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Seite 2: Tower Defense-Special - Turm und Drang

Eine Aufstellungsfrage

Die Grundfaszination aller Tower-Defense-Titel liegt in der Suche nach der richtigen Turmposition und -Kombination, die einem Puzzle ähnelt. Eine träge Riesenwumme profitiert enorm von einem benachbarten Froststrahl, der anrückende Gegner lähmt. Ein Schockwellen-Turm muss in einer Haarnadelkurve stehen, damit er möglichst viele Angreifer gleichzeitig erwischt. Entscheidend sind auch der Waffentyp und die Reichweite: Wo platzieren Sie weitreichende Artillerie, wo nahkämpferische Flammenwerfer? Wo lohnen sich Geschütze mit Flächenschaden, wo Präzisionskanonen gegen Einzelgegner? Noch dazu lassen sich die Türme in mehreren Stufen aufwerten, um ihren Schaden zu steigern. Neubauten und Upgrades gibt’s freilich nicht umsonst, sondern gegen Geld, dass Sie durch erledigte Gegner verdienen. Diese stets knappen Finanzmittel müssen Sie clever einsetzen. Errichten Sie viele billige Bollwerke oder wenige teure? Investieren Sie in Neubauten oder rüsten Sie bereits vorhandene Türme auf? Fehlentscheidungen können gravierende Folgen haben: Wer sich die teure Flak spart, muss fliegenden Feinden eventuell beim Durchmarsch zugucken.

Aus dieser einfachen Mechanik destillieren Tower-Defense-Titel eine vorbildliche Taktiktiefe und einen enormen Suchtsog. Weil die Feindwellen allmählich stärker werden, mutiert das anfangs gemütliche Gegnerklatschen im Verlauf einer Partie immer mehr zur motivierenden Verzweiflungsschlacht. Und selbst wenn Sie gewinnen, greift das Highscore-Prinzip: Beim nächsten Mal wollen Sie’s noch besser machen, die Türme noch effizienter platzieren, noch mehr Gegner am Durchmarsch hindern. Nicht umsonst verewigen viele Turmbau-Programme ihre fähigsten Bauherrn in Online-Bestenlisten. Kurzum: Tower Defense fesselt, unterhält und erfordert Köpfchen -- mehr kann man ein Strategiespiel kaum loben.

Frustration beim Aufrüsten

Der einzige Kritikpunkt am Turmbau-Prinzip ist dessen großes Frustpotenzial: Für jede richtige Entscheidung gibt es meist einhundert falsche, wer unüberlegt drauflosbaut, kann schneller in die Niederlage schlittern als ein Fußballteam ohne Torwart. Allzu oft müssen Sie auswendig lernen, wann welche Gegner anrücken, um böse Überraschungen zu vermeiden. Doch selbst das lässt sich in positive Motivation ummünzen, auf eine harte Herausforderung folgt schließlich ein umso befriedigenderes Erfolgserlebnis. Das ähnelt der Faszination von Denk- und Puzzlespielen à la Crazy Machines: Man bastelt eben so lange an der richtigen Taktik, bis es endlich funktioniert.

Seine heutige Beliebtheit verdankt Tower Defense vor allem Blizzard. Dem Klassiker Starcraftlegten die Entwickler 1998 einen funktionsgewaltigen Editor bei, mit dem sich auch Karten basteln ließen, deren Spielprinzip vom klassischen Echtzeit-Mix aus Kampf, Basisbau und Rohstoffernte abwich. So entstanden die ersten echten Tower Defense-Maps, die Geburtsstunde des Genres. Denn dessen Grundelemente fanden sich bereits in frühen Karten wieder, in Turret D etwa errichteten Sie Raketentürme entlang einer Zickzack-Straße, um vorbeiflatternde Feinde abzuschießen.

