»Du musst zu dem geilen Auto kommen«, verrät mir Ubisoft, während ich panisch via Handy sturmklingele. Mal wieder typisch GameStar: das Pressebriefing nicht richtig lesen und dann den Eingang ins Stadion nicht finden.
Blöd nur, dass vor der Münchener BMW Park Arena überall geile Autos
herumstehen, also muss ich wie das Klischee-Kind beim Bälleparadies tatsächlich händisch draußen abgeholt werden. Na, der Samstag fängt ja gut an.
Einmal ein Major!
Zu meiner Verteidigung: Ich bin auch halb privat hier, denn hier in der BMW Arena will ich meinem besten Freund Mogan dabei zusehen, wie er sich einen kleinen Lebenstraum verwirklicht.
Über die letzten zehn Jahre hinweg hat er Tausende Stunden lang Rainbow Six: Siege gespielt – aber auch: geschaut auf Twitch und Co. Einen Großteil dieser Zeit haben wir zusammengewohnt und immer wieder hörte ich ihn schwärmen: Einmal ein Invitational Turnier sehen, Dimi, einmal ein Major.
Gigantische Stadien voller Gaming-Fans, die ihr Team dabei anfeuern, mit übermenschlichen Reflexen die gegnerische Stellung von vorne bis hinten in die Luft zu jagen, um an Ende den Pokal zu gewinnen. Leider findet der Großteil aller Rainbow-Six-Meisterschaften weit entfernt statt. In Montreal, Boston oder – noch exotischer – Paris.
Doch an diesem heutigen Samstag Mitte November stehen alle Sterne günstig: Das Rainbow Six Major steigt ausgerechnet in München. Heimvorteil. Mogan hat sich ein Ticket für alle drei Tage gekauft und mir ganz behutsam freigestellt, ob ich ihn begleiten möchte.
Denn: E-Sport interessiert mich eigentlich nicht die Bohne. Aber als Journalist fasziniert mich natürlich, was es mit den Menschen macht – und vielleicht auch mit mir machen kann. Also hat mich Ubisoft dankenswerterweise als Medienmensch akkreditiert, damit ich an der Seite meines besten Freundes in eine neue Welt reisen kann. Und ich kann euch sagen: Die hat es in sich.
Der Auftakt
Normalerweise wird im Münchener BMW Park Basketball gespielt, doch heute merkt man davon absolut nichts. In den Außenfluren des Stadions strömen Hunderte Tachankas, Elas und Fans in Zivil zu ihren Plätzen, demographisch ist von 18- bis 48-jährigen alles dabei. Gaming wird älter, vielfältiger, ich selbst bin mit Mitte 30 ja das beste Beispiel.
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Das große Rainbow Six Major war dieses Jahr in München - und wir haben 60 Sekunden für euch mitgeschnitten
Und auch auf der Bühne selbst ist von einstigen Kellerkind-Klischees nichts mehr übrig. Kameras fahren an Seilen über das Geschehen, die fünfköpfigen Profi-Teams treten mitten im Stadion in abgegrenzten Booths gegeneinander an, während ihre Coaches ihnen ins Ohr brüllen. Der gesamte Boden der Halle ist ein einziger digitaler Bildschirm, auf dem virtuelle Wellen um die Spielernamen herumbranden. Laut Ubisoft steckt dahinter eine Anspielung auf die berühmte Münchener Eisbachwelle, die aktuell ja leider mit Abwesenheit glänzt.
Caster posaunen ihren Kommentar durch die Lautsprecher der Arena, die Zuschauerränge sind zwar nicht zum Bersten voll, aber doch extrem gut besucht. Ich hocke mich direkt zu Mogan irgendwo Mitte Mitte; er ist leicht zu finden, denn seine Augen strahlen wie ein Flutlicht in der Allianz Arena. Allein das finde ich bemerkenswert, denn er war wie die meisten Fans schon gestern hier, von Mittag bis Mitternacht – von Müdigkeit keine Spur.
Dabei sind Profi-Matches in Rainbow Six eher Baseball als Fußball. Will heißen: Sie dauern verflixt lange, manchmal über drei Stunden, weil drei Maps bespielt werden, jeweils als Angreifer und Verteidiger. Aber lang heißt
definitiv nicht langweilig
, denn –mein lieber Scholli – drehen diese Teams auf.
Die Spiele
Insgesamt 16 Teams treten im Major gegeneinander an, Namen wie Faze oder G2 habt ihr vielleicht schon mal gehört, aber welches Team auch immer ihr rauspickt: So ein Gameplay habe ich noch nie gesehen. Perfektes Aiming, übermenschliche Reflexe, Mogan bringt es auf den Punkt: Auf Profilevel ist Rainbow ein anderes Spiel.
Ich habe selbst viele, viele Stunden in Siege gesteckt, aber einem Gegner einen Kopfschuss zu verpassen, während er über mir durch die Öffnung herabspringt ... unmöglich. Oft sehe ich gar nicht, worauf die Spieler schießen. Es sind bloß Pixel in irgendeinem winzigen Spalt, zack, Treffer, zack, Treffer. Operatoren bewegen sich durch die Flure, ohne dass das Fadenkreuz auch nur ein Mikropixelchen vom Fleck wandert.
