Besser als erwartet, schlechter als erhofft

Rezension: „Dragon Age: Inquisition“ – Plattform: Origin

von ModuGames am: 23.01.2022

Hier finden Sie meine bisherigen Rezensionen zu den Spielen der Dragon-Age-Reihe:

Sie wissen es mittlerweile bestimmt: Dragon Age: Origins gehört zu meinen absoluten Lieblingsspielen. Selbst Dragon Age 2 habe ich trotz seiner vielen Fehler mehrmals durchgespielt. Nur um dieses Inquisition, den dritten Teil der Serie aus dem Jahr 2014, habe ich mich bisher gedrückt. Das lag vor allem daran, dass das Spiel bei Fans der Reihe keinen sonderlich guten Ruf genießt. Für diese Rezension habe ich Inquisition nun nachgeholt und hatte erwartet, dass ich es hassen würde. Erstaunlicherweise hasse ich es überhaupt nicht, sondern vergebe sogar noch eine gute Wertung. Wie konnte das nur passieren?

Totgesagte leben länger

Risse sind ja schon eine echt nervige Sache (zum Beispiel solche in der Hose). Wenn jedoch ein riesiger, grüner Riss am Himmel auftaucht und haufenweise Dämonen ausspuckt, ist das aber schon eine ganze Ecke schlimmer. Und genau dies ist in Inquisition der Fall! Während der Riss droht, die Welt zu zerstören, findet sich unser Protagonist in der normalen Welt wieder, nachdem wir zurvor eine Art magischen Albtraum erlebt hatten. An unserer Hand befindet sich ein seltsames leuchtendes Mal, von dem wir nicht wissen, woher es kommt. Wir werden von der namensgebenden Inquisition aufgesammelt und von Cassandra (die man schon aus Dragon Age 2 kennt) verhört. Dabei stellt sich heraus, dass unser Mal die Bresche schließen könnte. Wir schnetzeln uns durch ein paar Dämonen und lösen den riesigen Riss in Luft auf.

Als Anführer der Inquisition fällt es uns zu, über gefangene Feinde zu richten.

Die Bresche wurde von einem alten Magister namens Corypheus heraufbeschworen, der sich nicht so einfach geschlagen gibt und weiterhin versucht, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Dem Burschen sind wir in Dragon Age 2 schon einmal über den Weg gelaufen, wo wir ihn getötet hatten. Nun ja, das glaubten wir damals zumindest. Jedenfalls hat unser Protagonist sich das Vertrauen der Inquisition verdient – wir werden sogar zu ihrem Anführer gemacht. Nun ist es unser Ziel, Verbündete um uns zu scharen und Corypheus Einhalt zu gebieten.

Langweiliger Bösewicht und Kartentisch-Hass

So viel zur Prämisse. Wenn Sie nun denken, dass die Handlung ziemlich durchschnittlich und vorhersehbar klingt, dann haben Sie vollkommen recht. Die Geschichte an sich ist typisches Mittelmaß, wie man es schon aus Dutzenden anderen Fantasy-Spielen kennt. Vor allem Corypheus ist ein enorm schwacher Protagonist. Er hält sich selbst für einen Gott, befehligt einen Drachen und will die Welt zerstören. Das war's dann im Grunde auch schon. Verglichen mit Loghain aus Origins oder dem Arishok aus DA2 fehlt hier das höhere Ziel, das Charisma. Corypheus tun uns als Spieler nicht einmal wirklich weh. Somit reiht er sich in eine lange Liste von wenig eindrucksvollen Bösewichten ein.

Auf dem Kartentisch beauftragen wir unsere drei Berater mit einer Reihe von Missionen, welche in Echtzeit erfüllt werden. Das kann dann auch schon mal einige Stunden dauern.

Die wenigen guten Ansätze der Geschichte werden dann meistens auch noch durch die Kartentisch-Mechanik ausgebremst. In der Basis der Inquisition – zuerst handelt es sich dabei nur um ein kleines Dorf, später ziehen wir in die beeindruckende Himmelsfeste ein – steht nämlich immer ein Tisch, von dem aus wir unser Vorgehen koordinieren und unseren Beratern Aufträge erteilen. Man stelle sich das wie Kenways Flotte aus Assassin's Creed: Black Flag vor, nur dass die Mechanik in Inquisition absolut zentral ist. Auf dem Kartentisch schalten wir unter anderem neue Gebiete frei und starten Story-Einsätze. Das Problem an der Sache: Das alles kostet Machtpunkte, welche wir uns in der Open World hart erarbeiten müssen. Im Klartext heißt das, dass wir die Hauptstory oft links liegen müssen, um neue Machtpunkte zu sammeln. Das macht nicht nur logisch keinen Sinn (warum sollte Corypheus mit seinen Angriffen warten, bis wir genug Punkte einer arbiträren Währung gesammelt haben?), sondern wirkt auch einfach extrem aufgesetzt. Für Story-Liebhaber wie mich ist der Kartentisch ein Graus.

