Wenn euch ein Spiel ein Sturmgewehr in die Hand drückt, ist die Mission eigentlich klar: Du hier, Terroristen/Aliens/Nazis da, mach sie alle platt! In Dreams of Another ist das komplett anders. Hier dient die Waffe nicht dazu, namenlose Feinde an Bleiüberladung sterben zu lassen. Stattdessen ist sie dazu da, die Welt überhaupt erst zu erschaffen.
Wie genau das funktioniert und wie viel Spaß das Adventure mit dem experimentellen Shooter-Ansatz damit als Spiel macht, klären wir in unserer Vorschau.
Wir haben die Demo zu Dreams of Another für die Preview ausgiebig gespielt und zudem mit Q-Games-Chef Dylan Cuthbert über das Projekt gesprochen.
WTF: Das Spiel
Wir befinden uns mittlerweile in der Ära der fotorealistischen Grafik: Unreal, Unity, id Tech und wie sie nicht alle heißen, sind inzwischen in der Lage, Bilder zu produzieren, die sich von der uns bekannten Realität kaum noch unterscheiden. Selbst pixelperfektes Raytracing, vor 30 Jahren noch der große Endgegner aller 486er Prozessoren, braucht mittlerweile keine Stunden mehr, um ein Einzelbild zu rendern, sondern läuft in Echtzeit.
Es gibt aber auch gegenläufige Strömungen zu dieser Entwicklung, die auf den kostspieligen Realismus pfeifen und lieber eigene künstlerische Visionen in den Vordergrund stellen. Dicke Comic-Shader ist so eine, 2D-Grafik mit mächtig-gewaltigen Pixeln, die man eher in der VGA-Ära der frühen 90er verorten würde, eine andere.
Und dann gibt es noch Spiele wie Dreams of Another, die so dermaßen abgefahren aussehen, dass man Schwierigkeiten damit hat, die richtigen Worte zu finden, um sie angemessen zu beschreiben. »WTF?« ist ein sehr aussichtsreicher Kandidat. Aber Bilder sagen ja bekanntlich mehr als Worte, also werft vor dem Weiterlesen am besten erstmal einen Blick auf die Screenshots:
Q-Was?
Will man Dreams of Another verstehen und richtig einordnen, muss man sich aber zunächst den Entwickler dahinter ansehen: Q-Games ist eine ungewöhnliche Firma: Gegründet vor 24 Jahren vom Star-Fox-Programmierer Dylan Cuthbert, ist das in Kyoto ansässige Unternehmen vor allem für seine kleinen, ideen- und abwechslungsreichen Spiele der »PixelJunk«-Reihe bekannt.
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PixelJunk Monsters 2 - Ankündigungstrailer zum Tower-Defense-Spiel im Handmade-Look
Dazwischen traut sich die Firma aber auch immer wieder an ungewöhnliche Designexperimente, wie zum Beispiel das sehr abgefahrene Abenteuer The Tomorrow Children (2016). Oder jetzt eben Dreams of Another, bei dem man davor sitzt und sich unweigerlich fragt, wo hier oben und unten ist und was das Ganze eigentlich soll.
Mit Pyjama und Sturmgewehr
Die Hauptfigur ist der nicht näher definierte »Mann im Pyjama«. Der trägt zu Beginn ein dickes Sturmgewehr über der Schulter, später erhält er auch noch Granaten oder einen Raketenwerfer. Aber nicht, um Aliens zu zermatschen! Stattdessen schießt er damit in die aus bizarren Punkten und Klecksen aufgebaute Landschaft, aus der sich daraufhin komplexe Objekte zusammensetzen: Häuser, Bäume, Brunnen oder gar ein komplettes Karussell. Quasi umgekehrte Explosionen.
