Wuchang: Wieso der hübsche Dark-Souls-Klon auf so viel Ablehnung stößt

Wuchang: Fallen Feathers liefert auf dem Papier all das, was Sekiro, Dark Souls und Bloodborne so meisterhaft macht. Und das ist das Problem.

von Dimitry Halley,
24.09.2021 17:00 Uhr

Zeit für Geständnisse! Als kleiner Knirps musste ich mal für den Kunstunterricht einen eigenen Comic anfertigen. Und weil ich damals die Kreativität einer Gartenschnecke besaß, ließ ich mich von der dunklen Seite der Macht verführen: Also schlage ich ein paar Dragon-Ball-Mangabände auf, zeichne die Panels Strich für Strich ab, erschaffe daraus ein minutiöses Rearrangement, erfinde ein paar eigene Dialoge und tadaa - fertig sind die neuen Abenteuer von Ukog-Nos (nicht verwandt mit Son-Goku). Und ja, ich bekam dafür eine 1, schäme mich bis heute und plädiere energisch dafür, dass jede Lehrkraft mindestens einmal Dragon Ball gelesen haben sollte, um schelmische Streiche wie meinen zu vereiteln.

Aber im Schulkontext ist das ja alles harmlos. Falls ich eine 6 bekomme - mei, meine ganze Aufmerksamkeit galt gerade eh meinem neuen Gamecube. Gab keine Schmach, die Star Wars: Rogue Squadron 2 nicht heilen konnte. Doch in der echten Welt sieht das anders aus. Wer die Ideen anderer als die eigenen verkauft, macht sich im schlimmsten Fall strafbar .

In der Gaming-Industrie ist das alles ziemlich kompliziert. Eine kreative Branche lebt von Inspirationen durch andere. Ein Fortnite wäre ohne PUBG niemals zum Erfolg geworden. Mittelerde: Schatten des Krieges kupferte die Kämpfe von Batman, das Kraxeln von Assassin's Creed, die Lootboxen von EA und das Skill- und Waffensystem von allerlei Action-Rollenspielen ab. War trotzdem ein klasse Spiel (bis auf die Lootboxen).

Doch es gibt auch Spiele, die zu weit gehen. Schon um Ash of Gods entbrannte damals eine extrem komplexe Plagiatsdebatte, ob das Ding bloß dreist von Banner Saga kopiert. Vorhang auf für Wuchang: Fallen Feathers. Mit 18 Minuten Gameplay lässt das Soulslike seit Mitte September auf YouTube die Muskeln spielen, bietet auf dem Papier einen echten Augenschmaus für Dark-Souls-Fans: martialische Kämpfe, eine echt schicke Optik, imposante Bosse und eine kryptische, mythische Geschichte. Doch Wuchang stößt auf viel Ablehnung. Und vielleicht steckt dahinter mehr als nur ein Plagiatsvorwurf.

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Was ist bei Wuchang los?

Soulslikes gucken sich per Definition Sachen bei Dark Souls ab. Sie tragen das Abgucken schließlich sogar im Namen: "Souls-like" - "Wie Souls". Und wenn man so drüber nachdenkt, gibt es echt wenige andere Genres, die sich ihre Inspiration so offen auf die Fahne schreiben. Die komplette Shooter-Ära der späten 2000er hätte man CoD-likes nennen können, aber natürlich würde kein Publisher freiwillig eine Kapitulation der eigenen Kreativität riskieren.

Frühe Soulslikes wie Lords of the Fallen, Hollow Knight, Nioh oder Salt and Sanctuary haben überhaupt keinen Hehl aus ihren Inspirationen gemacht. Mal wurde die düstere Stimmung, mal der Härtegrad, das Verlieren von Seelen oder das gnadenlose Kampfsystem übernommen, in dem jeder Schlag eine schwerwiegende Entscheidung ist, die sich nicht zurücknehmen lässt. Die Fans hatten damit nie ein Problem, im Gegenteil: Der Hunger nach mehr von diesem einzigartigen Dark-Souls-Feeling war riesig. Aber Wuchang scheint in einer anderen Liga zu spielen.

