Vor genau 20 Jahren erschien ein Rollenspiel aus Deutschland, das anders war als seine Artgenossen. Eigenwillig und schroff, aber auch herzlich wie eine langjährige Kneipenfreundschaft. Große Ideen trafen auf eine einzigartige, aufs Wesentliche kondensierte Welt zum Eintauchen und Verweilen. Zwar erreichte Gothic nur in einigen Teilen der Welt Kultstatus und gilt dort als wegweisende Open World, dennoch bleibt es ein Ausnahmespiel.
Für das Entwicklerstudio Piranha Bytes stellte der 15. März 2001 das Ende einer Odyssee dar. Man hatte sich gnadenlos übernommen und auf den letzten Drücker alle Kraft in ein Spiel gesteckt, was nach vielen Verschiebungen endlich erscheinen musste. In unserer großen Making-of-Gothic-Reihe aus dem letzten Jahr zeichnen wir die turbulente und aufopferungsvolle Entwicklungsgeschichte im Detail nach. Im Zuge der Recherche sprachen wir damals auch mit dem Mod-Team Phoenix Tales, das aus den verworfenen Konzepten von Piranha Bytes etwas Eigenes kreieren will.
Zum Gothic-Jubiläum haben wir die Modder erneut kontaktiert und erfuhren, dass das ambitionierte Fan-Projekt mittlerweile noch umfangreicher geworden ist. Phoenix Tales hat zudem keine Kosten und Mühen gescheut, um zum 20. Geburtstag dem Klassiker auch die letzten Geheimnisse zu entlocken. Dazu sprachen sie mit ehemaligen Entwicklern und sicherten alte Design-Dokumente, Artworks und Story-Entwürfe. In den nächsten Wochen werden sie nach und nach Teile davon veröffentlichen und der Community zugänglich machen. Für GameStar Plus machen sie aber eine Ausnahme und gewähren euch vorab einen Blick in ihren reichhaltigen Fundus.
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Was ist die Gothic-Mod Phoenix überhaupt?
Phoenix oder auch Project Nyx ist keine exakte Wiederherstellung einer bestimmten Alpha-Version von Gothic. Vielmehr nimmt das Mod-Team verschiedene Elemente und angedachte Konzepte, die zwischen 1997 und 2001 entstanden, denkt sie weiter und formt daraus ein zusammenhängendes Ganzes. Phoenix soll das werden, was Gothic hätte sein können, wenn die ursprünglichen Pläne von Piranha Bytes konsequent zu Ende gebracht worden wären.
»Diese hochgesteckten Ziele, die man dann nicht ganz erreichen konnte, aber die trotzdem so in der Reinheit glaube ich auch nie wieder in einem Spiel vorgekommen sind«, sagte Oliver von Phoenix Tales bei unserem ersten Gespräch über seine Faszination für das Ur-Gothic.
Eine der größten Änderungen betrifft den Charakterfortschritt. Klassische Erfahrungs- und Lernpunkte sind passé, stattdessen regelt sich alles über die Wahl der Klasse. Krieger, Diebe, Magier und Psioniker verfügen über eine Palette an unterschiedlichen Fähigkeiten. Während Diebe Schlösser knacken, schlagen Krieger Türen einfach ein. Psioniker können wiederum kurzzeitig die Bewohner der Barriere per Gedankenkontrolle steuern, wozu zwei alte Attribute wieder wichtig werden: Willenskraft und Wahnsinn, die sich durch Meditation und den Konsum von Sumpfgras unter Kontrolle halten lassen.
Weil es keine Erfahrungspunkte gibt, muss man nicht mehr die Wildnis für einen Stufenaufstieg abgrasen. Bessere Skills werden über Fortschritte in der Story freigeschaltet und dadurch, dass man seine Rolle innerhalb der jeweiligen Gilde ausfüllt. »Learning by Acting« nennt das Phoenix Tales.
Der lädierte, heruntergekommene Look des Minentals wird weiter ausgebaut. Genauso wie die Konkurrenz zwischen den drei Hauptgilden. Es soll zu Scharmützeln untereinander kommen, wenn ein Lager den Konvoi des anderen überfällt. Auch verworfene Story-Abschnitte bekommen neues Leben eingehaucht. Wir besuchen die unterirdische Stadt der Orks und lernen ihre Kultur besser kennen. Die Schürfer in der Mine des Neuen Lagers werden ebenfalls mehr zur gesamten Geschichte beitragen.
Phoenix wird eine ganz neue Gothic-Saga
Der Umbau des ersten Gothic ist aber nur der erste von mehreren geplanten Akten. Akt zwei namens »Nemesis« soll das Gothic Sequel, das eingestellte Addon, mit dem gleichen Designansatz komplementieren. Eigentlich wollte man danach mit der Modifikation fertig sein. »Dann sind wir aber auf die Idee gekommen, weil Thora die Amazone so eine bedeutende Rolle in unserem Nemesis-Akt spielt, mit ihr den ganzen Plot von Phoenix zum Abschluss zu bringen«, erklärt Oliver das Wachstum der Mod.
Der namenlose Held wird einer neuen Figur Platz machen, die ihren ersten Auftritt in »Nemesis« feiern wird. Zentraler Handlungsort soll dann aber nicht wieder das Minental werden, sondern Khorinis und Umgebung. Im Vergleich zu Gothic 2 wird die Erzstadt komplett umgebaut werden und mehr den Beschreibungen des Vorgängers und des offiziellen Comics entsprechen. Wenn alles glatt geht, wird Phoenix also im Prinzip drei Spiele in einem.
»Es ist eine Mammutaufgabe. Daraus wollen wir gar keinen Hehl machen. Aber wir haben uns auch bewusst für diese Aktstruktur entschieden, um das irgendwie in handhabbare Stücke runter zu brechen«, antwortet Oliver auf die Frage, ob sie sich damit nicht zu viel aufhalsen. Jeder der drei Akte wird einzeln unter einer Public-Source-Lizenz veröffentlicht werden. Damit können Dritte auf die Daten der Modder zugreifen, das Urheberrecht bleibt aber im Rahmen der Gothic-Modlizenz bei ihnen.
Phoenix Tales erhofft sich durch diese Vorgehensweise mehr Mitstreiter und Mitstreiterinnen für ihre Sache gewinnen zu können, wenn Andere unter die Haube ihres Projekts schauen und Verbesserungen an Scripten und Co. vornehmen. Im letzten Jahr wuchs ihr Team schon von zwei Leuten auf neun heran. Als sie vor ein paar Monaten einen öffentlichen Discord-Server eröffneten, versammelten sich relativ schnell über Hundert begeisterte Gothic-Fans, um über Phoenix und die Alpha-Versionen zu plaudern. Auch der damalige Chef-Entwickler von Gothic Mike Hoge stieß dazu, ebenso weitere ehemalige Piranha-Bytes-Mitarbeiter wie Tom Putzki und Kai Rosenkranz. Damit ergab sich eine einmalige Chance.

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