Dass du perfekt zielen und schießen kannst, ist bloß die Eintrittskarte, wirft Mogan ein. Wo ich mit einem Rainbow-Ballermatz rückstoßbedingt wahrscheinlich Boden, Wände und Decke perforieren würde, wirkt in Profihänden jedes Kaliber wie ein Laser. Das eigentliche Spiel ist strategisch, psychologisch. Den richtigen Angriffswinkel finden, das gegnerische Team im korrekten Moment unter Druck setzen.
Die Profi-Partien beginnen oft extrem langsam, methodisch, kein Schuss fällt, es wird viel ausgespäht, vorbereitet, alle Rollen im Team finden ihre Position. Und dann ist die Runde in Sekunden vorbei, wenn plötzlich Granaten regnen, Gadgets zünden, Verteidigungslinien zusammenbrechen. Das Publikum in der BMW Arena skandiert Fan-Fanfaren, buht, jubelt, manchmal gleichzeitig.
Die mentale Komponente ist für mich fast die faszinierendste: Wie bewahrst du Ruhe, wenn du gerade drei Runden in Folge auf die Nuss bekommen hast, vom Caster als der am niedrigsten bewertete Spieler deines Teams ausgerufen wird, wenn jeder Fehler von dir weltweit übertragen wird.
Zum Glück hören die Spieler via Headset vor allem ihren Coach, aber trotzdem: Ich erlebe Situationen, in denen ein verbleibender Spieler gegen drei oder vier Leute das Blatt wendet. Wie bleibst du cool, wenn von deinen nächsten 15 Sekunden ein Meilenstein abhängt, auf den du vielleicht Monate hingearbeitet hast?
Die Faszination
Mogan und ich haben früher direkt neben einem Discounter gewohnt. Wir kamen dort mit einem Azubi ins Gespräch, Gaming verbindet eben, ebenfalls ein riesiger Rainbow-Six-Fan – und genau dieser Azubi sitzt jetzt zufällig zehn Jahre später neben uns in der Arena. Die beiden geraten natürlich sofort ins Fachsimpeln. Dass Rainbow Six mehr frischen Content braucht. Dass Reworks alleine das Spiel nicht retten werden. Dass Team Secret mit dem einzigen deutschen Spieler verdammt nochmal nicht hätte rausfliegen dürfen.
Und ich höre raus, dass die eigentliche Faszination von Rainbow Six im E-Sport (lustigerweise ähnlich wie beim Baseball) manchmal mehr bei den Spielern als beim Spiel selbst zu finden ist. Mogan erzählt mir zum Beispiel von einem Profi, der auf den sonoren Kampfnamen Fabian
hört. Fabian ist der einzige Spieler der Welt, der drei Rainbow-Six-Invitationals gewonnen hat (also die größten R6-Turniere überhaupt). Einmal für Penta, zweimal für G2.
Nach E-Sport-Maßstäben ist Fabian uralt; wirklich, dass sie diesen Opa mit seinen 31 Jahren überhaupt noch unbetreut auf die Straße lassen – unerhört. Deshalb agiert Fabian schon länger nicht mehr als Spieler, sondern coacht. Und als Coach ging vor Jahren ein Video viral, in dem er sein Team G2 anbrüllte, den Kopf endlich aus dem eigenen Hintern zu ziehen. Und danach gewann G2 tatsächlich den Titel:
Link zum YouTube-Inhalt
Mit diesem Kontext erlebe ich das Match dort unten natürlich ganz anders, wenn ich Fabian in der Booth von M80 dabei beobachte, wie er sein verlierendes Team motiviert. Geschichten wie diese gibt es zuhauf, Mogan agiert quasi als mein Kontext-Souffleur.
Er erzählt mir vom Spieler Shaiiko, der aktuell für das weitgehend französische, aber von Saudis finanzierte Team Falcones antritt, aber vor Jahren in einen Cheat-Skandal verwickelt und für lange Zeit gebannt war.
Jetzt verstehe ich auch, warum viele Zuschauer die Aufschrift 444444
hochhalten – denn die bezieht sich auf das Makro, das er damals angeblich benutzt haben soll. Damals galt Shaiiko als sensationell gut, heute steht er mit 26 natürlich ebenfalls schon mit einem Bein in der Rente.
Auch meine Zeit ist abgelaufen, zumindest für heute. Ich bin noch zum Abendessen verabredet, Mogan bleibt natürlich sitzen, das letzte Spiel des Tages beginnt bald (und es dauert wieder bis nach Mitternacht). Am nächsten Tag holt übrigens Fabian den Titel.
Und obwohl mich jetzt ein einziger Tag nicht plötzlich zum E-Sport-Fan macht, wäre ich gerne noch länger da geblieben, denn es lohnt sich einfach, ab und zu über den eigenen Tellerrand zu schauen. Man findet dort sehr spannende Geschichten; und vielleicht konnte ich euch ja inspirieren, dem auch mal eine Chance geben.

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