PS5 & Xbox Series X – Meinung: Warum MediaMarkt, Saturn und Co. nach dem Vorbesteller-Fiasko jetzt in Bringschuld sind

Tausende Fans hatten sich auf eine Konsole zum Release gefreut und wurden im Stich gelassen. Die Gründe bleiben im Dunkeln, aber die Konsequenz sollte für Heiko sonnenklar sein.

von Heiko Klinge,
14.11.2020 07:30 Uhr

Stell dir vor, du gehörst zu den wenigen Glücklichen, die sich bereits zum Release von PS5 und Xbox Series X auf eine neue Konsole freuen dürfen. Stell dir vor, du hast dir dafür seinerzeit extra den Wecker gestellt und im Vorbesteller-Ansturm parallel immer wieder Dutzende überlastete Shop-Seiten abgerufen, bis du endlich endlich, endlich eine Konsole ergattern konntest. Dieses Glücksgefühl beim Eingang der Bestellbestätigung!

Und jetzt stell dir vor, du bekommst nach Monaten der Vorfreude - vielleicht hast du dir sogar extra Urlaub genommen - und wenige Tage vor Konsolen-Release plötzlich eine Mail von deinem Händler mit den Worten:

"Im Zuge der Bearbeitung Ihrer Vorbestellung der Sony PlayStation 5 mussten wir leider feststellen, dass wir Ihnen derzeit aufgrund der sehr hohen Nachfrage bei den Bestellungen nicht zusichern können, Sie mit dem gewünschten Artikel bereits zum Erscheinungsdatum am 19. November 2020 beliefern zu können."

Wie fühlst du dich?

Der Autor

GameStar-Chefredakteur Heiko hat selbst so manches Drama durchlebt, weil er pünktlich zum Vorverkaufsstart der Xbox Series X während eines Alpenausflugs in einem Funkloch landete. Nach viel Gezeter und einer verzweifelten Handy-Empfang-Suche hatte er doch noch Glück und konnte eine Konsole direkt bei Mircosoft ergattern, die mit nur zwei Tagen Verspätung eintraf. Zwei Tage, die sich trotzdem sehr lang anfühlten. Umgekehrt hat er nach einer kräftezehrenden E3 in Los Angeles schon mal auf 300 Dollar und 5-Sterne-Hotel verzichtet, weil er einfach nur so schnell wie möglich nach Hause wollte.

Was ist passiert?

Nach einer uns vorliegenden internen Info an MediaMarkt-Mitarbeiter wurde diese Mail vorsorglich an ALLE Vorbesteller verschickt. Demnach solle aber ein beträchtlicher Teil der Personen, die diese Mail erhalten haben, dennoch ihre PS5 zum Veröffentlichungs-Tag erhalten.

Offensichtlich scheint MediaMarkt aber nicht herausfinden zu können, wer seine Konsole bekommen und wer leer ausgehen wird. Also lieber gleich alle Kunden ins Ungewisse und Unglück stürzen.

Diese Mail hat MediaMarkt vorsorglich an sämtliche Vorbesteller einer PlayStation 5 verschickt. Diese Mail hat MediaMarkt vorsorglich an sämtliche Vorbesteller einer PlayStation 5 verschickt.

Unseren Infos und Leser-Zuschriften zufolge ist das Vorgehen bei Saturn identisch. Und es scheint nicht nur die PS5 und den Versand, sondern zumindest vereinzelt auch die Xbox Series X und die Abholung im Markt zu betreffen. So musste einer unserer Leser trotz Vorbestellungsbestätigung und geleisteter Anzahlung die MediaMarkt-Filiale in Emmendingen mit leeren Händen verlassen, weil angeblich nur drei Series-X-Konsolen geliefert wurden.

Auch der Versand-Gigant Amazon verschickt in diesen Tagen Verzögerungs-Mails, unserem bisherigen Kenntnisstand aber nur vereinzelt und gezielt an Kunden, die tatsächlich betroffen sind. Die erfolgten Amazon-Bestellungen im Kollegenkreis wurden jedenfalls alle erfüllt, und bis dato haben uns hier auch noch keine Beschwerden von Lesern erreicht.

In meinen 20 Jahren als Spiele-Journalist habe ich solch ein Vorbestellungs-Fiasko jedenfalls noch nie erlebt. Vor allem will mir nicht in den Kopf, warum ein derart großes Unternehmen wie der MediaMarktSaturn-Konzern keine präzise Aussagen zum jeweiligen Bestellstatus seiner Kunden treffen kann, sondern stattdessen einfach mal pauschal und vorsichtshalber Tausende anschreibt. Und damit auch Tausende enttäuscht.

