Ich leiste, also bin ich
. Während andere mit Carpe Diem
oder Eat, Pray, Love
als schnörkellastigem Küchensticker ihre Lebensphilosophie definieren, hätte ich mir das viele Jahre lang problemlos über den Herd pinnen können. Hauptsache machen und davon am besten ganz schön viel.
So ein selbstzerstörerisches Motto fordert irgendwann seinen Tribut. Und ja, wie die meisten anderen mit diesem Lebensstil, dachte auch ich, dass ich immun dagegen bin. Das klappt alles schon und überhaupt, bald ist ja Wochenende und ich kann entspannen! Packt man sich Samstag und Sonntag am liebsten mit Freizeitstress voll, bleibt das aber ein Scheinargument.
Bei mir schleichen sich mit der Zeit still und heimlich Erschöpfung und Frust ein. Plötzlich nervt der fiese Souls-Boss nicht mehr nur, er greift direkt mich und meine Identität an. Hobbys wie Spielen oder in meinem Fall auch das Zeichnen, werden zur Existenzkrise. Egal ob ich zocke, arbeite oder auch nur ein bisschen Sport treibe - läuft es nicht so, wie ich gerne hätte, drehe ich durch. Denn wenn ich nicht die erwünschte Leistung bringe, bricht mein Selbstwert in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
12:47
Clair Obscure ist ein Befreiungsschlag und zeigt Ubisoft und Co., wie man richtig gute Spiele macht!
Irgendwann ist Schluss. Ich ziehe die Notbremse, sage alles ab, konzentriere mich nur auf mich. Auf mein Sein, ohne Leistung. Aber ich fühle mich nicht besser. Die Stille und die Leere erdrücken mich, die Untätigkeit raubt mir den Verstand. Ein Freund empfiehlt mir Clair Obscur: Expedition 33 - ein Spiel, wie für mich gemacht, sagt er. Ich starte es in meinem Urlaub, ohne große Erwartungen und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn ausgerechnet Clair wird mein Lichtblick in dieser Krise, der mich endgültig umdenken lässt.
Eine hoffnungslose Welt ...
Clair Obscur hilft mir auf zwei unterschiedliche Arten. Zunächst berührt mich die Story auf inhaltlicher Ebene sehr. Ich versuche, nicht zu viel zu verraten, aber macht euch auf kleinere Spoiler zu den ersten Spielstunden des Rollenspiels gefasst.
Im der fiktiven Stadt Lumière empfängt mich ein fröhliches und buntes Festival. Menschen lachen, tanzen, verteilen Blumen. Überhaupt überdecken die wunderschönen weißen und roten Blüten überall das graue Pflaster und sorgen für eine fast schon märchenhafte Stimmung. Die sogenannte Gommage wirkt auf mich leichtherzig und veträumt - aber auch bedrückend. Schnell wird klar, dass die Fröhlichkeit eine dunkle Wahrheit verschleiert und sich hinter den Blumenkränzen Grabgestecke verbergen. Jedes Jahr wird eine Gruppe von Menschen eines bestimmten Alters ausgelöscht, einfach übermalt sozusagen.
Denn dahinter steckt ein mysteriöses Wesen namens die Malerin. Jahr für Jahr wiederholt sich das grausige Ritual und jedes Mal bricht eine mutige Gruppe von Abenteurerin auf, um sie zu töten und den Kreislauf zu durchbrechen - bislang ohne Erfolg. Als Teil von Expedition 33 wird auch mir diese Aufgabe zuteil. Ein erdrückendes Schicksal, das mir von Anfang an die Tränen in die Augen treibt. Doch die Charaktere von Clair Obscur überraschen mich.
... voller Hoffnung!
Hoffnungslosigkeit, Vergänglichkeit und Schmerz beherrschen meine Reise. Immer wieder betont das Spiel, wie aussichtslos der Versuch ist - Hauptfigur Gustave schreibt sogar ganz selbstverständlich Tagebuch, um der nächsten Expedition einen Vorteil zu verschaffen. Es scheint beinahe gesetzt, dass die kleine Gruppe bald ihren Tod findet.
Aber niemand verhält sich so. Gustave, Maelle, Lune und Sciel gehören zu den fröhlichsten, lebensbejahensten und neugierigsten Spielfiguren, die ich seit langem erlebt habe. Sie verlassen ihre Heimat Lumière zum ersten Mal und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Lune studiert etwa voller Begeisterung einen Nevron (die monsterartigen Gegner im Spiel), der sie nicht attackiert, und Maelle freundet sich mit einem Gestral (drollige Einsiedler mit Pinselkopf und meist recht hohler Birne) an.
