Dragon Age 2 ist 2021 viel besser als sein Ruf

Dragon Age 2 gilt als der unbeliebte kleine Bruder des Rollenspiel-Meilensteins Dragon Age Origins. 2021 überzeugen seine Qualitäten aber mehr denn je, findet Elena.

von Elena Schulz,
19.06.2021 07:06 Uhr

Dragon Age 2 spielt sich 2021 überraschend gut. Dragon Age 2 spielt sich 2021 überraschend gut.

Jetzt stellt euch mal vor, ihr habt nach einer richtig anstrengenden Arbeitswoche zwei Wochen Urlaub. Das Wetter zickt rum, also bleibt ihr daheim. Welches Spiel installiert ihr euch? Doch sicher nicht das von allen als mittelmäßig verschriene, inzwischen zehn Jahre alte Dragon Age 2?

Ja, genau dafür habe ich gerade meinen Urlaub »geopfert« - und meine Güte, hatte ich einen Spaß! Denn der Nachfolger zu Dragon Age Origins spielt sich 2021 viel besser, als so mancher Rollenspiel-Fan vermuten würde.


Die Autorin: Elena (@Ellie_Libelle) hat keine Scheu davor, verpasste Klassiker nachzuholen und entdeckt so 2021 ihre Begeisterung für alte Spiele: Genauso wie World of Warcraft auch 2021 noch ein großer Zeitfresser ist, ist zum Beispiel Gothic 1 für sie immer noch eine Open-World-Perle, weil man sich ohne Mini-Map und zig Erklärungen oder Hilfestellungen perfekt in der Spielwelt zurechtfindet. Auch knackig kurze Rollenspiele wie Dragon Age 2 würde sie heute gerne öfter sehen.

Trotz Schwächen ein Rollenspiel-Tipp

Hände weg von der Tastatur und dorthin, wo ich sie sehen kann! Ich weiß, was viele jetzt entgegnen wollen und ihr habt recht. Qunari hier, Banditen dort, Kirkwall, soweit das Auge reicht. Die Story von Dragon Age 2 fällt deutlich kürzer aus und kommt trotzdem ewig nicht in die Gänge. Obendrein lädt der einzige Stadtschauplatz samt Umland mit den ständig gleichen graubraunen Gassen zum Verlaufen ein.

An vielen Stellen fühlt sich das Rollenspiel im Vergleich zum meisterlichen Vorgänger Origins regelrecht gehetzt an. Ich begebe mich nicht allein auf eine abenteuerliche Entdeckungsreise in eine unbekannte Welt, sondern werde wie bei Touristen-Rundfahrt schnurstracks von A nach B gelotst. Foto gemacht? Toll, einsteigen, in fünf Minuten geht's zur nächsten Station.

Deshalb löst euch mal im Kopf vom Reisetagebuch aus Teil 1. Ja, Dragon Age 2 war damals eine enttäuschende Fortsetzung, weil man nach Origins etwas ganz anderes und so viel mehr erwartet hatte - zurecht! Aber zehn Jahre später konnten wir uns bereits mit Dragon Age Inquisition trösten und auch der vierte Teil steht vor der Tür.

Zeit, den zweiten Teil mal losgelöst für sich zu betrachten. Denn seine Stärken stechen heute mehr denn je aus der Rollenspiel-Landschaft hervor.

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1. Stärke: Ich werde nicht mit Aufgaben überhäuft

Die scheinbare Schwäche ist für mich gleichzeitig die größte Stärke. Denn wenn meine Reiseroute in einem klaren Rahmen festgesteckt ist, fühle ich mich nie verloren. Ich muss nicht aufpassen, mich zu verlaufen oder zu verzetteln, sondern kann mich völlig sorgenfrei treiben lassen.

Das vermisse ich oft in modernen Rollenspielen, die mich von Schauplatz zu Schauplatz jagen und mir an jeder Ecke digitale Merkzettel für Aufgaben in die Hand drücken. Ich habe so eine Panik, etwas zu vergessen oder gar komplett zu verpassen, dass ich mich zwingen muss, nicht ständig auf Guides zu schielen.