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Wie konnte das passieren?

Wir haben selbstverständlich sowohl bei Mediamarkt als auch Saturn nachgehakt, aber als Antwort lediglich das gleiche Statement wie die Kunden bekommen. Die wahren Hintergründe des Vorbesteller-Chaos werden wir sehr wahrscheinlich nie erfahren.

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Weder werden die Konsolenhersteller den Märkten offiziell die Schuld in die Schuhe schieben, noch umgekehrt. Dazu sind sie als Partner nach wie vor zu abhängig voneinander. Aber natürlich kann es viele mehr oder weniger nachvollziehbare Gründe für die Lieferverzögerungen geben:

  • Die Hersteller haben den Händlern mehr Konsolen zugesichert, als sie letztlich liefern konnten. Vielleicht weil es zu Produktions- oder Lieferungs-Engpässen kam - schließlich leben wir gerade in einer weltweiten Pandemie.
  • Die Händler wurden vom Ansturm komplett überrollt, wodurch es zu technischen Problemen kam und Bestellungen nicht richtig abgewickelt werden konnten.
  • Den Händlern lagen zum Vorverkaufsstart lediglich Schätzungen zu ihrem Konsolenkontingent vor, aber keine präzisen Lieferzahlen.
  • Oder meine persönliche Vermutung: Die Händler haben zum Vorverkaufsstart schlicht mehr Bestellungen angenommen, als sie zum damaligen Zeitpunkt wirklich sicher gewährleisten konnten. Etwa weil sie auf Basis des letzten Konsolenstarts davon ausgegangen sind, dass es noch rechtzeitig Nachlieferungen von Sony und Microsoft geben wird.

Das Prinzip der Überbuchung ist in der Wirtschaft grundsätzlich nichts Ungewöhnliches, teils auch nötig, damit Händler oder Dienstleister nicht auf eingegangenen und dann wieder stornierten Buchungen sitzenbleiben. So kalkulieren Airlines etwa immer damit, dass einige Reisende ihren Flug nicht antreten können.

Was muss jetzt passieren?

Dass diese Kalkulation nicht immer aufgeht, weiß jeder, der beim Fliegen oder in einem Hotel schon mal unverhofft ein Upgrade bekommen hat. Manchmal bieten Airlines sogar Geld und/oder Hotelübernachtungen an, wenn Passagiere bei Überbuchungen freiwillig auf die nächste Maschine warten. Auch das klappt beileibe nicht immer und sorgt regelmäßig für Ärger. Aber zumindest werden Kunden gezielt informiert und in der Regel auch gezielt entschädigt.

Und wer jetzt sagt: »Mein Gott, dann warten die halt ein paar Wochen länger auf ihre Konsole.«, der verkennt, um was für Kunden es sich hier handelt. Es sind diejenigen, die unbedingt zu den ersten gehören wollten. Diejenigen, die sich wochenlang auf den 12.11. beziehungsweise den 19.11. gefreut haben. Diejenigen, die gerade traurige, enttäuschte und auch wütende Mails an Journalisten wie uns schreiben und darauf hoffen, dass ihnen irgendjemand Gehör schenkt. Diejenigen, für die ein paar Wochen warten sehr wohl einen gewaltigen Unterschied macht.

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Kollege Peter Bathge hat übrigens eine ganz eigene Meinung zur neuen Konsolengeneration von Microsoft und Sony. In seiner Kolumne erklärt er euch, was der PS5 und Xbox Series X noch fehlt, um sie wirklich auf ein neues technisches Level zu heben. Und für ihn ist der Kauf einer PS5 zum Launch sowieso Wahnsinn - Vorbesteller-Chaos hin oder her.

Diese Kunden haben mehr verdient als ein lapidares »Sorry. Vielleicht.« per Mail. Es sind Kunden, die von ihrem Händler bitter enttäuscht wurden. Kunden, die jetzt zurückgewonnen werden müssen - etwa mit einem Gutschein oder Gratis-Spiel für die neue Konsole. Eines ist sicher: Sie werden garantiert nicht vergessen, wie sich ihr Händler im Fall einer nicht erfolgten oder stark verzögerten Konsolenlieferung verhält. Denn es war nicht irgendeine Online-Bestellung, sondern für sie eine ganz besondere.

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