Traurige und verzweiflte Augenblicke sind trotzdem präsent, aber sie bestimmen nie, wie die Charaktere sich und die Welt sehen. Sie haben durch ihr hartes Leben eine Art Resilienz entwickelt, die ihnen den Umgang mit einer Situation ermöglicht, die völlig unmenschlich erscheint. Sciel hat gelernt den Tod als Freund zu betrachten, der sie irgendwann wieder mit ihrer Familie zusammenführt. Lune liebt das Wissen und Lernen so sehr, dass es ihr die Angst nimmt und Maelle will in ihren jungen Jahren einfach nur spüren, was es heißt, wirklich im Moment zu leben.
Mir macht das bewusst, wie anders ich meine eigene Situation wahrnehme. Obwohl ich so aktiv bin, erstarre ich innerlich förmlich vor Angst. Gefangen in meinen eigenen Routinen und einem diffusen Schrecken, der mich unermüdlich hindurchpeitscht, erscheint es mir unmöglich, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.
Clair Obscur hat mir eine neue Art von Werschätzung für kleine Momente gegeben, die mich innehalten und genießen lassen. Egal, ob ich nun einen leckeren Kaffee in der Sonne trinke und einen Moment die Augen schließe oder mit einer Freundin durch die Stadt bummle und mir ein neues Buch aussuche. Meine Ängste und Sorgen sind immer noch da, aber diese Augenblicke gehören mir und sind davon unberührt.
Spielen, um zu spielen
Und sie sind nicht von Leistung bestimmt. Denn auch das hat Clair Obscur mir wieder lebhaft ins Gedächtnis gerufen. Es gab eine Zeit, wo es mir beim Spielen nicht darum ging, einen schwierigen Boss zu schlagen oder einen neuen Rang zu erreichen. Und dabei bietet das actionreiche Rollenspiel durchaus einiges an Tiefgang: Wenn ich will, kann ich mich in die Schwächen jedes Gegners einarbeiten und meine Paradetechnik pixelgenau perfektionieren.
Ich muss das aber nicht. Clair Obscur fühlt sich auch dann lohnend an, wenn ich diesen Aspekt ausklammere und mich ganz auf das Erkunden der Welt und das Erleben der Geschichte konzentriere - überall warten Geheimnisse, Schätze, Belohnungen. Auch wenn es mich unglaublich viel Überwindung kostet, stelle ich das Spiel deshalb auf leicht
. Anfangs rechtfertige ich mich permanent dafür, weil es mir so unangenehm ist (Das war nur für den einen schweren Boss, danach schalte ich sofort wieder um ...
).
17:36
Clair Obscure: Expedition 33 - Dieses Rollenspiel erzählt die beste Story seit Jahren
Doch irgendwann wird mir bewusst, dass ich die Herausforderung bei Clair überhaupt nicht vermisse. Im Gegenteil: Ich habe sogar mehr Spaß, weil ich ganz ohne Frust Spielstile und Kombinationen ausprobieren und mich gemütlich durch die atmosphärische Welt treiben lassen kann. Gerade nach dem Test zu Elden Ring: Nightreign brauche ich diese Pause und sie tut mir gut.
Als Kind war mir nie wichtig, ob ein Spiel fordernd ist oder nicht - nicht umsonst konnte ich Tage und Wochen in Die Sims oder Animal Crossing verbringen. Ich nahm jede Herausforderung begeistert an, aber ich spielte nicht nur für diese Erfolgserlebnisse. Ich spielte, weil ich das Hobby liebte und Freude um seiner selbst willen daran hatte. Fremde Welten erkunden, sich ganz in ihnen verlieren und aufregende Geschichten zu erleben, das ist alles, was ich als Kind immer wollte.
Und auch, wenn ich trotzdem gerne eine ehrgeizige und ambitionierte Erwachsene bin: Ich will meine Hobbys nicht nur als Wettkampf verstehen. Ich darf Pausen machen, genauso wie ich ein Spiel wie Clair Obscur völlig frei von Leistungsdruck erleben darf, ohne mich schlecht zu fühlen. Solch tiefschürfende Veränderungen gestalten sich nie leicht, aber ich bin dem französischen Rollenspiel trotzdem unendlich dankbar, dass es sie überhaupt erst angestoßen hat.
Hat euch ein Spiel schon mal nachhaltig geprägt oder gar eine heilende Wirkung entfaltet? Teilt eure Geschichten und Erlebnisse gerne in den Kommentaren mit mir!
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