Die Open World – gut oder schlecht?

Der Kartentisch ist dabei in zwei Gebiete aufgeteilt: Orlais im Westen und Ferelden im Osten. Der geneigte Fan der Serie weiß nun: Ferelden war der Schauplatz von Dragon Age: Origins. Inquisition nimmt nämlich stark auf die früheren Serienteile Bezug. Wir erkunden nicht nur einige bekannte Gefilde, auch unsere Gefährten bestehen teilweise aus altbekannten Kumpanen: Leliana agiert als eine unserer Beraterinnen, Morrigan ist mit von der Partie, der Zwerg Varric kämpft als Teil unserer Gruppe und wir treffen sogar auf Hawke, unseren Protagonisten aus Dragon Age 2! Inquisition baut die Lore weiter aus, bedient sich jedoch auch viel bei den alten Serienteilen. Das gefällt mir sehr gut, zumal dieser Aspekt beim Vorgänger tendenziell gefehlt hat.

In den größeren Gebieten hält sich jeweils ein Drache auf. Die Biester sind zäh und somit eher eine Herausforderung für das Endgame.

Was die Gebiete angeht, bewegt sich Inquisition deutlich mehr in Richtung Open World. Wir schalten auf dem Kartentisch ein Dutzend Gebiete frei: Manche sind eher klein wie die Stadt Val Royeaux in Orlais, andere sind sehr groß wie die Hinterlande in Ferelden. Dort befindet sich übrigens auch das Dorf Redcliffe, das wir schon aus Origins kennen. Ich finde den Open-World-Trend unter dem Story-Gesichtspunkt zwar sehr bedenklich, allerdings muss ich auch zugeben, dass ich sehr viel Spaß damit hatte, die Gebiete von Inquisition zu erkunden: Dort ist ein verlassener Bauernhof, hier drüben ein imposanter Turm und überall gibt's Loot einzusacken. Das ist zwar keine Unterhaltung auf unheimlich hohem Niveau, aber durchaus amüsant.

Tolle Optik, schwache Quests

Dabei hilfst es natürlich enorm, dass Inquisition als erster Serienteil wirklich zeitgemäß aussieht, der Frostbite-Engine sei's gedankt. Charaktermodelle, Texturen, Beleuchtung – das alles sieht deutlich besser aus als in Dragon Age 2, welches gegenüber Origins technisch ziemlich auf der Stelle getreten ist. Vor allem die Landschaften machen viel her, zumal sie auch noch optisch sehr vielfältig sind: Wälder, Wüsten, Schneegebirge, Sümpfe – so viel Abwechslung hatten wir in der Reihe noch nie. Vom Open-World-Konzept kann man halten, was man will. Ich selbst werde gleich noch viel Kritik daran üben. Ich muss aber auch loben, dass BioWare wieder deutlich mehr Mühe in ihre Levels gesteckt haben, als dies noch bei Dragon Age 2 der Fall war, das am laufenden Band Gebiete recycled hat. Der Soundtrack kann durchaus überzeugen und sorgt für Atmosphäre. Gerade das Titelstück „The Dawn Will Come“ gefällt mir ausgesprochen gut.

Die Welten durchqueren wir entweder zu Fuß oder mit einem Reittier. Hier sehen wir die malerischen Hinterlande.

Leider schwächelt die Open World an anderen Stellen, zum Beispiel beim Inhalt. Wir erledigen meist irgendwelche Quests nach Schema F oder beschäftigen uns mit Krimskrams wie „Sammle 20 Scherben“ oder „Schließe 3 Risse in Gebiet xy“. Hier spart Inquisition auch bei der Inszenierung enorm: Meist trägt uns ein NPC in ein, zwei Sätzen sein Anliegen vor, wobei sich das Spiel noch zu schade ist, eine richtige Zwischensequenz einzubauen. Man kann die Quests aber auch nicht einfach ignorieren, weil sie uns immerhin Machtpunkte einbringen und wir diese bekanntlich brauchen, um in der Story voranzuschreiten. Rein subjektiv stört mich an der Open World auch, dass Gegner und sammelbare Materialien (Pflanzen, Erze etc.) nun nachspawnen, wodurch nicht wirklich ein Gefühl des Fortschritts aufkommt. Insgesamt hinterlassen die größeren Gebiete bei mir gemischte Gefühle. Als ich das Spiel abgeschlossen hatte, zeigte mir Inquisition eine Spielzeit von 41 Stunden an. Davon war ich überrascht, es hatte sich nach deutlich mehr angefühlt. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich viele Quests nicht abgeschlossen habe, weil sie mir zu formelhaft und langweilig waren. Wer will, kann hier problemlos mehr als 60 Stunden investieren.

