Im Weltraum hört dich niemand schreien
- selten war ein Marketing-Spruch so cool und effizient, wie der zu Ellen Ripleys (Sigourney Weaver) ersten Überlebenskampf gegen das Alien. Jetzt ist der Xenomorph mit Alien: Earth ganze 46 Jahre später auf der Erde angekommen, einen vergleichbar coolen Spruch gibt’s leider nicht.
Auf der Erde hört dich jeder schreien? Nee, das knallt einfach nicht. Doch keine Sorge, das sagt nichts über die Qualität von Alien: Earth aus, die uns ein echter Serien-Spezialist spendiert: Noah Hawley, der mich mit Fargo komplett überzeugt und mit Legion mein Hirn zum Schmelzen gebracht hat.
Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an Noah Hawleys Ausflug ins Alien-Universum. Und schon nach den ersten zwei Folgen kann ich guten Gewissens feststellen: Hui, also Enttäuschung sieht ganz anders aus.
Um was geht’s in Alien: Earth?
Alien: Earth tischt mir ein ganzes Festmahl an unterschiedlichen Story-Strängen und interessanten Figuren auf. Dabei geht es mir aber nicht wie Mr. Creosote in Monty Pythons Der Sinn des Lebens. Stattdessen beweist Noah Hawley erneut ein Händchen dafür, zahlreiche Plot-Punkte und Charaktere meisterhaft miteinander zu jonglieren und dabei nie den Fokus aus den Augen zu verlieren.
Aber lasst mich von vorne beginnen: Die TV-Serie beginnt gar nicht auf der Erde, sondern inmitten des Weltalls. Das Schiff Maginot der guten, alten Weyland/Yutani-Corporation hat eine wertvolle, aber tödliche Fracht an Bord, die der diabolische Megakonzern unbedingt in die Finger bekommen will. (Ihr könnt euch wahrscheinlich denken, wer oder was gemeint ist …)
Doch die Raumfahrt endet so, wie Raumfahrten im Alien-Universum nun mal so enden: Blutig, in Trümmern und mit vielen, vielen Toten. Das ist aber nicht das einzige Problem, mit dem sich Weyland/Yutani herumschlagen muss. Die Maginot endet nicht irgendwo, sondern in einer von Prodigy kontrollierten Metropole.
Und der Megakonzern des aufstrebenden Tech-Genies Boy Kavalier (Samuel Blenkin) freut sich natürlich unheimlich darüber, die wertvolle Weyland/Yutani-Fracht in die Finger zu bekommen. Hier lässt auch ein bisschen Cyberpunk grüße, denn beide Firmen scheren sich wenig um Moral, Gerechtigkeit oder Menschenleben, sondern ringen auf rücksichtslose Art und Weise über die Vorherrschaft auf der Erde und vor allem verdammt viel Geld.
2:09
Alien: Earth - Der erste Trailer der Horror-Thriller-Serie deutet ein wahres Xenomorph-Spektakel an
Für wen ist Alien: Earth interessant?
Ich habe jetzt schon viel geschrieben, aber tatsächlich kratzt meine Zusammenfassung nur an der Oberfläche der Geschichte, die Alien: Earth in den ersten zwei Folgen aufmacht. Es steckt wirklich so viel mehr drin!
Im nächsten Absatz lauern ein paar kleinere Spoiler zur Handlung! Zwar spielt sich das Folgende schon recht früh in der ersten Folge von Alien: Earth ab, ich würde aber tatsächlich jedem Fan empfehlen, das möglichst unvoreingenommen zu erleben. Lest also nur auf eigene Gefahr weiter!
Hier gibt's ein paar leichte Spoiler
Noch immer hier? Sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!
Dass stetig nach der Unsterblichkeit gestrebt wird, ist ein Kernthema der Alien-Reihe. Gerade Ridley Scotts umstrittener Prometheus ist dafür der beste Beweis. Schon in den allerersten Sekunden stellt Alien: Earth unmissverständlich klar, dass Unsterblichkeit nur bedingt für den einfachen Menschen greifbar ist.
Synths wie Ash, Bishop, David (oder auch Thia im kommenden Predator-Film Badlands) leben zum Beispiel theoretisch für immer. Aber wie gelangen Menschen in den Genuß oder Fluch dieses Privilegs?
Hier kommt der Prodigy-Konzern ins Spiel. Boy Kavalier hat eine Technologie begründet, mit der er den Verstand sterbender Kinder in synthetische Körper überträgt. Eins davon ist Wendy (Sydney Chandler), die im Fokus von Alien: Earth steht, aber nicht die einzige der sogenannten Hybriden bleibt.
Hier spinnt Noah Hawley die Diskussion um (Un-)Sterblichkeit und die eigene Identität weiter, während wir eine sehr interessante und erfrischende Protagonisten bekommen: Erwachsene, die sich wie Kinder verhalten, weil sie das fairerweise noch immer sind.
Hier geht's ganz ohne Spoiler weiter
Alles in Allem spielt Alien: Earth bereits in den ersten zwei Folgen eine riesige Stärke aus. Noah Hawley schafft es, sich einerseits vor dem etablierten Alien-Kanon zu verneigen und andererseits den Kosmos mit allerlei stimmigen und frischen Ideen zu erweitern. (Etwas, das mir zum Beispiel bei dem sonst wirklich gelungenen Alien: Romulus zu kurz kam.)
Denn ja, der Xenomorph findet sich zuerst in einem alten, aber dann in einem völlig neuen Setting wieder - und ist in beiden so gruselig und bedrohlich inszeniert, wie schon lange nicht mehr. Gleichzeitig werden die philosophischen und die gesellschafts- sowie kapitalismuskritischen Aspekte von Alien nicht vernachlässigt, für die bereits Ridley Scott und James Cameron vor mehr als 40 Jahren standen.
Ganz im Gegenteil: Noah Hawley denkt diese Ideen weiter, verpasst ihnen neue Facetten sowie Twists und prescht damit nach vorne, anstatt einfach nur auf der Stelle zu stehen und Altbekanntes wiederzukäuen.
Kombiniert mit der kreativen Bildgewalt, die schon Fargo und Legion zu echten Hinguckern machen und einer eigenwilligen, aber umso effektiveren musikalischen Untermalung kann ich schon jetzt guten Gewissens feststellen: Hält Alien: Earth dieses unverschämt hohe Niveau in den restlichen sechs von insgesamt acht Folgen, dann können sich Xenomorph-Fans auf ein paar glorreiche Wochen einstellen!
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