Dragon Age 2 ist angenehm anders. Ich habe das Questlog völlig ignoriert und bin einfach von Viertel zu Viertel geschlendert, habe meine Freunde besucht und ihnen vielleicht bei etwas geholfen, bin bei einem Händler stehen geblieben oder in einen Überfall geraten, der die Hauptgeschichte vorantrieb. So hat sich der zweite Teil nie nach Arbeit angefühlt.

Hand in Hand damit geht die Spielzeit: Selbst mit DLCs und entspanntem Erkunden komme ich hier gerade mal auf 40 Stunden, ohne wären es wahrscheinlich sogar nur 30. Das gelingt nur, weil BioWare wirklich alles Unwichtige weglässt und sich ganz auf Geschichte und Figuren konzentriert.

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2. Stärke: Die Story ist immer noch fantastisch

Und genau für die lohnt es sich absolut, Dragon Age 2 2021 nochmal eine Chance zu geben. Während viele Rollenspiele ein großes Weltenretter-Epos auf die heimischen Bildschirme projizieren, fühlt sich der zweite Teil ungewöhnlich intim an.

Selbst ein Dragon Age Origins stimmte zwar stellenweise sehr dunkle Töne an, blieb im Kern aber eine klassische Fantasy-Geschichte um einen auserwählten Helden. Dragon Age 2 rückt hingegen eine Familie in den Fokus und erzählt vom Aufstieg der Hawkes, deren Schicksal letztlich auch das von Kirkwall bestimmt.

Dragon Age 2 muss nie das große Ganze abbilden und kann immer ganz nah an seinen Figuren bleiben. Dadurch wachsen die mir umso schneller ans Herz: Ich finde im draufgängerischen Zwerg Varric einen guten Kumpel, mit dem man Pferde stehlen kann, ärgere mich aufrichtig über das Verhalten der zwielichtigen Piratendame Isabela oder bin hin und hergerissen zwischen meiner Beziehung zum Magier Anders und der Sorge über seinen langsam überkochenden Hass auf die Templer.

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3. Stärke: Die Inszenierung reißt mich mit

Für meine Beziehung zu den Charakteren ist nicht zuletzt auch die Inszenierung entscheidend. Bioware-Figuren leben von kleinen Kabbeleien am Wegesrand, bewegenden Dialogen und wirkungsvollen Zwischensequenzen. Die profitieren nicht nur davon, dass meine Heldin Hawke endlich vertont daran teilnimmt.

2021 gibt es haufenweise schickere Animationen in Spielen zu sehen - gerade bei Gesichtern. Und auch den Texturen und Details bei Umgebung und Kleidung merkt man an, dass das Grafikgewand schon länger im Schrank einstaubt.

Aber die Art, wie die Charaktere miteinander interagieren und wie viel Liebe in Gesichtsausdrücke und Gesten geflossen ist, überzeugt auch 2021 noch. Wo ein Eivor aus Assassin's Creed Valhalla meist deutlich hübscher teilnahmslos vor sich hin starrt, runzelt meine Hawke die Stirn oder reißt erschrocken die Augen auf. Und wenn meine Magier Anders und Merril ein wuchtiges Effektgewitter an Blitzen und Feuersalven auf meine Feinde loslassen, fühlt sich das auch heute noch herrlich mächtig an.

Auch wenn die Animationen etwas in die Jahre gekommen sind, bleiben die Gesichter ausdrucksstark. Auch wenn die Animationen etwas in die Jahre gekommen sind, bleiben die Gesichter ausdrucksstark.

Origins wird für immer mein liebstes Dragon Age bleiben, aber gerade 2021 habe ich das kompakte Dragon Age 2 zwischen so vielen gewaltigen Open-World-Spielen richtig genossen. Und ich bin überzeugt davon, dass mehr Spiele den Mut brauchen, etwas wegzulassen und sich ganz auf ihre Stärken zu konzentrieren.

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