Stell dir vor, du dienst deinem Imperator Hunderte von Jahren lang, um eine trostlose Erde Meter für Meter von mörderischen Horden zurückzuerobern. Du bist loyal, schreckst vor keiner Schlacht zurück, bist immer folgsam. Und als Belohnung bekommst du von deinem Schöpfer eine Kugel in den Hinterkopf.
Kaum ein Ereignis von Warhammer 40k fasziniert mich aktuell so sehr wie der Untergang der Thunder Warriors – eine der größten Schanden der imperialen Geschichte, die Jahrtausende als Geheimnis in den Tiefen der imperialen Archive bewahrt werden musste.
Also erzählt es bitte nicht der Inquisition, denn ich werde jetzt genau dieses Geheimnis mit euch lüften und verraten, warum gerade dieses Massaker so gut auf den Punkt bringt, dass in der düsteren Zukunft von Warhammer 40.000 kein Schwarz und Weiß existiert. Oder zumindest kein Weiß.
Was sind die Einigungskriege?
Ich quäle euch jetzt nicht mit der überkomplexen Historie des Warhammer-Universums, sondern konzentriere mich auf die absolut wesentlichen Eckpunkte. Also: Das aktuelle Warhammer 40.000 spielt wenig überraschend um das Jahr 40.000 herum. Für die Donnerkrieger reisen wir weit, weit zurück in die Vergangenheit; etwa 11.000 Jahre zurück.
Die Menschheit befindet sich im 29. Jahrtausend ihrer Geschichte. Unser Blick richtet sich auf die Erde: Das Imperium existiert noch nicht, stattdessen herrschen alle möglichen kleinen wie großen Warlords über die zersplitterten Völker des gar nicht mehr so blauen Planeten. Die Erde hat sich nach Jahrtausenden nuklearer Kriege in eine postapokalyptische Ödnis verwandelt. Sämtliche Meere sind verdampft, der Planet ist ein karger Felsbrocken. Ich muss wahrscheinlich nicht hinzufügen, dass das Leben auf dieser Erde für die meisten Menschen schlimmer als die Hölle ist.
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Quasi aus dem Nichts tritt der spätere Imperator in Erscheinung, ein gottgleiches Wesen von immenser Größe, Stärke und Intelligenz. Der Imperator tüftelt im Geheimen seit Ewigkeiten an einem Plan: Er will die Erde vereinen, um die Sterne zu erobern und sein galaktisches Imperium gegen das Chaos und Xenos-Völker zu errichten.
Blöd nur, dass die zersplitterte Erde wie gesagt von Warlords beherrscht wird mit gigantischen Armeen aus Techno-Barbaren. Und nein, Techno-Barbaren haben nichts mit dem Berghain zu tun, stellt sie euch einfach als riesige menschliche Orks mit Mad-Max-Rüstung vor.
Also macht der frisch enthüllte Imperator das, was die Menschen in Warhammer 40.000 eigentlich immer machen: Er beginnt einen Krieg.
Auftritt der Thunder Warriors
Diese Einigungskriege dauern schlappe 700 Jahre. Um die Horden von Techno-Barbaren zu besiegen, erschafft der Imperator mit seiner göttlichen Intelligenz eine Armee genetisch modifizierter Menschen, die sogenannten Genos. Diese Genos würden für die nächsten Jahrhunderte den Grundstock der imperialen Armee bilden, emsige Fußsoldaten, die vor allem Masse aufs Parkett bringen.
Und dann gibt es die Thunder Warriors, besonders hochgezüchtete Superkrieger, die Vorlage für die späteren Space Marines. Thunder Warriors sind sogar noch stärker, größer, aggressiver und widerstandsfähiger als ihre Nachfolger. Diese Macht hat jedoch ihren Preis: Weil die Probanden für die Thunder Warriors als Erwachsene »modifiziert« und »umgezüchtet« werden (anders als die Space Marines, die auf menschlichen Teeangern basieren), sind sie instabiler, neigen zu mentalen Zusammenbrüchen und einer geringeren Lebenserwartung.
