Shadow of the Tomb Raider - Tu dies, tu das, tu jenes!

Aktuelle Spiele wie Shadow of the Tomb Raider packen ihre Welten voll mit Geheimnissen und Collectibles, damit die Spieler möglichst viel erkunden – lassen sie oft dann aber nicht.

von Elena Schulz,
18.09.2018 19:43 Uhr

Elena stört, dass man auf dem normalen Schwierigkeitsgrad in Shadow of the Tomb Raider mit Hinweisen zugeballert wird. Ist das wirklich "normal"?Elena stört, dass man auf dem normalen Schwierigkeitsgrad in Shadow of the Tomb Raider mit Hinweisen zugeballert wird. Ist das wirklich "normal"?

Das Haus der Crofts sieht aus wie ein Museum. Mit den weit aufgerissenen Kulleraugen der jungen Lara schreite ich durch einen Raum voller alter Schätze und mysteriöser Artefakte. Da sind germanische Pferderüstungen, Totenmasken aus dem Alten Griechenland oder vor sich hin bröckelnde Inka-Reliefe.

Ich kann kaum erwarten, mich im Zimmer umzusehen und jedes dieser kleinen Details aufzusaugen. Immerhin ist auch noch jeder noch so kleine Kommentar und jede Tagebuchseite im Inventar vertont. Ich muss mich also nicht einmal mühsam durch Textwüsten kämpfen, um mich an den Schätzen der Vergangenheit zu erfreuen.

Wäre da nicht ein kleines Problem: Kaum setze ich meinen Survival-Instinkt ein, um mich genauer umzusehen, kommt schon ein vorwurfsvoller Kommentar von Lara: "Ich muss die weiße Königin finden" und anschließend "Ich muss die weiße Königin befreien". Ich weiß, ich weiß, das sagtest du bereits, Lara! Mehrmals.

Man könnte meinen, dass das vielleicht der ungeduldigen Persönlichkeit eines Kindes geschuldet ist. Aber auch als Erwachsene bessert sich Mademoiselle Croft kein Stück: Kaum ist ein Rätsel in der Nähe kommen Sprüche wie "Ich muss einen Weg finden, die Brücke zu überqueren" oder "Ich muss den Eimer mit Wasser füllen" und das mit immer den gleichen Voice-Samples im energischen Sekunden-Abstand. Dabei will ich mich doch nur in Ruhe umsehen, die zahlreichen Crafting-Resourcen sammeln oder Maya-Inschriften inziffern.

Eigentlich gibt es in Shadow of the Tomb Raider viel zu entdecken. Geht es nach den Entwicklern, soll man sich aber offenbar lieber auf die Hauptstory konzentrieren.Eigentlich gibt es in Shadow of the Tomb Raider viel zu entdecken. Geht es nach den Entwicklern, soll man sich aber offenbar lieber auf die Hauptstory konzentrieren.

Elena Schulz
@Ellie_Libelle

Elena hat die Redaktion letztes Jahr verlassen, um Game Art & Animation zu studieren. Nebenbei schreibt sie aber weiterhin als Freiberuflerin für GameStar.de. Zusätzlich ist sie noch auf ihrem eigenen Spiele-Blog The Last Pixel unterwegs, auf dem dieser Artikel ursprünglich erschien.

Die Hinweise sind zwar an den Survival-Instinkt gebunden, den man natürlich nicht einsetzen muss, allerdings macht der es deutlich leichter, Collectibles in der detaillierten Welt zu erkennen. Er ist also quasi für das Erkunden da.

Ich gebe zu, ich stehe auch gern mal auf dem Schlauch, was Rätsel angeht. Tatsächlich ist der ein oder andere Hinweis also sinnvoll für mich - zum Beispiel, wenn ich übersehe, dass man irgendwo einen Seilpfeil hinschießen kann - weshalb ich ungern komplett darauf verzichten möchte. Aber dafür kann man auch einen unabhängigen Hilfe-Modus einbauen oder zumindest nicht immer gleich losflöten, wenn jemand den Instinkt einsetzt - vielleicht geht es ja gar nicht um das aktuelle Rätsel.

