Battlefield 2042 hat ein gewaltiges Story-Problem

Battlefield 2042 verschenkt bei seiner Geschichte viel Potenzial, findet Elena. Es beutet Krisen nur effekthascherisch aus und gibt Spielern nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

von Elena Schulz,
22.11.2021 18:00 Uhr

Kaum jemand spielt Battlefield für seine Geschichte - schon gar nicht, wenn es nicht mal eine Kampagne gibt wie bei Battlefield 2042. Ich habe als Story-Fan also schon wenig erwartet - und wurde trotzdem noch enttäuscht. Denn der Shooter schafft es, die aktuell größten Krisen unserer Erde völlig in die Belanglosigkeit zu ballern.

Europa brennt, Russland und die USA stürzen sich in den dritten Weltkrieg, der durch die Klimakrise steigende Meeresspiegel verschlingt ganze Länder, Ressourcen und Nahrung sind knapp, die Kommunikation fällt flächendeckend aus, Menschen fliehen, verhungern, sterben oder werden zu staatenlosen Soldaten, die ohne Heimat und Sinn immer weiter in den Ruinen ihrer Zivilisation kämpfen.

Das alles fühlt sich schmerzhaft nah und real an, wenn man die Nachrichten anmacht oder aktuelle Meldungen querliest. Aber Battlefield 2042 interessiert das nicht. Kurze Intro-Videos blubbern Zielanweisungen auf den Maps mit dem Charme eines Navis herunter und die heimatlosen Söldner der No-Pats klopfen coole Sprüche über die lässigsten Abschüsse der letzten Runde. Das beißt sich mit der Tonalität von Trailern und Einführungsvideo, die mir eine bittere Endzeit verkaufen, in der ich verzweifelt, um meinen Platz kämpfe.

Wirklich bitter bleibt so nur die vertane Chance auf eine erwachsene, mutige Vision hinter den spektakulären Schlachten, bei denen für mich ohne schnell die Luft raus ist. Und obendrauf kommen ja auch noch die technischen Probleme, die Kollege Dimi im Test kritisiert:

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Die Autorin: Elena (@Ellie_Libelle) kann Battlefield 2042 seine technische Probleme für die packende Schlachterfahrung fast verzeihen, in die sie sich am Wochenende als furchtlose Sanitäterin gestürzt hat. Die hippen Specialists brechen für sie aber so sehr mit der Atmosphäre, dass sie das Match am liebsten immer schon vorm Ende verlassen würde. Hinzu kommt der Schmerz über viel verschenktes Story-Potenzial. Denn auch ein BF 2042 kann erwachsen sein und einen relevanten Kommentar zu aktuellen Themen wie Klimakrise, Flüchtlingen oder Kriegen abgeben, wenn es nur den Mut dazu aufbringt und weiß, wie es sich mit dem Gameplay verknüpfen lässt.

Wo Battlefield 2042 viel Potenzial verschenkt

Natürlich darf ein Shooter eine fluffige Ballerbude sein. Dagegen wehre ich mich überhaupt nicht. Das Problem von Battlefield 2042 ist aber, dass es mich mit etwas anderem anfüttert. Es verspricht mir eine Tiefe, die es später nicht halten kann, statt sich selbst nicht so ernst zu nehmen.

Die Trailer und der Kurzfilm Exodus prahlen vorab nicht nur mit nervenaufreibenden Gefechten auf riesigen Schlachtfeldern, sondern zeigen auch wie Soldaten in der erbarmungslosen Kriegsmaschinerie zerdrückt werden oder einer der Specialists um das Leben seines Sohnes bettelt. Für einen Moment scheint es, als gäbe es ein großes Aber, die Frage danach, ob der Sieg das wert ist, steht unausgesprochen im Raum.

Battlefield 2042 - Kurzfilm Exodus gibt erste Einblicke in die Geschichte des Spiels 8:55 Battlefield 2042 - Kurzfilm Exodus gibt erste Einblicke in die Geschichte des Spiels

Gerade nach Exodus will ich eigentlich mehr über Irish erfahren. Als No-Pat steht der zwischen den Stühlen, er muss sich anhören, seine Moral sei käuflich und wertlos. Ich sehe diesen gewissenslosen Söldner, aber auch einen verzweifelten Familienvater und jemanden, der bereit ist, sich dann doch selbstlos zwischen zwei Großmächte zu werfen, um einen Weltkrieg zu verhindern.

Aber ich lerne ihn darüber hinaus nie kennen - außer ihr zählt die verschämt in Spielerkarten versteckten Infos und Briefe, die mir plötzlich völlig zusammenhangslos ein wenig Menschlichkeit präsentieren - wie einen Dreizehnjährigen, der ein Held werden will, reich und berühmt sein und später seine Familie überzeugen muss, keine Zivilisten massakriert zu haben. BF 2042 lässt ständig in Nebensätzen anklingen, wie schlimm der Krieg ist und wie verzweifelt die Lage, führt den Gedanken aber nie zu Ende.

