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Wie ich mich in einen Zug verliebt habe

Unser Autor kann zuerst nicht glauben, wie viel Aufwand Train Sim World 2 betreibt, um öde Zugfahrten zu simulieren. Doch dann versteht er, warum.

von Jan Bojaryn,
06.10.2021 05:00 Uhr

Was bringt Menschen dazu, Zugsimulationenam PC zu spielen? Unser Autor macht den Selbstversuch - und hat sich in eine Lok verliebt. Was bringt Menschen dazu, Zugsimulationenam PC zu spielen? Unser Autor macht den Selbstversuch - und hat sich in eine Lok verliebt.

Mit einer frischen Installation starte ich in die Welt der simulierten Züge. Aufregend, orchestral schallt mir Musik entgegen, Züge erscheinen auf dem Bild, und es klingt, als würde gleich etwas Großes passieren: Das Logo des Entwicklers erscheint. Ich soll einen Benutzer anlegen und lese nach erfolgreicher Anmeldung: „Überprüfen Sie ihr Konto innerhalb von 12 hours“. Kein gutes Omen.

Das habe ich davon, dass ich einen Zugsimulator spiele. An der Vorstellung reizt mich nichts. Ich glaube zwar nicht, dass Spiele pausenlos Spaß machen müssten; dafür mag ich altmodische Grafikadventures, obskure Walking Sims und Elite: Dangerous zu sehr.

Allerdings sind vorbeirauschende Vororte für mich nicht so verheißungsvoll wie die Milchstraße. Kein Bahnhof dieser Welt rotiert so majestätisch wie eine Orbis-Station im gleißenden Sternenlicht. Wahrscheinlich ist das Geschmackssache. Aber warum sollen wir uns in Spielen mit hochdetaillierten Darstellungen einer deprimierenden Wirklichkeit zufriedengeben? Wir können träumen. Und ich träume lieber von meinem kauzigen Type-7 Transporter in Elite, als von einem Pendlerzug.

Entwickler Dovetail Games hat allerdings die Lücke in meiner Verteidigung gefunden: Mit der Erweiterung Nahverkehr Dresden landet die Zugstrecke Dresden-Riesa in Train Sim World 2. An Dresden hänge ich! Ich bin extra hergezogen. Für mich als Kind des Ruhrgebiets sieht meine Wohngegend immer noch aus wie eine Mischung aus Filmkulisse und Urlaubsort. Dresden ist schön, sogar mein Bahnhof Dresden-Neustadt gefällt mir. Da gibt es hohe Decken und altmodische Leuchtschrift. In meiner Erinnerung gab es am S-Bahnhof Essen-West vor allem Gestank und Beton.

Riesa nehme ich in der Ankündigung nur am Rand wahr. Ist Riesa bekannt? Ich bin da unsicher. Ich kenne die Sportstadt Riesa erst, seit ich vor Jahrzehnten in die Gegend gezogen bin. Riesa erscheint vor dem Fenster, wenn ich im Regionalexpress von Dresden nach Leipzig sitze. Im Zug passiert dabei wenig. Pendler steigen aus und ein; sie unterscheiden sich nicht groß von den Menschen in Leipzig oder Dresden.

Nichts für ungut, liebe Riesaer, aber ich steige wegen Dresden ein. Wenn Train Sim World 2: Rush Hour plötzlich Werbung damit macht, dass hier der authentische Regionalzug vom Bahnhof um die Ecke losfährt und ich darf steuern, ich darf vorn rausschauen, dann reizt mich das doch. Zumindest am Bahnhof will ich herumlungern! Einmal aus Dresden rausfahren, über das Land rauschen und wieder umdrehen! Ob der Neustädter Bahnhof wohl authentisch aussieht? Der ist von meinem Schreibtisch aus zehn Minuten zu Fuß entfernt. Wenn der englische Entwickler Dovetail Games schummelt, würde ich das sofort bemerken.

Bahnsteig Aus der Nähe kann die Grafik von Train Sim World 2 nicht mit modernen Spielen mithalten.

Szenerie Nicht unbedingt schön, aber so sieht der Bahnhof Dresden Mitte wirklich aus. Auch die Kuppel der Yenidze im Hintergrund stimmt.

Führerstand Der Führerstand der BR 143 macht keine Mätzchen. Geschwindigkeitsregler und Bremsen sind ergonomisch platziert.

Schichtbeginn Der Sonnenaufgang kurz vor Priestewitz ist das Sahnehäubchen auf der Pendelstrecke Dresden – Riesa.

Der Autor
Schon als Kind wollte Jan Bojaryn nicht mit Zügen spielen, sondern Abenteuer mit Stofftieren erleben. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Er schraubt nicht gern herum, fährt kein Auto und hat ein gewisses Misstrauen gegenüber technischen Dingen. Weil er aber am PC fast alles spielt und gern experimentiert, steigt er bei Train Sim World 2: Rush Hour mit offenen Augen ein.

Ich verstehe nicht einmal Bahnhof

Vielleicht bin ich pingelig, aber der Einstieg in den Berufsverkehr tut mir weh. Das Deutsch an Bahnhöfen mag nicht schön sein, aber es ist in der Regel fehlerfrei. In der deutschen Version von Train Sim World 2 lese ich nicht nur von »12 hours«, ich werde auch auch auf »dem Schnellfahrstrecke« willkommen geheißen.

Vielleicht haben Dovetail nicht damit gerechnet, dass die Erweiterung Nahverkehr Dresden auch in Deutschland gespielt wird? Wahrscheinlicher ist wohl, dass es bei dem Experten für Zug- und Angelsimulationen an Sprachexpertise fehlt. Kleine Übersetzungsfehler fallen mir immer wieder auf.

Im Spiel erwarten mich überraschend wenige Menüpunkte. Ich will zuerst den Bahnhof erkunden und stehe, weil Dresden nicht im Menü auftaucht, auf einem bis in die Mülleimer hinein detaillierten Bahnsteig des Kölner Bahnhofs. Das ist beeindruckend, aber der Effekt könnte stärker sein. Es ist auffallend leer. So leer ist der Kölner Hauptbahnhof höchstens während einer Zombie-Apokalypse. Doch dazu passen die vereinzelten Büromenschenklone nicht, die ziellos herumlungern.

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