitigen Battle-Royale-Hype folgt beziehungsweise nichts mehr mit Metal Gear Solid zu tun hat. AngryJoe beispielsweise beschwert sich in einem minutenlangen Sketch darüber, dass man schmutziges Wasser erst mit einer besseren Kochstelle reinigen kann. Das stört ihn, da das Asset der Standard-Kochstelle bereits eine Pfanne grafisch darstellt, mit der man ja das Wasser filtern könnte. Jim Sterling wiederum meint »Survival and Crafting stuff was already a bit passé when it was announced. Now that it's out and everyone is more interested in Battle-Royale-Games, it's just pointless.« Dadurch wollen viele Leute dem Titel schon vornherein keine Chance geben.

Aber Survive ist wie auch Metal Gear Rising nur ein Spin-Off. Und Rising wird nicht für das fehlende Schleichen kritisiert, sondern als ein guter, wenn auch zu kurzer, Actiontitel angesehen. Weiterhin besaß Metal Gear Solid schon in Snake Eater Survivalaspekte, die sich mancher Fan, mich eingeschlossen, bereits für The Phantom Pain zurückgewünscht hatte.

Klar: Metal Gear Survive gibt es nur, weil Konami fix Geld machen wollte. Doch das tut dem Spielspaß keinen Abbruch. Das Ding hat definitiv seine Schwächen, kann aber auch einige Stärken aufbringen. Es ist eines dieser Spiele, die man als »ganz okay« bezeichnen kann, wie auch aus unserem Test hervorgeht. Einen Aufschrei in dem Ausmaß, wie er gerade passiert, rechtfertigt es jedenfalls nicht. Konami sollte dennoch dringend einen Kurs in interkultureller Kommunikation belegen und den Rest der Welt in Zukunft nicht mehr wie den japanischen Markt behandeln.


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