Die Thunder Warriors sind das menschgewordene Äquivalent einer Panzerfaust. Ihr gewaltiger Zerstörungsgrad macht sie perfekt für die schnelle Rückeroberung der Erde. Doch in ihrer Natur liegt auch der Grund für ihren unausweichlichen Niedergang.
Warum tötet der Imperator seine eigenen Kinder?
Laut offizieller imperialer Geschichtsschreibung starben die letzten Thunder Warriors als heroische Märtyrer im finalen Gefecht der Einigungskriege, der legendären Schlacht am Berg Ararat. Alles daran ist gelogen.
In Wahrheit waren die Thunder Warriors nie dafür konzipiert, der Armee der Menschheit langfristig bei der Eroberung der Sterne zu dienen. Ihr Zweck war immer nur die Einigung Terras. Wegen ihrer instabilen Natur – psychisch wie körperlich – sieht der Imperator in ihnen sogar eine Gefahr für das goldene Zeitalter des Friedens, das jetzt auf der Erde einkehren sollten. Anders als die späteren Space Marines eignen sie sich die Donnerkrieger schlicht für keine andere Rolle als die der Front-Dampframme.
Also sendet der Imperator seine ebenfalls genetisch hochgezüchtete Leibwache, die Custodes, die einzigen Krieger, die es mit den Thunder Warriors aufnehmen können. Die Custodes machen kurzen Prozess mit den Donnerkriegern und schlachten einen nach dem anderen ab, bis von der einstigen Elite des Imperiums nahezu nichts verbleibt.
Gab es überlebende Thunder Warriors? Vereinzelt überlebten Donnerkrieger die Massaker der Custodes, die meisten verstarben wegen ihrer geringen Lebenserwartung in den Jahren danach. Die wohl größte Ausnahme ist Arik Taranis, einer der ersten und mächtigsten Thunder Warriors überhaupt, der sich nach dem Untergang seiner Truppe im Untergrund als Verbrecherlord ein neues Leben aufbaute und während der späteren Horus-Häresie sogar die mächtige Gensaat eines Space Marines in die Finger bekam, mit der er sein eigenes Leben massiv verlängern konnte. Was aus ihm wurde, ist jedoch nicht bekannt.
Warum sind die Thunder Warriors so faszinierend?
Das Imperium der Menschheit in Warhammer 40k ist durchzogen von einer Art utilitaristischem Determinismus. Der Imperator rechtfertigt jede seiner Gräueltat damit, dass er unter allen möglichen Zukünften der Menschheit diesen einen goldenen Pfad vorhergesehen hat, an dessen Ende auf uns nicht der Untergang wartet. Und dieser Pfad erfordert schreckliche Opfer, weil sie am Ende dem großen Ziel dienen.
Nach dieser Logik kann der Imperator auf der einen Seite goldener Wegbereiter eines ultimativen Zeitalters der Aufklärung sein und zeitgleich Krieg und Verderbnis verbreiten. Ja, am Ende des Regenbogens erwartet uns Freiheit und Wohlstand, aber wer vorher diese Freiheit entgegen der Doktrin des Imperiums auskosten will, muss eben damit rechnen, dass ihn oder sie ein Panzer der imperialen Garde überrollt.
Das Schicksal der Thunder Warriors ist ein perfektes Beispiel für dieses Spannungsfeld aus »Eigentlich will ich das Gute« und »Willst du dir ein Omelett backen, musst du vorher Eier knacken«. Sowohl ihr Sieg im Krieg wie auch ihr letztlicher Untergang sind Schlüssel für den Erfolg der Menschheit, denn nach dem Ende der Einigungskriege beginnt für das junge Imperium der »große Kreuzzug« zur Eroberung des Weltalls. Im Untergang der Thunder Warriors entfaltet sich eine unheimlich faszinierende Tragik. Sehr zu ihrem Leidwesen.
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