Viel Mittelmaß im neuen Dragon Age

Generell bin ich bei vielen Spielsystemen von Inquisition sehr zwiegespalten. Nehmen wir einmal die Charaktererstellung: Statt wie in DA2 auf einen Menschen beschränkt zu sein, dürfen wir in Inquisition aus vier Rassen (Mensch, Elf, Zwerg oder Qunari) wählen. Das ist in gewisser Weise eine Rückbesinnung auf die Serienwurzeln, was mir sehr gut gefallen hat. Das eigentliche Charaktersystem wurde jedoch enorm vereinfacht und kann nur mit anderthalb zugekniffenen Augen überhaupt noch als Rollenspielmechanik bezeichnet werden. Pro Levelaufstieg dürfen wir nur noch eine Fähigkeit aus mehreren Talentbäumen auswählen. Attribute verteilen wir nicht mehr selbst, sondern sie werden durch passive Fähigkeiten erhöht. Hardcore-Rollenspiel-Fans ist das viel zu seicht.

Das Kampfsystem ist bestenfalls (gehobenes) Mittelmaß. Gut gefällt mir, dass gegenüber Dragon Age 2 das Tempo etwas gesenkt wurde und unnötige akrobatische Einlagen auf ein Minimum reduziert wurden. Wir können die Kämpfe auf zwei Arten bestreiten: Im normalen Modus, in dem wir unsere Figuren mit der Tastatur steuern, und im taktischen Modus per Maussteuerung. Letzterer erinnert noch am ehesten an die früheren Serienteile, allerdings hapert es hier bei der Steuerung und der Übersicht. Es ist klar, dass Inquisition in Sachen Kampfsystem mehr auf Action setzt. Das muss nicht zwingend etwas Schlechtes sein – The Witcher ist mit der Einführung eines Action-Kampfsystems meiner Meinung nach besser geworden.

Sieht verwirrend aus? Ist es auch! Die Kämpfe in Inquisition werden schnell unübersichtlich. 

Allerdings steuern wir in Inquisition eben auch eine Vierergruppe, wodurch schnell die Übersicht flöten geht, wenn man nicht regelmäßig pausiert und Korrekturen vornimmt. In gewisser Weise schadet die Optik den Kämpfen sogar, denn im Effektgewitter verliert man schnell den Blick für das Wesentliche. Außerdem funktioniert beim Action-Kampfsystem das Aufschalten auf Gegner nicht wirklich gut. Wie oft es vorgekommen ist, dass mein Krieger seinen Knaufschlag mitten ins Nichts gerichtet hat, obwohl direkt vor ihm ein Gegner stand. Wo wir gerade schon bei der Gruppe waren: Die Gefährten in Inquisition gefallen mir insgesamt gut, mit Ausreißern nach oben und unten. Manche sind toll (Varric), andere werden erst sehr spät im Spiel interessant (z.B. der Graue Wächter Blackwall), wieder andere bleiben immer langweilig (wie die Magierin Vivienne). Dennoch erleben wir ein paar echt schöne Momente mit unseren Gefährten, etwa wenn wir mit der versammelten Mannschaft Karten spielen und lustige Geschichten erzählen.

Fazit

Betrachtet man die Einzelteile von Inquisition, merkt man, dass das Spiel sehr fehlerbehaftet ist: Die Hauptgeschichte ist bloß typisches Fantasy-Mittelmaß mitsamt langweiligem Antagonisten. Zudem wird die Handlung noch durch die Kartentisch-Mechanik ausgebremst. Das Charaktersystem wurde vereinfacht und ist eigentlich nur noch Beiwerk. Bei vielen Quests (die oft auch noch ziemlich belanglos sind) geizt das Spiel in Sachen Inszenierung. Und doch steht hier eine 7 vor der Wertung. Das liegt daran, dass mir Inquisition in seinen besten Momenten wirklich viel Spaß gemacht hat. Gerade das Erkunden der wirklich schönen offenen Welten und die Interaktionen mit den Gefährten haben mir gefallen. Dazu kommt noch ein Gefühl von Wertigkeit, das bei Dragon Age 2 gefehlt hat. Gleichzeitig muss ich aber konstatieren, dass Inquisition von der Brillanz eines Origins immer noch meilenweit entfernt ist. Von Dragon Age 4, welches in den nächsten Jahren erscheinen soll, erwarte ich – offen gesagt – nicht mehr viel.


Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



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