Pionierkarten wie Turret D erwiesen sich als ausgesprochen beliebt und brachten Dutzende Ableger hervor. Tower Defense etablierte sich in der Blizzard-Gemeinde. Folgerichtig schossen auch für das 2002 veröffentlichte Warcraft 3zahlreiche Turmbau-Karten aus dem Fanboden, darunter das beliebte Eislevel Wintermaul TD und die Multiplayer-Map Element TD, auf der bis zu acht Spieler um die Wette verteidigen. Weil die Levelbastler im Warcraft 3-Editor erstmals Grafikmodelle und -effekte verändern konnten, entstand rasch ein Potpourri von Tower Defense-Varianten, darunter sogar eine offizielle Blizzard-Karte.

Erst Warcraft, dann die ganze Welt

Aus der Warcraft 3-Community schwappte die Erfolgswelle schließlich in die Welt hinaus. Ende 2005 erschien Master of Defense, der erste eigenständige Tower Defense-Titel, entwickelt von einem russischen Designerduo. Im Januar 2007 folgte mit Flash Element TD das erste Flash-Browserspiel, das auf der Warcraft 3-Karte Element TD fußte. Binnen einer Woche nach seiner Veröffentlichung lockte Flash Element TD eine Million Spieler an. So begann der Boom, der kommerzielle Erfolge wie Desktop Tower Defense und Plants vs. Zombies ermöglichte. Auch Flash Element TD blieb populär, laut dem Statistik-Dienstleister MochiBot.com wurde es bis heute auf 26.766 Webseiten angeboten und über 185 Millionen Mal gespielt.

Die Grundidee hinter Tower Defense ist indes viel älter als Warcraft 3 oder Starcraft. Schließlich errichteten Sie bereits 1992 im Echtzeit-Urvater Dune 2Abwehrtürme sowie Mauern, um Ihren Stützpunkt zu schützen -- ein Spielelement, das fast alle Echtzeit-Strategiespiele erbten. Allerdings legte nicht Dune 2 den Grundstein für das Turmbau-Genre, sondern das ein Jahr ältere Rampart. In Ataris Verteidigungsschlacht-Simulator bestückten Sie selbstgebaute Burgen mit Kanonen, die Angreifer oder Feindfestungen beschossen. Wer noch tiefer in der Spielehistorie buddelt, stößt auf Bokosuka Wars von 1983. Im japanischen Actionspiel kämpften Sie sich mit einem König inklusive Armee durch die Mauerringe eines Schlosses und umgingen Abwehrtürme -- eine Art umgekehrtes Tower Defense, das fast 28 Jahre lang einzigartig bleib.

Bis im April 2011 Anomaly: Warzone Eartherschien. Der Indie-Strategietitel stellt das Tower Defense-Prinzip ebenfalls auf den Kopf: Mit einem Fahrzeug-Konvoi schlängeln Sie sich durch Straßenschluchten voller Abwehrtürme -- und schießen zurück! Anomaly ist ein Fingerzeig dafür, wie sich das Genre derzeit entwickelt; immer mehr Entwickler versuchen, eigene Ideen einzubringen. Sactum etwa verknüpft Tower Defense und Ego-Shooter: Zuerst errichten Sie Geschütze, dann greifen Sie selbst zur Waffe und ballern auf Angreifer, um die Kanonen zu unterstützen. Auch Two Worlds 2: Castle Defense -- ein Ableger des Rollenspiel -- verfolgt einen originellen Ansatz. Statt Türmen platzieren Sie darin Soldaten, die automatisch Gegner in Reichweite attackieren.

Diese Innovationswut kommt nicht von ungefähr. Die Entwickler suchen nach Alleinstellungsmerkmalen, nach Argumenten dafür, wieso man ihr Spiel kaufen soll, wo’s doch haufenweise kostenlose Flash-Programme gibt. Diese Online-Konkurrenz dürfte auch der Grund dafür sein, dass kein großer Publisher im Turmbau-Geschäft mitmischt. Als einziger halbwegs namhafter Hersteller arbeitet derzeit Paradox (Hearts of Iron 3) am schönen Defenders of Ardania. Dass die Goldgräber-Zeit vorbei und der Markt umkämpft ist, heißt aber nicht, dass Tower Defense keinen Spaß mehr macht. Denn das Spielprinzip ist über jeden Zweifel erhaben. Trotz - oder gerade wegen - seiner lemminghaften Gegner.

Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen einige interessante Tower Defense-Spiele für PC vor.

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