Plague Tale 2 zeigt, wie wichtig echte Fortsetzungen sind

Reboot hier, neue Helden dort: Elena hat genug von Neuanfängen. Deshalb freut sie sich riesig auf A Plague Tale: Requiem, das den Vorgänger Innocence weiterspinnt.

von Elena Schulz,
18.06.2021 11:34 Uhr

A Plague Tale: Requiem war für Elena ein großes Highlight der E3 2021. A Plague Tale: Requiem war für Elena ein großes Highlight der E3 2021.

Der Trailer zu A Plague Tale: Requiem hat mich mitten ins Herz getroffen. Mehr noch als ein Starfield oder Elden Ring. Denn er hat ihnen etwas Entscheidendes voraus: Amicia und Hugo sind keine Fremden.

Requiem ist schließlich eine Fortsetzung und dann auch noch die für mich beste Art: eine, die mich als Fan genau da abholt, wo ich damals den Controller weggelegt habe. Plague Tale 2 spinnt die Geschichte um die beiden Geschwister auf ihrer Flucht durchs rattenverseuchte Mittelalter weiter, statt für eine größere Spielerschaft irgendwo neu anzusetzen.

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Für wen ihr am Ende von Dragon Age 2 Partei ergreift, ist letztlich schnuppe, weil Dragon Age: Inquisition mit einem neuen Charakter in einer noch unbekannten Open World startet - Gastauftritte und Querverweise mal außer Acht gelassen.

Und ein Life is Strange 2 mit anderen Helden wurde zwar kontrovers aufgenommen, erfüllt aber den gleichen Zweck: Die Entwickler müssen sich nicht damit auseinandersetzen, wie ihr euch bei Chloe und Max entschieden habt und sich keine Sorgen machen, dass sie irgendwen daheim vorm Bildschirm nicht abholen, weil das Wissen aus Teil 1 fehlt.

Ein direkter Nachfolger birgt das Risiko, dass viele der Geschichte überhaupt nicht folgen können, aber auch viel Potenzial, weil er eben nicht bei null anfangen muss. Mich stört, wie viele Story-Spiele diese Chance ignorieren, um ja keine neue Kundschaft zu verprellen. Denn die großen Stärken echter Nachfolger sind nicht von der Hand zu weisen.


Die Autorin: Elena (@Ellie_Libelle) liebt Spiele wie The Last of Us oder Mass Effect, obwohl sie es ihr nicht gerade leicht machen. Denn eine tiefe Bindung zu Charakteren bedeutet auch, dass es umso schmerzhafter wird, sie zu verlieren oder ihnen bei falschen Entscheidungen zuzusehen. Aber die Folter ist es am Ende fast immer wert, weil einem genau diese Figuren und Momente noch lange im Gedächtnis bleiben. Und vielleicht bekommt Plague Tale 2 ja wenigstens ein Happy End spendiert.

Vom Großen ins Kleine

Der erste Vorteil ergibt sich rein logisch: Ich kann als Entwickler Ressourcen bei der Geschichte freischaufeln, weil ich nichts mehr etablieren muss. Stattdessen kann ich mich darauf konzentrieren, Figuren und Welt auszubauen oder etwas Neues wagen, das die Spieler überrascht.

Am Anfang des Trailers bekomme ich zum Beispiel eine Gänsehaut. Ich kenne die meterhohen, ekligen Rattenschwärme schon aus dem Vorgänger und weiß, wie eng sie mit dem kleinen Hugo verbunden sind. Jetzt scheinen sie vollkommen außer Kontrolle und offenbar ist das auch noch unsere Schuld. Die große Schwester soll es richten und Amicia tritt ihrem Schicksal erhobenen Hauptes entgegen: »Ich weiß nicht, ob ich es stoppen kann, aber ich liebe meinen Bruder.«

Kennt man A Plague Tale: Innocence, beginnt hier sofort der Gehirnmotor zu rattern: Wurde Hugo von seiner mysteriösen Krankheit übermannt? Verliert Amicia ihn jetzt endgültig oder noch viel tragischer - muss sie ihn vielleicht sogar selbst töten, um die Welt zu retten?