Ihr könnt euch ja mal selbst durch die 18 Minuten Gameplay klicken - von den High Heels der Hauptfigur mal abgesehen wirkt wirklich jede Unze dieses Spiels von Dark Souls, Sekiro und Bloodborne kopiert. Ich zähle jetzt nur mal die weniger offensichtlichen Parallelen auf, von Level-, Gegner- und Umgebungsdesign brauchen wir gar nicht erst anfangen, das seht ihr selbst:

  • Das komplette Schnellmenü entspricht eins zu eins dem eines Dark Souls.
  • Wie in Bloodborne könnt ihr Feinde im Angriff mit der Pistole ausbremsen. Sogar der Soundeffekt ist gleich.
  • Wenn Bossgegner sich buffen, stoßen sie den gleichen Schrei und die gleiche blutrote Aura aus wie in Bloodborne.
  • Kippt ihr einen Heiltrank, leuchtet eure Figur kurz im gleichen Goldorange wie in Dark Souls.
  • Gegenstände erscheinen als kleine blaue Flammen auf dem Boden.
  • Der Hinterrücksangriff wirkt in Sounddesign, Brutalität und Ausführung wie eine direkte Kopie von Sekiro.
  • Die Lebensbalken der Feinde leuchten im gleichen Rot wie in Bloodborne und Co.

Diese Gemeinsamkeiten sorgen für viel Gegenwind. Der auf IGNs YouTube Kanal präsentierte Trailer steht bei einem kontroversen Verhältnis von 10.000 Likes zu 6.000 Dislikes, auf Wuchangs offiziellem Kanal sieht's noch schlechter aus mit einem Verhältnis von 3.000 Daumen runter zu 1.000 Däumchen nach oben. Das ist beileibe nicht das Shitstorm-Level eines Call of Duty: Infinite Warfare, aber die prominentesten Kommentare sind doch ein Warnzeichen:

Aber ich bin gar nicht hier, um mit dem Finger auf Wuchang zu zeigen und Fake zu jaulen. Bildet euch da ruhig eure eigene Meinung. Ein 18-Minuten-Trailer ist halt auf der einen Seite kein ganzes Spiel, wer weiß, was letztlich aus dem Projekt wird. Auf der anderen Seite gab es auch schon erfolgreichere Versuche, Soulslikes eine eigenständige Identität zu verpassen. Was ich allerdings spannend finde, ist die große Ablehnung gegen Wuchang. Denn die ist neu.

Wird der Souls-Markt allmählich gesättigt?

Das Soulslike-Subgenre ist wenn überhaupt zehn Jahre alt und zählt vielleicht 15 bis 20 Spiele, die halbwegs Popularität erringen konnten. Oder anders: Mehr Souls war lange in erster Linie gut, weil's so wenig gab. Ich kann da für mich selbst sprechen: Ich liebe Bloodborne und wünsche mir von Herzen, dass mehr Spiele diesen einzigartigen viktorianischen Gothic-Horror-Lovecraft-Stil irgendwie aufgreifen. From Software selbst konzentriert sich ja erstmal auf Elden Ring. Mehr Bloodbornelikes wären genau mein Ding!

Aber in den letzten Monaten spült YouTube immer mehr Soulslikes ans Land, die in erster Linie immer mehr, mehr, mehr Souls verkaufen. Beispielsweise Bleak Faith:

Bleak Faith - Forsaken - Neuer Trailer zum düsteren Soulslike zeigt frisches Gameplay 11:09 Bleak Faith - Forsaken - Neuer Trailer zum düsteren Soulslike zeigt frisches Gameplay

Oder Project Relic:

Project Relic: Neue Dark-Souls-Alternative auf der gamescom 2021 vorgestellt 1:30 Project Relic: Neue Dark-Souls-Alternative auf der gamescom 2021 vorgestellt

Oder Black Myth: Wu Kong:

Black Myth: Wukong - Über 12 Minuten Gameplay zeigt Wechsel auf Unreal Engine 5 12:44 Black Myth: Wukong - Über 12 Minuten Gameplay zeigt Wechsel auf Unreal Engine 5

Selbst der 2D-Bereich der Soulslikes weist mittlerweile viele Trittbrettfahrer auf, die aussehen wie ein Blasphemous. Bisher war die Resonanz auf diese neuen Dark-Souls-Ahnen durch die Bank positiv. Kein Wunder also, dass immer mehr und mehr davon entwickelt wird - aber gerade deshalb frage ich mich, ob der Markt allmählich einem Sättigungsgrad entgegenstrebt. Ob Wuchang eben mehr ist als nur ein extrem offensichtlicher Klon.

Vielleicht markiert es eine kleine Wende. Soulslikes mussten natürlich immer schon in erster Linie gute Spiele sein, aber möglicherweise wird es in Zukunft trotzdem immer schwieriger, mit den klassischen Souls-Tugenden allein zu punkten. Selbst wenn sie gut gemacht sind. Was denkt ihr?

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