Wer will sowas bitte in seinen Spielerkarten lesen? Die Grimoire Cards von Destiny lassen grüßen, das war schon 2014 eine schlechte Idee. Wer will sowas bitte in seinen Spielerkarten lesen? Die Grimoire Cards von Destiny lassen grüßen, das war schon 2014 eine schlechte Idee.

Ein großer Widerspruch

Oder schlimmer noch, verkehrt sie ins Gegenteil: Auch in Battlefield 5 hatten die Soldaten im Multiplayer nicht viel zu sagen. Ihr Schreien und Stöhnen unterstrich aber die dunkle und brutale Kriegsatmosphäre. Vorm Bildschirm weiß ich so genau, worum es geht und was auf dem Spiel steht. Das energisch salopp gebrüllte Ich brauch keinen Sani! in BF 2042 wirkt aber genauso deplatziert, wie die furchtbar möchtegern-coolen Siegsprüche der Specialists nach dem Match, bei denen es dem ganzen Battlefield-Reddit gerade die Zehennägel hochrollt.

Yeeaaaah, Angel hat es schon wieder getan! oder Wars das schon? Ich bin bereit für Runde 2!, klingt nicht nach echten Soldaten sondern vielmehr nach den Spielern dahinter. Das bricht völlig mit der düsteren Endzeitstimmung, die Dice vorher selbst mühsam aufbaut. Schließlich sehe ich im Spiel als erstes ein bedeutungsschwangeres Einführungsvideo über eine Welt am Abgrund, die der Mensch zugrunde gerichtet hat.

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Und selbst die schnörkellos-sachlichen Kartenintros machen klar, worum es eigentlich geht: Auf der Wüstenkarte Renewal sollt ihr zum Beispiel den Ägyptern helfen, ihre Agrarforschung vor den gierigen Amerikanern zu schützen - oder sie auf US-Seite für den hungernden Westen erobern.

All das hat so viel Relevanz, so viel Potenzial und wirft spannende Fragen auf. Welche Werte vertritt ein Heimatloser ohne Platz in der Welt? Wofür lohnt es sich noch zu kämpfen? Was beschützen wir und vor wem? Aber das alles ist egal. Battlefield 2042 kümmern diese Fragen genauso wenig wie die Antworten darauf, der Shooter will sich nur möglichst erwachsen und aktuell präsentieren, weil es eine coole Gameplay-Kulisse schafft.

Die motiviert mich spielerisch enorm und sorgt für viele dramatische Momente. Aber emotional fühle ich mich eher wie bei einem Basketball-Match oder Fußballspiel, als bei einem Kampf um das Schicksal eines Landes oder gar der ganzen Menschheit. Nichts, was passiert, ist wirklich in der Welt des Shooters verhaftet oder hat eine Bedeutung in ihr.

Wie man Story neu denken kann

Um fair zu bleiben: Natürlich wollen EA und Dice mit BF 2042 keine Botschaft vermitteln, sondern viele Spieler begeistern und Geld verdienen. Sie verzichten sogar auf ihre Singleplayer-Kampagne, um sich auf das zu konzentrieren, was sie richtig gut können - große, spaßige Sandbox-Schlachten, keine tiefgründigen Geschichten. Aber es wäre so leicht gewesen, ein reiferes, erwachseneres Battlefield zu machen.

Fantastische Vorbilder gibt es nämlich überall: Beispielsweise den fantastischen Anime Gundam 00, der eine ähnliche Ausgangslage in ein packendes Kriegsdrama verwandelt. In der Gestalt der Organisation Celestial Being sagen sich hier ein paar Soldaten vom Rest der Welt los und bekämpfen die Großmächte, um einen andauernden Frieden zu erschaffen. Es dauert nicht lange, bis sie hinterfragen müssen, wie viele Opfer dieses Ziel fordern darf.

Der gleiche Weg wäre für die No-Pats denkbar - auch ohne ausgefeilte Erzählung. Dice könnte mit (optionalen) Gesprächen zwischen den Specialists als Funksprüche während der Gefechte arbeiten, mich Dokumente wie Briefe finden lassen oder die Karten selbst erzählen lassen, von dem was war, von ihren Bewohnern und was mit ihnen passiert ist. Dadurch würden die Umgebungen auch weniger nach klinischem Kriegsfreizeitpark aussehen.

Langfristig könnten im Stil von Warzone oder Fortnite sogar Story-Events mit neuen Infoschnipseln und Hintergrundvideos dazukommen, die die Geschichte weiter ausschmücken. Aber auch abseits der Handlung kommt auf Dice aber noch viel Arbeit zu, wie Shooter-Experten Dimi und Phil mit Gast Fabian Siegismund im Podcast analysieren:

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Man könnte selbst aus den unangenehmen Sprüchen der unsympathischen Specialists etwas machen, wenn man dem Spieler bewusst eine zynische Zukunft präsentiert, in der Krieg ein Sport geworden ist. Momentan scheint Dice allerdings selbst nicht zu wissen, was sie sagen möchten.

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