Zumindest mir geht es in der Regel so: Gibt es so einen "Detektiv-Modus", egal ob bei Tomb Raider, Batman oder The Witcher, setze ich ihn auch ziemlich häufig ein, weil ich nichts verpassen will. In Shadow of the Tomb Raider bombadiert er mich allerdings mit den immer gleichen Sprachhinweisen und nimmt mir damit gleich die Lust zu erkunden. Oder es schränkt mich zumindest dahingehend ein, dass ich den Survival-Instinkt nicht mehr richtig benutzen kann. Na gut, Lara, dann mach ich das halt - aber dann gib bitte Ruhe!

Man kann zwar fairerweise optische und verbale Hinweise im Rahmen der Rätselschwierigkeit individuell abschalten, trotzdem missfällt mir diese Standardlösung. Schließlich dürften die meisten Spieler erstmal auf "Normal" mit den vorgegebenen Einstellungen loslegen. Normal spielt sich Shadow of the Tomb Raider für mich damit aber nicht.

Schwierigkeit nach Maß: In Shadow of the Tomb Raider könnt ihr alles individuell einstellen

Ja, ich könnte auch einfach die Rätsel auf "schwer" stellen. Dann entgehen mir aber auch sämtliche optische Hinweise, die bei so detaillierten Spielen wie Shadow of the Tomb Raider ziemlich nützlich sind.Ja, ich könnte auch einfach die Rätsel auf "schwer" stellen. Dann entgehen mir aber auch sämtliche optische Hinweise, die bei so detaillierten Spielen wie Shadow of the Tomb Raider ziemlich nützlich sind.

Zeig mir deine Welt!

Für mich sind die ständigen Kommentare beim Spielen wirklich lästig. Sie geben mir einerseits das Gefühl, dass die Entwickler mich nicht ernst nehmen und stören andererseits die Immersion. Shadow of the Tomb Raider ist ein fantastisches Spiel mit einer interessanten Heldin und einer Welt, in der es viel zu entdecken gibt. Weil Lara diesmal selbst eine Katastrophe ausgelöst hat (und sie nicht nur verhindern muss) fühlt sich alles viel persönlicher an.

Man merkt der jungen Archäologin deutlich an, wie nah ihr alles geht. Genauso, wie sie in glücklichen Momenten strahlt, wenn sie irgendein altes Geheimnis entschlüsselt und dabei sogar vergisst, dass sie sich vorher verletzt hat. Sie wirkt weder wie ein weinerliches Püppchen, noch wie eine Roboter-Kriegerin, sondern wie ein leidenschaftlicher Mensch mit Problemen und Fehlern. Das ist super!

Auch bei der Welt haben die Entwickler dazugelernt: Begleiter Jonah kommt so sympathisch und glaubhaft rüber, wie noch keiner der austauschbaren Kameraden der Reboot-Reihe bislang. In der Dschungelwelt schießt außerdem nicht mehr jeder gleich auf mich.

Stattdessen kann ich mich mit den Menschen unterhalten und dabei sogar einstellen, dass jeder in seiner Landessprache mit mir interagiert. Das sorgt für einen ordentlichen Atmosphäre-Boost. Einziges Manko hier ist, dass Lara immer in Englisch antwortet, was irgendwie seltsam wie eine sture Amerikanerin im Urlaub wirkt, die partout keine neue Sprache lernen will.

Ich darf diesmal nicht nur mit Trinity "interagieren", sondern auch mit Einheimischen.Ich darf diesmal nicht nur mit Trinity "interagieren", sondern auch mit Einheimischen.

Aber man muss sich ja zum Glück nicht mit allem in der Welt verständigen. Auch abseits der Zivilisation lebt die Welt. Überall tummeln sich Affen, Capybaras (die man beim Googlen übrigens auch mit "Großes Meerschweinchen-Tier" findet) oder sogar gefährliche Jaguare, die ich in regelmäßigen Mini-Bosskämpfen mit Pfeilen spicken muss. Wahrscheinlich wissen sie insgeheim, dass Lara den Dschungel ja ohnehin nicht wertschätzt, sondern nur den nächsten Questmarker finden will. Mich macht die Situation schließlich auch ein bisschen aggressiv.