Wird Hugo plötzlich zum (unfreiwilligen) Gegenspieler, wäre das eine verblüffende Wendung, der die Vorgeschichte enorm viel Gewicht verleiht. Entwickler Asobo muss hier nicht erst hingehen und mir nochmal verklickern, wie sehr sich die beiden Geschwister lieben. Das haben sie schon längst getan.

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Charaktere dürfen sich verändern

Die zweite Stärke lässt sich wunderbar am Beispiel Assassin's Creed illustrieren: Eivor aus Assassin's Creed Valhalla begleite ich zwar locker 100 Stunden, er oder sie bleibt aber von Anfang bis Ende der gleiche raubeinige Wikinger. Bei Ezio aus der Trilogie um Teil 2 herum erlebe ich hautnah mit, wie er vom ungestümen Casanova zum erfahrenen Assassinen wird, dem man all seine Opfer und Erfolge bis in die ergrauten Bartspitzen ansieht.

Eine solche Charakterentwicklung ist dank Zeitsprüngen natürlich innerhalb eines Spiels genauso möglich. Mehrere Teile können jedoch deutlich leichter ein ganzes Leben umspannen, aber trotzdem immer wieder die Lupe auspacken und sehr nah an die Figuren heranzoomen. Dragon Age 2 merke ich zum Beispiel an, dass mir das Rollenspiel die gemeinsamen Jahre nur vorgaukelt, die ich angeblich in meinen 40 Spielstunden durchlebt habe.

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A Plague Tale: Innocence war auch deshalb so beliebt, weil es eine sehr finstere Version des Mittelalters auf die Bildschirme der Spieler brachte: Mit Blut, Tod und den Pestratten. Wie atmosphärisch diese ganz besondere Epoche der Menschheitsgeschichte ist und warum sie immer wieder in Spielen als Setting zum Einsatz kommt, erklären wir euch im Plus-Report zum Thema.

Die Amicia aus Plague Tale 2 wirkt auf den ersten Blick viel erwachsener als die 14-Jährige aus Teil 1. Sie hat ihre Steinschleuder durch eine Armbrust ausgetauscht und tritt den tödlichen Ratten ohne Furcht entgegen. Auf der Steam-Seite heißt es dazu bedeutungsschwanger: »Opfere deine Unschuld, um deine Liebe zu retten«. In Innocence litt Amicia sehr darunter, kämpfen und töten zu müssen - Skrupel, die sie nun offenbar abgelegt hat.

Rattenschwärme oder Soldaten versetzen die abgehärtete Amicia wohl nicht länger in Panik. Rattenschwärme oder Soldaten versetzen die abgehärtete Amicia wohl nicht länger in Panik.

Aller Anfang ist schwer

Das Entzerren der Geschichte kommt aber nicht nur den Figuren zugute. Von dieser letzten Stärke profitiert die gesamte Story. Eine unzusammenhängende Fortsetzung kann sich nicht endlos Zeit lassen, um bestimmte Nebenfiguren oder Situationen neu zu einzuführen. Sonst geht der Rhythmus völlig kaputt. Auf der anderen Seite verlieren bestimmte Ereignisse dadurch aber ihre Wucht.

Weil Dragon Age 2 bei seiner Handlung ganz woanders ansetzt, stellt BioWare mir meine Begleiter innerhalb der ersten 30 Minuten vor und entreißt sie mir zum Teil dann sofort wieder im Rahmen einer dramatischen Wendung. Mich lässt das da noch völlig kalt, weil mir die Figuren einfach zu fremd sind, um irgendwas zu empfinden.

Bei einem Plague Tale 2 bin ich von der ersten Sekunde an emotional investiert. Die Entwickler können sich deshalb Zeit lassen und in aller Ruhe ihre Karten sortieren, bevor sie sie ausspielen.

Als Fan freut mich das hier besonders, gerade weil so viele Reihen niemals eine echte Fortsetzung erhalten haben. Welche da das größte Loch ins Herz meiner Kollegen gerissen haben, erfahrt ihr im GameStar Podcast.

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