Nach 16 Jahren im Verbrenner habe ich für zwei Wochen den radikalen Schnitt gemacht und meinen Skoda Octavia RS gegen den elektrischen Kia EV3 getauscht.
In diesem Teil meiner Artikelserie geht es um eine Frage, die mich vor dem Umstieg intensiv beschäftigt hat: Was passiert mit der Batterie, wenn das Auto mit wenig Restakku im Stau steht und dabei unentwegt die Elektronik läuft?
Viele fürchten, dann im Stau liegenzubleiben. Ich habe während meiner Testfahrt die Verbrauchswerte analysiert – und wurde überrascht. Ja, Heizung und Entertainment-Systeme nagen an der Batterie. Aber meist weniger dramatisch, als viele denken. Vor allem, weil Heizen nicht gleich Heizen ist.
Der Hauptverbraucher: Warum Heizen nicht gleich Heizen ist
Um die Relationen zu verstehen: Wenn das Auto fährt, ist der Antrieb mit 15.000 bis 23.000 Watt (je nach Witterung) der absolute Hauptverbraucher. Im Stand fällt dieser Posten weg.
Was bleibt, ist ein bisschen Bordelektronik für Navigationssystem, Sensoren und Akkupflege sowie die Klimatisierung – und genau hier liegen die größten Unterschiede.
Die Klimaanlage zieht mit Abstand am meisten Strom. Um die gesamte Luft auf 21 Grad zu erwärmen, muss das Auto Schwerstarbeit leisten. Selbst mit einer modernen Wärmepumpe, wie sie der Kia EV3 nutzt, zieht die Klimaanlage beim Aufheizen kurzzeitig gern mal 2.000 bis 3.000 Watt.
Ist die Temperatur einmal erreicht, sinkt der Bedarf deutlich; der genaue Wert hängt aber stark von Außentemperatur, Lüfterstufe und Fahrzeug ab. Bei meiner Testfahrt im kühlen März pendelte sich der Verbrauch bei etwa 500 bis 1.500 Watt ein.
Damit bleibt die Luftheizung im Stand der mit Abstand größte Stromfresser.
Wesentlich sinnvoller: Sitz- und Lenkradheizung. Eine Sitzheizung zieht auf höchster Stufe knapp 100 Watt, die Lenkradheizung rund 50 Watt. Weil die Wärme direkt über Körperkontakt übertragen wird und nicht erst kubikmeterweise kalte Luft erwärmt werden muss, erreicht ihr denselben Wohlfühleffekt mit einem Bruchteil der Energie.
Innenraumheizung ein paar Grad runterdrehen oder je nach Wetterlage ganz ausschalten, dafür Sitz- und Lenkradheizung einschalten – so spart ihr massiv Energie.
Bordelektronik & Netflix: Weniger dramatisch als gedacht
Displays leuchten lassen, YouTube oder Netflix über das Infotainment streamen – das sieht nach echtem »Akkufresser« aus.
Die tatsächliche Bilanz ist im Vergleich zur Heizung deutlich kleiner: Die gesamte Bordelektronik inklusive Display, Steuergeräten, Kamerasensoren und Infotainment-Prozessor verbraucht zusammengerechnet 200 bis 450 Watt. In etwa so viel wie ein Gaming-PC unter Last.
Ob das Display ein Navigationsmenü zeigt oder eine Netflix-Folge streamt, macht im Gesamtverbrauch zwar einen Unterschied, aber keinen dramatischen. Der Mehrverbrauch verschwindet oft im Grundrauschen des Systems.
Beispielrechnung für den Autobahnstau
Rechnen wir das auf das eingangs erwähnte Horrorszenario hoch: langer Stau, kühle Temperaturen, stundenlanger Stillstand und nur noch 10 Prozent im Akku.
Ich setze für Innenraumheizung, Sitzheizung und Infotainment als Beispielrechnung einen Durchschnittsverbrauch von 1.800 Watt an. Der Kia EV3 Long Range bringt eine Batteriekapazität von 81,4 kWh mit.
Lande ich nun mit 10 Prozent Akkustand im Stau, habe ich 4,5 Stunden Puffer, bevor der Akku rechnerisch leer wäre.
- Akkukapazität: 81,4 kWh.
- 10 Prozent davon: 8,14 kWh.
- Verbrauch: 1,8 kW.
- 8,14 / 1,8 = 4,52 Stunden, also rund 4 Stunden 31 Minuten
Ohne Innenraumheizung, dafür mit eingeschalteter Sitz- und Lenkradheizung bei 500 Watt, wären es knapp 16 Stunden 17 Minuten!
Natürlich ist das rein theoretisch, denn komplett leer sollte man auch ein E-Auto nicht fahren. Doch es zeigt: Vorm Stranden braucht man keine Angst zu haben, wenn man die Klimaanlage drosselt.
Und apropos: Auch die Sorge vor zu wenig Ladesäulen ist unbegründet. Apps wie Chargeprice
und Ad-hoc Map
zeigen im Umkreis mehr Lademöglichkeiten, als ich anfangs erwartet habe.
Meine Artikelserie vom Verbrenner zum E-Auto:
- Ich bin nach 16 Jahren umgestiegen und kenne jetzt das größte Hindernis für die E-Mobilität
- Vom Benziner zum E-Auto: Auf diese Dinge will ich nicht mehr verzichten
- Nach 600 km E-Auto: Warum meine Sorgen vor der Reichweite unbegründet waren
Die Angst ist unbegründet
Im Vergleich zu meinem Octavia RS zeigt sich hier ein echter Komfortgewinn. Wenn ich im Verbrenner im Stand heizen will, muss der Motor im Leerlauf laufen: Er vibriert, er lärmt, er verbraucht je nach Situation über einen Liter Sprit pro Stunde.
Im E-Auto ist Stehen still. Die Batterie ist so dimensioniert, dass Displays, Steuergeräte oder Sitzheizung im Grundrauschen verschwinden. Wenn ich während eines Ladestopps eine halbe Stunde Netflix schaue, verlängert das den Ladevorgang zwar etwas, aber in der Praxis meist nur geringfügig.
Die Angst vor leerem Akku durch »Stehen mit eingeschalteter Elektronik« ist damit deutlich kleiner, als viele vermuten.
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