Das Ganze klingt abstrakt, sieht aus Screenshots auch sehr abstrakt aus - und ist in Bewegung einfach wunderschön! Wenn ihr noch Zweifel habt, schaut euch am besten einmal das von uns aufgenommene Gameplay an:
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Dieses Adventure zeigt, was passiert, wenn eure Waffen erschaffen, statt zu zerstören
Die Umgebung glitzert und glänzt, alles fühlt sich organisch und fließend an, wie eine Mischung aus der Voxelgrafik von Comanche und den kreativen Meisterleistungen aus der Demoszene.
Verträumtes Wolkenlesen
Die Basis dafür liefert die Punktwolken-Technologie (»Point Cloud«). Die in Computerspielen bislang noch recht selten verwendet wird, da sie sehr rechenaufwendig und speicherhungrig ist. Technisch funktioniert sie ähnlich wie Voxelgrafik, nur dass hier keine dreidimensionalen Würfel zum Einsatz kommen, sondern einzelne Punkte (bzw. kleine 2D-Objekte), die zusammengesetzt dreidimensionale Objekte bilden.
Das sorgt bei Dreams of Another nicht nur für eine sehr organische, sondern vor allem auch höchst ungewöhnliche Grafik, in der alles schwebt und wabert, es gibt keine festen Strukturen, alles ist immer im Fluss - selbst Personen oder Objekte wie Laternen und Häuser sehen aus wie impressionistische Neuinterpretationen bekannter Strukturen.
Das »Dreams« im Namen hat schon seinen Grund: Das Spiel wirkt wie ein bizarrer Traum, in dem alles irgendwie vertraut wirkt, aber doch komplett anders ist.
Zerstörung ist Leben!
Dreams of Another folgt dem philosophischen Ansatz, dass es keine Schöpfung ohne Zerstörung gibt. Um etwas erschaffen zu können, muss etwas anderes erst vernichtet werden. Hier bedeutet das, dass die Welt, durch die ihr euch bewegt, undefiniert ist, keine Struktur hat.
Erst mit der Waffe in der Hand wird aus diesem formlosen Traum eine Umgebung, die vertraut wirkt und mit der ihr interagieren könnt. Jede Kugel, die ihr in die Landschaft ballert, setzt ebendiese erst zusammen. Eine sehr interessante Umkehrung der üblichen Gepflogenheiten von Spielen, in denen ihr derartige Ausrüstung mit euch herumschleppt.
Aber was macht ihr denn nun eigentlich in Dreams of Another? Das hier ist kein typisches Action-Adventure, kein Plattformer, kein Shooter, kein Rollenspiel. Es ist vor allem ein philosophischer Gedanke, der laut Chefentwickler Tomohisa Kuramitsu, besser bekannt als »Baiyon«, zum Nachdenken anregen soll, zum Hinterfragen klassischer Spiele-Konventionen.
Ihr werdet zum Beispiel diversen Türen begegnen, die ihr aber nicht öffnen oder betreten dürft. Dafür aber reden sie mit euch, lassen euch an der Gedankenwelt einer typischen Tür teilhaben. Eine davon zum Beispiel beneidet Autos, da die sich so schnell durch die Welt bewegen, während sie selbst immer an einer Stelle verbleibt. Eine andere freut sich schon sehr aufs Älterwerden, weil sie dann so schöne Quietschgeräusche von sich geben darf.
An einer anderen Stelle redet ihr mit einem Gullydeckel, der sich nach Freiheit sehnt. Oder mit einem übergroßen Maulwurf, der den Weg aus dem Erdreich an die Oberfläche geschafft hat, nur um da festzustellen, dass er sterben muss. Stets begleitet von einem Soundtrack, der sich in Sachen Abgefahrenheit keine Sekunde lang vor dem Rest des Spiels verstecken muss und mit typischer Spielemusik überhaupt nichts zu tun hat.
Seid ihr nicht abgeschreckt, sondern neugierig, dürft ihr Dreams of Another ab dem 10. Oktober 2025 für PC (über Steam) oder die PS5 spielen. Auf Steam gibt zudem die kostenlose Demo zum Reinschnuppern, auf der auch unser Artikel basiert.
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