Im Rahmen eines Livestreams präsentierte Games Workshop am vergangenen Freitag die neuesten Modelle für die Adeptus Custodes, die Leibwache des Imperators. Neben den bekannten Designs fielen vor allem die neuen Gussrahmen auf, die nun offiziell weibliche Köpfe und Varianten enthalten.
Während weibliche Custodes bereits seit 2024 in Romanen und der Animationsserie »The Tithes« im offiziellen Kanon existieren, gibt's nun ihr Debüt auf dem Spieltisch. Doch wer hätte es gedacht – die Ankündigung reichte bereits aus, um in sozialen Medien, auf YouTube und Reddit erneut Grundsatzdiskussionen zu entfachen.
Der Unterschied zwischen Astartes und Custodes
Ein Großteil der Kritik beruht auf der Annahme vieler Fans, dass die Regeln der Space Marines auch für die Custodes gelten müssten. Games Workshop widerspricht dieser These in der aktuellen Stellungnahme jedoch vehement. In der Welt von Warhammer 40.000 gibt es keine weiblichen Space Marines (Adeptus Astartes), und daran wird sich auch nichts ändern.
Games Workshop erklärt das so: Space Marines werden aus menschlichen, männlichen Anwärtern rekrutiert, die sich meist an der Schwelle zur Adoleszenz befinden. Durch industrielle Rituale, Hormonbehandlungen und Implantate werden sie zu »lebenden Waffen« des Imperiums geformt. Dieser Prozess ist auf die männliche Physiologie abgestimmt.
Die Adeptus Custodes hingegen sind laut Games Workshop zwar auch hünenhafte, genmodifizierte Kampfmaschinen, aber eben »keine Space Marines«. Während Astartes/Space Marines als Soldaten in Massenproduktion gefertigt werden, ist jeder Custodes ein individuelles, handgefertigtes Meisterwerk. Sie werden bereits im Säuglingsalter rekrutiert und durch arkane Wissenschaft und Alchemie auf zellularer Ebene neu konstruiert.
Da dieser Prozess für jedes Individuum maßgeschneidert ist, spielt das biologische Geschlecht des Säuglings keine Rolle für das Endergebnis. Ein weiblicher Custodes besitzt demnach exakt dieselbe Kampfkraft und physische Überlegenheit wie ein männlicher Custodes.
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Der Vorwurf des Lore-Bruchs
Viele Kritiker beziehen sich auf den Kodex der 8. Edition von Warhammer 40.000: Dort wurde beschrieben, dass Custodes aus den »Söhnen der adligen Häuser Terras« rekrutiert werden. Games Workshop geht auf diesen Punkt ein und ordnet ihn als Teil der unzuverlässigen Geschichtsschreibung des Settings ein.
Zwar stammen viele Rekruten tatsächlich aus dem Adel, doch das Imperium benötigt einen konstanten Zufluss an neuen Kandidaten:
Einige von ihnen sind es, ja. Der Imperator setzt stark auf Symbolik und Autorität – also wurden aus jenen vor der Einigung herrschenden, patriarchal geprägten Häusern, die ihre Reiche an den erstgeborenen Sohn vererbten, genau diese Söhne geholt und zu Wächtern des Imperators neu geformt. Und das gilt auch weiterhin.
Aber das war eben nicht die einzige Rekrutierungsquelle. Andere Wege dürften genauso offen und demonstrativ gewesen sein – oder deutlich heimlicher. Auch adelige Töchter könnten geholt worden sein. Und irgendwann gehen selbst dem Imperator die Adelshäuser aus – selbst nachdem ganz Terra unterworfen ist. Denn die unaufhaltsame Kriegsmaschine des Imperiums braucht nun mal ständig Nachschub an Rekruten.
Dass diese Informationen früher nicht explizit genannt wurden, schreibt Games Workshop der Natur des Warhammer-Settings zu.
Das Universum wird oft aus der Perspektive unzuverlässiger Erzähler, Propagandisten oder unwissender Gelehrter beschrieben. Lücken im Wissen oder widersprüchliche Berichte sind ein gewolltes Stilmittel, um das »Grimdark«-Szenario eines zerfallenden, bürokratischen Mega-Regimes zu unterstreichen.
Ein langer Weg zur Miniatur
Wie eingangs erwähnt, sind die weiblichen Custodes keine spontane Entscheidung der letzten Woche. Bereits im April 2024 tauchte mit Calladayce Taurovalia Kesh erstmals eine Custodes-Wächterin im offiziellen Kodex auf. Im September desselben Jahres folgte mit Tyrith Shiva Kyrus eine Protagonistin in der Warhammer+-Animationsserie »The Tithes«, die an der Seite einer Sister of Silence kämpfte.
Damals kommentierte Games Workshop die Überraschung vieler Fans mit dem Hinweis, dass viele Dinge im Universum existieren, ohne zuvor explizit erwähnt worden zu sein. Die Macher betonten, dass diese »Lücken« in der Lore absichtlich gelassen werden, um Spielern Raum für eigene Geschichten zu ermöglichen – und dem Studio, Fraktionen auch nach Jahrzehnten noch mit neuen Modellen frisch zu halten.
Die Community bleibt gespalten
Die Reaktionen auf die neuen Modelle und die Erklärung fallen gemischt aus. Zwar gibt es viele Fans, die sich über die neuen Minis freuen, doch haufenweise zynische Kommentare unter dem Trailer zu den neuen Miniaturen sehen darin, grob gesagt, ein Einknicken vor einem »modernen Publikum«.
Die Kommentarspalte gleicht dabei einem digitalen Schlachtfeld, auf dem der Exterminatus ausgerufen wurde. Wenn Frauen Custodes sein können, so die wilde Logik einiger User, dann stünden als Nächstes wohl vegane Tyraniden oder pazifistische Orks auf dem Plan. Während die Dislike-Zahlen von Kritikern wie Trophäen im Kampf gegen eine vermeintliche »Agenda« hochgehalten werden, kündigen andere theatralisch den kompletten Boykott an.
Historisch betrachtet ist das Thema bei Games Workshop aber gar nicht neu: Alan Merret, ehemaliger Leiter der IP-Abteilung, bestätigte auf Facebook, dass es in den späten 80er-Jahren schlichtweg an den schlechten Verkaufszahlen lag, warum keine weiblichen Space-Marine-Modelle mehr produziert wurden, nicht an einer unveränderlichen Lore-Vorschrift.
Mit den Sisters of Battle und den Sisters of Silence existieren zudem seit Jahrzehnten reine Frauen-Fraktionen, die nun durch die gemischten Ränge der Custodes ergänzt werden.
Fakt ist: Die weiblichen Custodes sind nun fester Bestandteil des Tabletop-Spiels, und die Lore wurde entsprechend zementiert. Ob dies die Kritiker langfristig verstummen lässt, bleibt angesichts der Leidenschaft, mit der im Internet wegen allem und jedem ein Kulturkampf ausgerufen wird, jedoch fraglich.
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