Wer an komplexe Aufbauspiele denkt, landet meist schnell bei den üblichen Verdächtigen wie Rimworld oder Dwarf Fortress. Doch im Schatten dieser Giganten hat sich in den vergangenen Jahren ein Titel herangeschlichen, der in Sachen Umfang und Ambition seinesgleichen sucht. Die Rede ist von Songs of Syx.
Das Spiel des schwedischen Einzelentwicklers Jake de Laval (Gamatron AB) fliegt bei vielen noch unter dem Radar, genießt auf Steam aber mit 95 Prozent positiven Bewertungen bereits jetzt Kultstatus.
Vom Dorf zum Imperium – ohne Ladebalken
Das Grundprinzip von Songs of Syx klingt zunächst nach nichts Besonderem: Ihr startet mit einer Handvoll Ausgestoßener in der Wildnis, hackt Holz, klopft Steine und baut erste Hütten. Doch wo andere Genrevertreter bei ein paar Hundert Bewohnern in die Knie gehen oder den Fokus auf das Einzelschicksal legen, fängt Songs of Syx erst richtig an.
Die Engine des Spiels ist darauf ausgelegt, Zehntausende von Individuen gleichzeitig zu simulieren. Jeder einzelne Bewohner hat dabei einen Namen, Bedürfnisse, einen Tagesablauf und eine Meinung zu eurer Herrschaft.
Wenn ihr also in den späten Spielphasen auf eure Metropole blickt, seht ihr also kein abstraktes Gewusel à la Anno oder SimCity, sondern tausende simulierte Untertanen, die Waren transportieren, in Tavernen trinken oder auf den Feldern schuften.
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Dieser Trailer zeigt, was wirklich passiert, wenn ihr eure Einheiten in Strategiespielen in den Tod schickt
Wenn Elfen nur Leder und Fleisch sind
Eine der größten Stärken des Spiels ist die Dynamik zwischen den verschiedenen Völkern. Eure Stadt ist selten homogen. Stattdessen müsst ihr das Zusammenleben verschiedener Spezies managen, die sich nicht immer grün sind. Unter anderem warten:
- Friedliche Schweine-Menschen, die exzellente Bauern sind, aber im Kampf kaum zu gebrauchen.
- Zähe Zwerge, die den Bergbau lieben, aber oft echte Hitzköpfe sind.
- Insektenwesen, die sich rasant vermehren und keine moralischen Bedenken kennen.
Wie ihr mit diesen Gruppen umgeht, bleibt völlig euch überlassen. Baut ihr eine utopische Multi-Kulti-Gesellschaft, in der jeder nach seiner Fasson glücklich wird? Oder errichtet ihr einen totalitären Überwachungsstaat, in dem unliebsame Minderheiten in die Arenen geschickt werden, um die Laune der Mehrheit zu heben? Das Spiel urteilt nicht über eure Methoden – es simuliert nur die Konsequenzen.
Der bekannte YouTuber SsethTzeentach hat in einem Video demonstriert, wie tief (und makaber) die Simulation in Songs of Syx wirklich greift. Wo ihr in Cities: Skylines seelenlose Autos zählt, berechnet ihr hier den materiellen Wert eines Lebens.
Link zum YouTube-Inhalt
Um die Tiefe der Simulation zu verdeutlichen, hier ein paar Beispiele dessen, was euch in eurer neuen Rolle als Herrscher erwarten kann:
- Ihr lernt schnell, pragmatisch zu denken. Wie Sseth feststellte, ist der materielle Wert eines elfischen Lebens exakt bezifferbar: »62 Fleisch und 17 Leder, wenn man sie wirklich häutet«.
- Eure Stadt kann von Verbrechen heimgesucht werden. Im Video versetzte ein Serienkiller namens »Jake der Unbesiegbare« die Bevölkerung in Angst und Schrecken, indem er den Opfern die Augen entfernte. Nach Folter und Geständnis stellte sich heraus: Der Killer war eine unscheinbare Frau mittleren Alters, die ihre eigenen Artgenossen jagte.
- Wenn die Nahrung knapp wird, zwingt euch das Spiel zu harten Entscheidungen. Ihr könntet etwa, wie im Video demonstriert, eine Insektenrasse züchten, deren Kinder extrem schnell wachsen, nur um sie dann... nun ja, in die Suppenküche zu schicken.
Was Songs of Syx von anderen Koloniesimulationen abhebt, ist die globale Ebene. Sobald eure Stadt steht, könnt ihr den Blick auf die Weltkarte richten. Hier wird das Spiel zur Grand Strategy:
Ihr treibt Handel mit anderen Königreichen, schließt Allianzen oder führt Krieg. Und auch hier klotzt das Spiel, statt zu kleckern. Die Schlachten werden in Echtzeit ausgetragen, mit bis zu 40.000 Einheiten auf dem Feld. Ihr zieht riesige Armeeverbände zusammen, nutzt Terrainvorteile und Moral, um feindliche Invasoren abzuwehren oder selbst zum Eroberer zu werden.
Ein technisches Wunderwerk aus dem Keller
Dass hinter diesem Projekt im Grunde nur ein einziger Entwickler steckt, ist angesichts der Tiefe kaum zu glauben. Der Schwede Jake de Laval arbeitet seit über acht Jahren an seinem Lebenswerk. Die Entscheidung, eine eigene Engine auf Java-Basis zu schreiben, ermöglicht erst die enorme Performance bei diesen Massen an Einheiten.
Auch wenn die Grafik mit ihrem Pixel-Art-Stil zunächst simpel wirkt, erlaubt sie doch eine Detailverliebtheit, die man in 3D-Titeln oft vermisst. Von den dynamischen Wettereffekten bis hin zu den sichtbaren Warenbeständen in euren Lagerhäusern ist die Welt von Songs of Syx organisch und lebendig.
Songs of Syx hat gerade sein nächstes großes Update erhalten und ist deshalb bis Montag kostenlos auf Steam spielbar.
Das Problem: Es ist kein Spiel für zwischendurch. Die Lernkurve ist steil, die Mechaniken sind tief verzahnt. SsethTzeentach fasst es in seinem Video treffend zusammen: Selbst nach 160 Stunden Spielzeit hatte er das Gefühl, immer noch im Tutorial zu stecken und »das eigentliche Spiel« noch gar nicht begonnen zu haben.
Die vier Tage Gratis-Spielzeit auf Steam werden also kaum ausreichen, um ein funktionierendes Imperium zu errichten, das nicht an einer Hungersnot, einem Aufstand der Sklaven oder einer Invasion gigantischer Spinnenwesen zugrunde geht. Aber sie reichen definitiv aus, um zu verstehen, warum dieses Ein-Mann-Projekt von der Community so gefeiert wird.
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