Hier könnten die Entwickler ja noch sagen, dass die Welt nur als Kulisse gedacht ist. Vielleicht soll ich mich ja gar nicht aufhalten und sie nur im Vorbeigehen aufsaugen, als wäre ich nur mal schnell für zwei Stunden von meinem Kreuzfahrtschiff gehüpft? Allerdings haben sie sich dann umsonst die Mühe gemacht in jedem Winkel der einzelnen Areale etwas zu verstecken.

Es gibt Crafting-Ressourcen wie Federn oder Blumen oder Kisten mit Material. Ich kann alte Schätze finden, Dokumente, Herausforderungsgräber oder Gruften. Das gesamte Design der offenen Level ist darauf ausgelegt, dass ich mich umsehe, Dinge aufsammle und Nebenaufgaben angehe. Während die Entwickler gleichzeitig alles daran setzen, genau das zu verhindern.

Fairerweise wollen auch die örtlichen Jaguare, dass ich mich nicht allzu gründlich in ihrem Dschungel umsehe.Fairerweise wollen auch die örtlichen Jaguare, dass ich mich nicht allzu gründlich in ihrem Dschungel umsehe.

Shadow of the Tomb Raider im Test: Durch den Weltuntergang zum krönenden Abschluss

Schluss mit Immersionsbrüchen!

In anderen Spielen existiert dafür oft ein NPC, der mich unermüdlich dazu drängt, ich möge doch endlich weitergehen. Emsig wiederholen die Begleiter ihre Sprüche à la "Komm schnell!", "Da lang!", "Uns läuft die Zeit davon", während ich mich als Nathan Drake, Lara Croft oder Held XY eigentlich noch gerne umsehen würde. Und meistens kann ich das eigentlich auch.

Denn in der Regel prangt bei einem Zeitlimit eine riesige Uhr in der Mitte des Bildschirm. Hinzu kommen noch Warnsirenen oder Leuchtsignale, damit ich auch ja nicht vergesse, dass mir die Zeit ausgeht. Oder die Welt stürzt eben rundherum um mich zusammen. Okay, ich habs kapiert, ich soll laufen.

Aber auch ohne Alarm und große Effektshow hält die Hektik meines Begleiters mich vom Erkunden ab. Denn sie macht die Atmosphäre für mich kaputt. Sagt er zum zehnten Mal sein "schnell" auf, besteht kein Zweifel mehr, dass hier wirklich kein Zeitdruck besteht. Sammle ich seelenruhig alles auf und lese Dokumente, während er in Panik verfällt, ist für mich auch die Spannung futsch. Meine Figur fällt komplett aus ihrer Rolle, weil sie etwas nutzt, dass die Entwickler gezielt dort platziert haben.

Eigentlich haben die Entwickler eine tolle Spielwelt gestaltet, in der es haufenweise spannende Details zu entdecken gibt.Eigentlich haben die Entwickler eine tolle Spielwelt gestaltet, in der es haufenweise spannende Details zu entdecken gibt.

Das darf in einem so durchgestylten Spiel, wie man sie heute auf dem Triple-A-Markt findet, eigentlich nicht passieren. Wenn ihr wollt, dass ich mich beeile, dann gestaltet den Abschnitt der Spielwelt so. Macht deutlich, dass es hier nichts gibt und jetzt etwas anderes von mir verlangt wird. Oder reagiert eindeutig darauf: Zum Beispiel, indem Lara stirbt, wenn sie zu viel trödelt oder dem NPC der Geduldsfaden reißt und er abhaut oder mich kurzerhand mitschleift.

Gebt mir dafür an anderer Stelle Bereiche in denen ihr mich ohne Stress erkunden und alle großartigen Details entdecken lasst, die ihr in der Welt versteckt habt. Denn dass diese Detailliebe an sich fantastisch ist, daran besteht für mich kein Zweifel.

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